Feiern in Corona-Zeiten

Premiere für die Guntersriether Zeltkirwa

Luftigere Tischreihen, eine Laufrichtung und Getränke nur in Flaschen – daran machte sich die Pandemie bemerkbar. | Foto: Pitsch2021/07/IMG-8758.jpg

GUNTERSRIETH – Eine Dorfgemeinschaft hat sich anstecken lassen von einer vielleicht verrückten Idee eines Mannes: Im Januar startete Benjamin Reitinger die Planungen zur ersten Guntersriether Zeltkirwa. Feiern war da ganz weit weg. Doch jetzt wurde der Traum von drei Tagen echter Kirwa Realität.

„Der Kraft- und Zeitaufwand in der Pandemie-Zeit war enorm“, gibt Reitinger bei der Begrüßung zu. Doch das und dass viele das Vorhaben im Vorfeld schlecht geredet hatten, habe Dorf, Feuerwehr und Heimatverein „zamrücken“ lassen. Für die Gäste war die viele Arbeit schon bei den Karten sichtbar. Tickets für eine Kirwa – ungewöhnlich, aber aufgrund der Nachverfolgungsmöglichkeit und der beschränkten Kapazität nötig. Wer also spontan feiern gehen wollte, hatte Pech. Bei allen anderen flatterten die großen gelben Papiere per Post ins Haus. Sie wirken professionell, zeitintensiv.

Mit denen in der Handtasche geht es auf die Hochfläche oberhalb von Hartmannshof. Schilder weisen den Weg zu einer gemähten Wiese zum Parken, dann geht es zu Fuß zum Zelt im Ortskern. Alles wie üblich. Nach und nach kommen so Familien, Freunde und kleine Grüppchen an; manche lassen sich im Großraum- oder Elterntaxi herfahren. Maske auf, Karten an der Einlasskontrolle vorzeigen, Bändchen ans Handgelenk – das Kirwa-Gefühl ist eigentlich wie immer.

Ohne Geschiebe durch die Bänke

Das trüben auch die beiden schwarzgekleideten Herren der Security und das eingezäunte Gelände nicht. Aus dem großen weißen Zelt dringt schon fröhliche Volksmusik vom Band. „Nur Eingang“ steht dort geschrieben. Auf den groben Holzplanken prangen große graue Pfeile, die die Laufrichtung angeben. Denen folgend geht es durch die luftig stehenden Bänke hindurch. Reitinger findet das Zelt riesig für nur 200 Leute. Seltsam ist es, aber mehr Platz statt Gedränge nicht unangenehm. Und da sich die Sitzgelegenheiten rasch zum „ausverkauft“ füllen, erscheint keine Bank verloren im Raum.

Jeder trägt – wie in Gastrobetrieben auch – seine Maske; und das auch noch zu später Stunde. Das mit dem Einhalten des Einbahnstraßensystems gestaltet sich dagegen etwas schwieriger. Als das Thekenteam zwei junge Herren bittet, ihren Mund-Nasenschutz aufzusetzen, machen sie das prompt ohne Murren und Meckern. Alle sind und bleiben zivilisiert. „Ich denke, weil sich die Leute einfach auf den Abend freuen“, meint Reitinger.

Das Publikum ist bunt gemischt, die Stimmung entspannt. Es ist etwas ruhiger als bei einer Kirwa vor Corona, irgendwie weniger Gewusel. Die meisten bleiben eher an ihren Tischen hocken. Andere starten dennoch Besuche bei der Nachbarbank zum Plaudern. Auch Reitinger tingelt nervös durchs Zelt, sagt mal hier, mal da „Hallo“ oder wünscht „an Gudn“. „Gibt’s a Maß?“, fragt ihn einer. Nein – ebenso keine Bedienung. Um das Hopfengetränk im großen Krug ist es schon etwas schade; es gehört ja sozusagen zur Kirwa dazu und ist nicht alltäglich.

Mutig hinter der Maske

Verdursten und verhungern muss trotzdem niemand. Sich selbst mit Essen und Trinken in Flaschen zu versorgen, ist ebenfalls nicht ungewöhnlich; sogar Hugo für die Damen ist zu haben, aber kein Schnaps. Die Frage: Braucht es das wirklich für eine gelungene Kirwa? Die folgenden Stunden zeigen – nein.

„Es ist halt eine Mutfrage“, sagt Reitinger. Bei der Fußball-EM lagen sich 60 000 Menschen in den Armen und „wir müssen uns hier an zig Vorschriften für unsere kleine Dorfkirwa halten“. Die lassen sogar einen Bieranstich durch Bürgermeister Jörg Fritsch zu. Zwar maskiert, aber mit den üblichen Pannen vermittelt auch diese Tradition Eindruck von Normalität.

Als Reitinger als Ben Ray dann die Bühne erklimmt, klatschen und jauchzen alle sofort mit. Selten erlebt man das so von den ersten Klängen an. Das Mitmachen geht über in ein schwungvolles Geschunkel. Sogar ein Tanzboden ist vorhanden, den ein Pärchen beim ersten Boarischen unter großem Jubel des Publikums entert. Letzteres hat das Mitsingen und Grölen nach einem Jahr Kirwa-Pause auch nicht verlernt. Die Energie scheint grenzenlos: Lebensfreude pur schwappt durch dieses Zelt in Guntersrieth.

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