Welche Chancen hat Hersbrucker Innenstadt?

Diskussionen um ein „Luxusproblem“

Das Kino war voll. Im Publikum: Stadträte aller Fraktionen. Foto: S. Will2014/11/5_2_1_2_20141111_PODIUM.jpg

HERSBRUCK – Diese Veranstaltung hätte durchaus einen größeren Rahmen vertragen: Bis auf den letzten Platz war das Kick gefüllt, als die Hersbrucker Stadtrats-SPD und ihre Kollegen von den Grünen die Frage stellten: „Eine Stadt für alle – wie kann Hersbruck möglichst vielen Interessen gerecht werden?“ Antworten wurden auch vom Bamberger Stadtplaner Leonhard Valier gegeben. Und der feuerte zu Beginn eine Breitseite gegen ewige Kritiker ab: „Sie haben keine Ahnung, wie schön die Stadt ist und wie viele Geschäfte Sie haben – was Sie haben, ist ein Luxusproblem.

Darum ging es: Durchs Nürnberger Tor rein oder raus? Innenstadtbelebung durch mehr Parkplätze? Warum wohnen immer weniger Menschen im Stadtzentrum? Was soll mit dem Schickedanz-Areal und dem Posthof werden? Fragen, auf die neben Valier auch Roland Wölfel, Geschäftsführer der Konzeptagentur CIMA für Stadt- und Regionalentwicklung, die in Hersbruck lebende Stadtplanerin Christa Heckel, Philip Sydenham von den Altstadtfreunden und Peter Matzner fürs Wirtschaftsforum Antworten gaben. Matzner gelang der Spagat, in den er öfter als CSU-Stadtrat auf dem Podium gezwungen wurde, oft.

Leerstände:

Als Valier behauptete, die Leerstände in Hersbruck wären hier, verglichen mit strukturarmen Regionen wie der Rhön, keine Herausforderung, hakte Matzner ein: „Wir haben genug Leerstände. Und nach 25 Jahren Innenstadtumgestaltung mit Fußgängerzone muss man über neue Ideen nachdenken“, sprich, die Innenstadt für Autos zu öffnen. „Hersbruck lebt auch vom Umland – wir haben noch ein großes Einzugsgebiet, aber das wird weniger.“ Christa Heckel, Stadtplanerin der Stadt Nürnberg und Hersbruckerin, führte sachlich und ruhig die Blickweise der Hersbrucker vor: „Wir sehen jeden Laden, der schließt, wir sehen jedes verlotterte Eck“, Neueröffnungen allerdings würden weniger stark in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken.

Schickedanz-Areal & Posthof

Wunsch und Wirklichkeit prallten bei diesem Thema aufeinander. Auf den Boden der Tatsachen holte Peter Matzner die Stadtentwickler herunter, als er angesichts der Wunschliste von Gewerbe, Wohnen und Handel betonen musste, dass der Stadt das Gelände, dessen Zukunft ungewiss ist, nicht gehöre und die Verkaufsgespräche mit der Eigentümerin und dem Investor nach wie vor andauerten. Valier, der in Hersbruck eine Zielrichtung vermisst („Will ich Teil der Gesundheitsregion sein? Dann muss ich mich anders aufstellen als eine Stadt, die sich als Einzelhandelszentrum versteht“), schlug vor, die Fläche für einen Wettbewerb bundesweit auszuschreiben. „Damit erhalte ich hohe städtebauliche und architektonische Qualität plus belastbare Nutzungsideen.“ Valier gab den Anpacker: Die Stadt solle am besten das Grundstück kaufen, gut verplanen und dann vermarkten – „das kostet eine Heidenkraft, aber den Mut müssen Sie haben, Sie kriegen es zurückgezahlt“. Da konterte Stadtrat Matzner: „Die Stadt hat kein Geld. Punkt.“

Journalist Thomas Meiler, der souverän die Diskussion führte, hakte nach: „Ein Einkaufszentrum zulasten des Innenstadthandels?“ Christa Heckels Antwort: „Ich glaube nicht, dass der Netto in der Poststraße einen Supermarkt aushält.“ Dass das Grundstück nicht der Stadt gehört, sei allerdings kein Grund anzunehmen, dass der Investor allein bestimme, wie die Fläche bebaut werde: „Die Stadt kann Ziele vorgeben – das ist Arbeit, weil man sich über die Ziele klar werden muss. Im Bebauungsplan kann ich Pfosten einschlagen und dann jemanden suchen, der die Ziele verwirklicht.“ Sie sieht auf dem Areal auch die Form eines stadtnahen Wohnens gegeben, „ich habe aber nicht den Eindruck, dass das thematisiert wird“.

Wölfel lenkte das Thema noch auf einen bis dahin nicht beachteten Punkt: den Wandel im Einkaufsverhalten dank Internet-Einkauf und der Demografie. „Wir werden einen massiven Einbruch in der Handelslandschaft erleben.“ Warum also nicht auf ein Hotel setzen – vorausgesetzt, die Stadt setzt sich zum Ziel, sich mehr in der Gesundheitsregion zu positionieren.

Leben in der Altstadt

Phil Sydenham von den Altstadtfreunden: „Barrierefrei, weniger Autos, Schritttempo in der Altstadt“ stand auf seiner Wunschliste. Wer jetzt in der Altstadt wohnt oder vorhat, ein altes Haus flott zu machen, sieht sich oft dem restriktiven Denkmalschutz ausgesetzt. Eine Investitionssicherheit hätte somit kaum einer, sagte Christa Heckel und gab zu bedenken, dass auch Mieteinnahmen auf wackeligen Füßen stünden, wenn in zwei Jahren neben dem erworbenen Haus eine Kneipe eröffne. „Wir brauchen von der Politik da ein klares Bekenntnis zum Wohnen in der Stadt.“ Das Problem mit dem Denkmalschutz sah auch Matzner, warnte aber: „Die Innenstadt ist Kerngebiet, da sind Kneipen zulässig.“ Wölfel: „Der Trend geht zurück in die Stadt. Hersbruck muss sich positionieren: Wir wollen keine Denkmäler, sondern eine belebte Innenstadt.“

Parkplätze

Es ist gefühlt das beherrschende Thema in der Stadt: die Parkplatzsituation in der City. Das Wirtschaftsforum spricht sich dafür aus, da der Kunde am liebstem im Geschäft parken würde, so die Erfahrung der Einzelhändler. Peter Matzner, der sich auch für die Öffnung des Nürnberger Tors ausspricht: „Es wäre schon schön, wenn es nicht weniger Parkplätze werden würden. Der Posthof ist gut frequentiert – doch hier fallen dann 15 Stellplätze weg, wenn der neu bebaut wird.“ Er befürwortet die Lösung, dafür am Oberen Markt bis zu sieben Parkplätze, und am Unteren Markt, der früher auch für den Verkehr bestimmt gewesen ist, auch sieben Parkplätze anzulegen.

Angst vor dicken Verkehrsströmen in der Innenstadt hat Matzner nicht, „die Menge der Autos nimmt ja ab, es kommen ja bedauerlicherweise immer weniger Menschen in die Innenstadt.“ In Lauf, fügte er an, funktioniere es ja auch: Hier darf auf dem Marktplatz geparkt werden, „und das bei einem grünen Bürgermeister“. Niemand wolle die Fußgängerzone zurückbauen, „aber Parkplätze sind wichtig.“

Valier: „Ich habe hier kein Parkplatzproblem gesehen. Es ist ein Problem des Kopfes, wie wir mit Mobilität in der Innenstadt umgehen.“ Sein Berufskollege Wölfel hat eine andere Haltung: „Parkplätze gehören zur Willkommenskultur – nur die Städte überleben, die erreichbar bleiben.“ Erstaunlich: Aus dem Publikum war zu hören, dass viele Hersbruck-Besucher nicht wissen, dass es zwei Parkhäuser gibt. Allerdings: Im kleineren Sparkassen-Parkhaus kann nur mit EC-Karte gezahlt werden.

Christa Heckel setzte unter dieses Thema einen klaren Punkt: „Es gibt in Hersbruck 600 öffentliche Parkplätze und wir diskutieren um sechs auf dem Oberen Markt. Das Wirtschaftsforum schafft es, ein Prozent also hartnäckig in der Öffentlichkeit zu verankern. Ich frage mich, ob das angemessen ist. Ja: Handel braucht Verkehr. Aber wir reden zu wenig über den Fußgängerverkehr und über das Wohnen in der Innenstadt.

Denkansätze

Der Abend klang mit einer Fragerunde der Besucher aus. Einhellige Meinung: Ein interessanter Abend mit guten Denkansätzen, die die Stadt noch beschäftigen werden.

N-Land Susanne Will
Susanne Will