Staatsforsten in der Kritik

Protest im Reichswald

„Saubere Arbeit“: Sarkastisch kommentiert ein Unbekannter mit solchen Zetteln seit Wochen die Arbeit der Bayerischen Staatsforsten. Vor allem rund um Kotzenhof hängen die Totenköpfe. Foto: Sichelstiel2014/06/84552_harvestereinsatzschildkotzenhof_New_1403707864.jpg

LAUF/RÜCKERSDORF — Zumeist sind es Totenköpfe: Ein Unbekannter heftet Protestzettel an die Bäume im Reichswald bei Kotzenhof. Hunderte haben die Bayerischen Staatsforsten, denen darauf Waldzerstörung vorgeworfen wird, bereits entfernt. Nicht nur das staatseigene Unternehmen ist inzwischen genervt, auch der Bund Naturschutz geht auf Distanz. Im Sebalder Reichswald knirscht es nicht nur im Unterholz.

Horst-Dieter Fuhrmann hat keinen leichten Job. Wer mit dem stellvertretenden Leiter des Nürnberger Forstbetriebs und seinen Kollegen in deren Geländewagen durch den Reichswald zwischen Rückersdorf und Lauf fährt, versteht das schnell. Am Abend herrscht hier reger Betrieb, Jogger und Radfahrer drehen ihre Runden. Trotz eines großen Schilds mit Staatsforsten-Logo, das hinter Fuhrmanns Windschutzscheibe klebt, ärgert sie die Begegnung mit den Autos. Sie sei hier im Wald, nicht auf der Autobahn, blafft eine Spaziergängerin, die ihre zwei Hunde festhalten muss.

„Jeder meint halt, dass ihm der Wald ein Stück weit gehört“, sagt Fuhrmann und bleibt gelassen. Und es stimmt ja auch: 24 000 Hektar verwaltet der Nürnberger Forstbetrieb, – Wald, der Eigentum des Freistaats und damit aller Bürger ist. Nur sobald es um die Nutzung dieser riesigen Fläche geht, kommt es zum Streit. Die Jogger, Radfahrer und Spaziergänger möchten ihre Freizeit ungestört zwischen den Bäumen verbringen, die Staatsforsten haben von der Politik den Auftrag bekommen, den Wald zu bewirtschaften. Wie die ältere Dame mit den zwei Hunden wohl reagiert, wenn ihr ein Vierzigtonner entgegenkommt? Die Wege im Reichswald sind unter anderem deshalb so gut ausgebaut, weil auf ihnen Stämme mit Lastwagen abtransportiert werden.

Fuhrmanns Arbeitgeber hat kein gutes Image. Die unzähligen Protestzettel, die seit Wochen bei Kotzenhof an Bäumen hängen, formulieren nur drastisch, was viele denken: Um Profit zu machen, holzt das Unternehmen, das – wie etwa der Bayerische Rundfunk – als Anstalt des öffentlichen Rechts organisiert ist, weil es 2005 eine staatliche Aufgabe übernommen hat, Baum für Baum ab.

Im Sebalder Reichswald hat dieser Vorwurf mit einem Kulturschock zu tun. Die Rückersdorfer verehren noch heute den vor sechs Jahren gestorbenen Förster Helmut Reingruber, sogar eine Gedenktafel erinnert an ihn. Reingruber hatte mit den heute gebräuchlichen Harvestern, großen Holzerntemaschinen, nichts am Hut, nicht einmal Rückegassen, also Einschnitte, die den Wald für Harvester und anderes schweres Gerät erschließen, gab es. Heute stößt der Waldbesucher in der Regel alle 30 Meter darauf. War der Harvester gerade erst da, bietet sich kein schönes Bild. Umgeknickte Äste liegen auf dem Boden, Bäume stehen auf den Rückegassen erst recht nicht mehr. Vor allem an solchen Stellen hinterlässt der Unbekannte seine Totenköpfe. „Waldverdruss statt Waldgenuss“: So und ähnlich lauten die Slogans auf den Blättern, die der anonyme Kritiker an Bäume heftet.

Die Totenköpfe stapeln sich

Fuhrmann, in dessen Büro sich mindestens 50 Totenköpfe stapeln, kann nur für Verständnis werben. Im Schnitt werde jedes Waldstück alle zehn Jahre durchforstet, in der Zwischenzeit würden die Rückegassen zuwachsen, wenn auch in erster Linie mit Sträuchern. Selbst dort, wo man Waldarbeiter statt Harvester einsetze, brauche man solche Einschnitte, schließlich müsse das Holz abtransportiert werden. Eine sogenannte flächige Befahrung – wie sie Reingruber praktiziert hat – verhindert zwar optische Beeinträchtigungen, ist laut Fuhrmann inzwischen aber unzulässig, weil der Schaden für den Boden größer als bei einzelnen Rückegassen sei. Tatsächlich gibt es seit 1999 ein Gesetz, dass vorschreibt, es „so weit wie möglich“ zu vermeiden, dass der Boden verdichtet wird.

Der stellvertretende Leiter des Nürnberger Forstbetriebs geht noch einen Schritt weiter. Selbst Reingruber, sagt er, würde heute Harvester einsetzen. Denn nicht zuletzt dank des Rückersdorfer Försters sei aus einer Monokultur ein dichter Mischwald geworden. So dicht, dass die Waldarbeiter so manchen Baum nicht mehr sicher fällen könnten, unter anderem deshalb, weil die Sicht schlecht sei. Nach Angaben der Staatsforsten kommen Harvester derzeit trotzdem nur auf der Hälfte der Reichswaldfläche zum Einsatz, die andere Hälfte wird nach wie vor manuell bearbeitet.

Schieres Profitstreben streitet Fuhrmann ab. Man liefere das Holz aus der Region nicht nach China, sondern an Sägewerke im Umkreis von rund 150 Kilometern. Etwa sechs Festmeter Holz würden jedes Jahr pro Hektar nachwachsen, man fälle weniger, knapp über fünf Festmeter.

Man kann das für überzeugend halten oder nicht, die Zahlen lassen sich ohnehin kaum nachprüfen. Was die Protestzettel aber wirklich ins Zwielicht rückt, ist die Reaktion des Bund Naturschutz. Dessen Rückersdorfer Vorsitzende Christa Alt stellt dem Forstbetrieb zwar keinen Persilschein aus, berichtet von Fällen, in denen Harvester über Waldschnepfen oder Orchideen gerollt sind, aber sie sieht in Fuhrmann und seinen Kollegen noch längst keine gedankenlosen Waldzerstörer. Auch wenn man immer wieder Gefechte austrage, so Alt: Die Staatsforsten seien gesprächsbereit, man könne sich treffen und über kritische Themen reden. Seit der Forstreform, zu deren Gegnern die Naturschützer gehörten, hat sich das Verhältnis ein Stück weit normalisiert. „Mich stört, dass die Zettel anonym aufgehängt wurden“, sagt Alt, die festhält, dass der Bund Naturschutz mit der Aktion nichts zu tun hat.

Alt und ihre Mitstreiter wünschen sich in erster Linie weniger Rückegassen, etwa nur alle 40 oder sogar nur alle 60 Meter. Das, sagt Fuhrmann, sei nicht zu realisieren, wolle man den Reichswald so wie bisher weiterbewirtschaften. Er ist wohl auch nicht der richtige Ansprechpartner – denn die Vorgaben liefert die Politik. Und die schafft es, glaubt man dem Fränkischen Albverein, noch nicht einmal, ausreichend Schutzgebiete für die seltenen Flechten-Kiefern-Biotope auszuweisen, die es vor allem auf der fränkischen Sandachse gibt.

Wer weniger Eingriffe fordert, muss sich zudem über die Konsequenzen Gedanken machen. Holz ist ein gefragter Rohstoff, Hackschnitzelheizungen sind in Mode gekommen. Fuhrmann kontert Kritik an seiner Arbeit deshalb so: „Alle gehen in den Baumarkt und wollen dort günstige Latten kaufen.“ A. Sichelstiel

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