Ukraine-Konflikt

Kriegsangst treibt die Menschen in Charkiv um

Marktszene in Charkiv – im Hintergrund die Verkündigungskathedrale2014/03/charkiv_New_1394528705.jpg

NÜRNBERGER LAND — Wie geht es den Menschen in der Ukraine jetzt, da täglich neue Gerüchte durch die Nachrichten schwirren, pro- und antirussische Demonstrationen im Osten des Landes organisiert werden und Agitatoren Rathäuser besetzen? Was treibt die Menschen um in Charkiv, russisch Charkow, wenn sie erfahren, dass Russland sich die Krim einverleiben will? Fritz Körber hat engen Kontakt zu Freunden in Charkiv, per E-Mail, per Brief und telefonisch. Im Nürnberger Land gibt es nur wenige, die ein vergleichbares Netzwerk in dem osteuropäischen Land aufgebaut haben.

Seit 1992 ist der 74-Jährige in der Ukraine engagiert, hat als AWO-Mitglied zahlreiche Hilfskonvois aus Franken in das osteuropäische Land begleitet und vor Ort Menschen aus allen Bevölkerungsschichten kennengelernt: Patienten in Krankenhäusern, Rentner, die ihr Mittagessen in den Armenküchen Charkivs bekommen, Leute aus der Verwaltung, Priester. Viele halten über Jahre Kontakt zu ihrem Besucher aus Deutschland. Briefe aus der Ukraine füllen inzwischen Dutzende von Leitzordnern in Körbers Wohnung.

„Jetzt sind die Menschen in größter Sorge, sie haben Angst, dass es zum Krieg kommen könnte“, sagt der ehemalige Vizepräsident des Bezirkstags. Im russisch geprägten Charkiv hat man die Ereignisse in Kiew zwar mit Skepsis beobachtet, sieht aber jetzt, welchen Einfluss Russland auf das Land nimmt. Wohin führt das? In Telefongesprächen wird für Fritz Körber immer wieder deutlich, dass seine Gesprächspartner fürchten, möglicherweise abgehört zu werden. Viele äußern sich deshalb über die aktuelle Situation nur vage: Ja, es sei schwierig im Moment, aber doch nicht allzu schlimm.

Front quer durch die Familien

Allzu schlimm: Das wäre der Tag, an dem Ukrainer auf Ukrainer schießen müssten, an dem sich östliche Landesteile abspalten und die Armee aufmarschieren würde. Körber hat es bei seinen jüngsten Besuchen in der Ukraine im vergangenen Jahr erlebt. Damals gingen die Auseinandersetzungen quer durch die Familien, die er besuchte: „Die jungen Leute standen auf der Seite des Majdan, sprachen sich für eine Annäherung an den Westen aus, die Älteren waren strikt dagegen und äußerten ihre Sympathien für Moskau.“ Zwischenzeitlich sind die Gräben zwischen den beiden Lagern tiefer geworden.

Charkiv hat zwar den geschassten Präsidenten Janukowitsch unterstützt. „Trotzdem haben mir die Leute immer wieder gesagt, dass sie die Oligarchen weghaben wollen.“ Die Korruption, der immense Reichtum auf der einen und die Armut auf der anderen Seite, die eigene Machtlosigkeit — all das hat die Menschen über die Jahrzehnte abgestumpft, hat sie gleichsam erstarren lassen in einer Duldsamkeit, die man sich im Westen kaum vorstellen kann. Und trotzdem: Mit den Unruhen im Westen der Ukraine hat sich auch im Osten stimmungsmäßig etwas verändert: „Die Menschen akzeptieren es nicht mehr, dass einfach über ihre Köpfe hinweg entschieden wird“, sagt Körber. Wer entscheidet jetzt in der Ost-Ukraine? Eine Gesprächspartnerin berichtete Körber, dass sie jetzt Angst hat, in Charkiv auf die Straße zu gehen, weil sie vor kurzem die russische Fahne auf dem Rathaus gehisst sah und dachte, dass die Ukraine bereits von Russland besetzt sei. Tatsächlich hatten Agitatoren das Rathaus gestürmt, den Gouverneur abgesetzt und die Russland-Fahne aufgezogen. Inzwischen ist der Gouverneuer zwar wieder im Amt, die Lage bleibt aber prekär, weil täglich Busse mit Demonstranten aus Russland in die Stadt kommen.

Währung im Keller

Die große Politik ist für die Menschen die eine bedrückende Seite, die andere ist die finanzielle Situation. Weil die Ukraine faktisch pleite ist, befindet sich die Währung im Sturzflug. Wer ein wenig gespart hat und in der jetzigen Notzeit ukrainisches Geld in Fremdwährung umtauschen will, wird in den Wechselstuben bitter enttäuscht. Es gibt keine ausländischen Währungen mehr gegen ukrainisches Geld. Fritz Körber weiß von vielen Menschen, die jetzt Angst haben, dass sie sich keine dringend benötigten Medikamente mehr beschaffen können. Rentner bekommen ihre ohnehin kärglichen Renten nicht mehr ausbezahlt, die Schlangen vor den Armenküchen werden immer länger.

Reise im April

Hilfe ist jetzt dringender denn je. Deshalb hat Fritz Körber für den 24. April ein Ticket nach Charkiv auf dem Schreibtisch. Er wird wieder hinreisen, wird Geld in die Armenküchen der Stadt bringen, Krankenhäuser und Waisenheime besuchen und bettelarmen Rentnern mit einem kleinen Geldbetrag unter die Arme greifen. „Wenn es bis dahin ruhig bleibt und ich einreisen kann.“

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren