Selnecker-Kantorei begeistert mit Rutter und Jenkins

Mitten ins Herz

Kirchenmusikdirektor Karl Schmidt hatte alle Musiker im Blick, Altistin Karin Steer versetzte als „ethnische Stimme“ die Zuhörer in den Orient. | Foto: Ute Scharrer2016/11/Rutter-Jenkins-Schmidt-Steer.jpg

HERSBRUCK – Es gibt Momente, da macht die Trennung in E- und U-, deutsche und internationale Musik tatsächlich überhaupt keinen Sinn: Mit der ergreifenden Aufführung von Werken zweier zeitgenössischer Komponisten aus England, die auch Elemente aus Pop, Werbung, Filmmusik und fremden Kulturen einsetzen, fegen Chor und Orchester der Nikolaus-Selnecker-Kantorei alles Trennende hinweg, berühren trauernde Herzen und spenden musikalischen Trost voll triumphierender Hoffnung.

Mit einem Requiem und einem „Stabat Mater“ hat sich Kirchenmusikdirektor Karl Schmidt einmal mehr schwere Kost vorgenommen. Das Requiem ist eine liturgische Form der katholischen Messe für Verstorbene, das „Stabat Mater“ ein vielfach vertontes mittelalterliches Gedicht, das um die Mutter Jesu in ihrem Schmerz um den gekreuzigten Jesus kreist. Mit der Entscheidung für zwei noch lebende Komponisten gelang es, ein völlig ungewohntes und gerade deshalb ebenso aufwühlendes wie anrührendes Hörerlebnis für die voll besetzte Stadtkirche zu schaffen.

Weder der 1945 in London geborene John Rutter noch der 1944 in Wales geborene Karl Jenkins scheuen die große Geste oder eine für Kirchenräume ungewohnte Wucht. Mit Pauken, Trompeten und orientalischen Klagegesängen wird der Zuhörer in die universelle Welt des Schmerzes gezogen und mit sanften Gebetsliedern und auftrumpfenden Temperamentsausbrüchen, in denen sich das Leben Bahn bricht, wieder getröstet.

Schon mit den ersten Tönen von Rutters Requiem deutet sich eine neue Kirchenmusikerfahrung an: So atmosphärisch, so voll unverhohlenem Gefühl und einem „Himmel voller Geigen“ hat man sich das Flehen um die ewige Ruhe der Verstorbenen bisher nicht vorstellen können. Dabei bleibt der Chor – bei bester Textverständlichkeit — stets ganz durchlässig, um die grandiose Komposition fließen zu lassen.

Schon als zweites Stück flicht Rutter den Psalm 130 in englischer statt lateinischer Sprache ein. Den Auftakt zu „Out of the deep“ bildet ein melancholisches Cello-Solo von Simon Kreß, das fast improvisiert wirkt. Das Orchester darf wie der Chor viele Facetten zeigen: in Karl Jenkins‘ „Stabat Mater“ sind nicht nur Textpassagen in Altgriechisch, Hebräisch, Arabisch und Jesu Muttersprache Aramäisch zu finden, sondern auch orientalische Instrumente und Tonarten. Mal wird ein ganzes Lied nur an den Saiten der Streichinstrumente gezupft, mal helfen sechs teils blutjunge Perkussionisten zusammen, um für das nötige Drama mit rollenden Pauken und dröhnenden Becken zu sorgen.

Gänsehaut läuft die Arme hinauf und hinunter, als Alt-Solistin Karin Steer aus voller Kehle arabische Klagegesänge anstimmt. Das hallt so authentisch durch den Kirchenraum, dass man sich in ein fernes Land versetzt fühlt. Sopran-Solistin Fabienne Carry bleiben lieblichere Passagen wie das „Pie Jesu“ überlassen. Erstaunlich, wie zarte Anrufungen und gellende, kehlige Klage harmonieren; wie die Tiefe der klassischen Kirchenmusik mit der Leichtfüßigkeit der Moderne Hand in Hand geht. Im Vielklang der Sprachen und Tonarten kann kaum einer sich des Eindrucks erwehren, dass diese gefühlte und mitfühlende Musik auf Trauernde und besonders auf trauernde Mütter überall in der Welt zielt.

Für sie und zur Erhebung ihrer Zuhörer kommen Chor, Orchester und Solisten in einer großen und gelungenen Gemeinschaftsanstrengung zusammen, um die hochdramatischen Werke zum Klingen zu bringen, gegen die mancher Film-Soundtrack verblasst. Das volle Gotteshaus dankt es ihnen mit stehenden Ovationen und wird mit der Zugabe des grandiosen „Sancta Mater“ von Karl Jenkins belohnt.⋌

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