Rathaus bleibt Antworten schuldig

Tenside auch in Diepersdorf

Ein Hochbehälter bei Haimendorf, der zur Moritzberggruppe gehört. Diese versorgt rund 7500 Menschen mit Wasser. Foto: PZ-Archiv | Foto: Andreas Sichelstiehl2015/08/hochbeha__lter_moritzberg.jpg

DIEPERSDORF — Nicht nur im Birkensee finden sich die potenziell krebserregenden Perfluorierten Tenside (PFT). Schon 2013 wurden sie in erhöhter Konzentration in einem Brunnen der Leinburger Trinkwasserversorgung entdeckt. Wahrscheinlich strömen sie auch aus der Kläranlage des Orts. Einen Verursacher haben die Behörden bislang nicht ausfindig machen können.

Gesundheitsgefährlich waren die in den vergangenen zwei Jahren ermittelten Werte nicht, das bestätigen alle von der Pegnitz-Zeitung befragten Experten, doch immerhin beunruhigend genug, um eine sogenannte Amtsermittlung auszulösen. Folgende Frage war der Ausgangspunkt: Wie kommen die giftigen Stoffe ins Wasser rund um Diepersdorf? Recht erfolgreich waren die Behörden bisher nicht. „Den einen Dreckbeutel, der das einleitet“, wie Günther Häusler, der Sprecher des Landratsamts in Lauf sagt, haben sie nicht gefunden.

2013 wurden in einem Tiefbrunnen der Moritzberggruppe, die rund 7500 Menschen im Leinburger Gemeindegebiet und in mehreren Röthenbacher Ortsteilen versorgt, laut Landratsamt 0,12 Mikrogramm Perfluoroctansulfonat (PFOS) pro Liter Wasser gemessen. PFOS ist einer der wichtigsten Stoffe aus der PFT-Gruppe. Er wurde 2006 europaweit verboten, doch verschiedene Branchen konnten Ausnahmeregelungen durchsetzen. Idealerweise liegt die PFT-Gesamtkonzentration unter 0,1 Mikrogramm. Ganz anders die Resultate im Finstergraben, direkt am Auslauf der Diepersdorfer Kläranlage: Dort waren es im März vergangenen Jahres 0,22, im Mai 0,89 und im August 0,64 Mikrogramm PFOS.

Von der Gemeinde Leinburg wollte die Pegnitz-Zeitung am Mittwoch unter anderem wissen, wie 2013 und 2014 insgesamt die Belastung des Trinkwassers ausfiel und wie die Werte innerhalb der Kläranlage waren. Bürgermeister Joachim Lang war nicht zu sprechen, nur eine E-Mail schrieb er an die Redaktion. Darin heißt es: „Ich möchte deutlich erwähnen, dass der Gemeinde Leinburg sehr daran gelegen ist, sachlich und zielführend mit dieser sensiblen Thematik umzugehen.“ Zahlen
blieben offen. Die Kommune will „in den nächsten Tagen“ antworten.

Sind es verschiedene Fälle?

Dass PFT nun auch im Birkensee aufgetaucht sind, macht die Amtsermittlung noch komplizierter. Denn das Grundwasser strömt laut Wasserwirtschaftsamt aus Südost nach Nordwest, also weg von dem Gewässer. Und auch der Finstergraben, der am Diepersdorfer Gewerbegebiet vorbeifließt, mündet erst nach dem Birkensee in den Röthenbach und dann in die Pegnitz. Aus Diepersdorf kann also – zumindest in der Theorie – nichts in das Naherholungsgebiet im Reichswald gelangen.

Im Diepersdorfer Gewerbegebiet sitzt der Betrieb, den einige Leser der Pegnitz-Zeitung im Verdacht haben: die Bolta-Werke. Tatsächlich wird PFOS in der galvanischen Industrie eingesetzt. Nur: Die Bolta-Werke, die nach eigener Aussage Marktführer im Bereich der Kunststoffgalvanik sind, kommen ohne diese Chemikalie aus, wie das Landratsamt bestätigt. 2009 habe man erstmals einen Ersatzstoff getestet, 2011 und 2012 dann die verbliebenen Anlagen umgestellt, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme des Unternehmens, das 1400 Mitarbeiter beschäftigt. Bolta spricht darin von einem „freiwilligen Verzicht“. Eine Autorisierung zur Verwendung von PFOS wäre „nach wie vor gegeben“. Der Umstieg sei mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden gewesen.

Geschäftsführer Christian Falk wohnt selbst in Diepersdorf. Er sagt: „Ich trinke das Wasser ja auch.“ Dass PFOS unter anderem in einem Tiefbrunnen entdeckt wurde, sei „ein Behördenthema, das mich erst einmal nichts angeht“. Falk spielt mit dieser Äußerung darauf an, dass PFT allgegenwärtig sind, etwa in beschichteten Outdoorjacken oder Baustoffen. „Es gibt viele mögliche Quellen“, sagt auch Peter Gronau vom Landratsamt.

Der Leiter des Sachgebiets Umwelt will zwar weitersuchen, doch für ihn ist fraglich, „ob wir die Ursache wirklich finden“. Womöglich hat es das Landratsamt mit mehreren Verursachern zu tun. Im Wald ausgebrachte Klärschlämme, in den Achtzigern bei Übungen eingesetzter Löschschaum oder eine Altdeponie – all das ist im Augenblick nicht auszuschließen.

Eine Kontamination des Grundwassers könnte sich bereits vor Jahrzehnten zugetragen haben. Damals verwendeten die Bolta-Werke noch PFOS, aber das taten andere Unternehmen in der Region ebenfalls. „Wir befragen jetzt auch Zeitzeugen.
Sie müssen uns aber Zeit geben“, sagt Gronau.

Update: Wie der Leinburger Bürgermeister am Donnerstagmittag schriftlich mitgeteilt hat, sind im Leinburger Trinkwasser aktuell keine Tenside nachweisbar bzw. lediglich in einem Brunnen, aber deutlich unterhalb des Leitwerts. Der Brunnen III, in dem die Werte erhöht waren, werde nur noch als sogenannter Abwehrbrunnen genutzt, d.h. das hier geförderte Wasser gelangt nicht in die Wasserhähne der Haushalte.

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