Bis heute ist der „Floramord“ ungeklärt

Ein 30 jahre altes, ungesühntes Verbrechen

In einem Waldstück bei Renzenhof wurde im August 1990 die Leiche von Claudia O. (kleines Bild) gefunden. Die 22-Jährige wurde erwürgt. | Foto: Kirchmayer/PZ-Archiv2020/08/Floramord-online-Collage.jpg

RÖTHENBACH – Es ist das Blumenfestwochenende in Röthenbach im August 1990. In der Nacht auf Samstag gegen zwei Uhr verlässt Claudia O. das Floraheim. Zu Fuß macht sie sich auf den Weg von der Gaststätte in der Adalbert-Stifter-Straße in Richtung Renzenhof. Dort lebt die 22-Jährige zusammen mit ihrem Mann Jürgen, 26, und der gemeinsamen sechsjährigen Tochter bei den Eltern des Ehemanns. Der Weg führt die Pächterin der Gaststätte des Kleingartenvereins „Flora“ an der Renzenhofer Straße entlang, rund eine halbe Stunde braucht man zu Fuß bis in den Röthenbacher Ortsteil. Doch Claudia O. kommt nicht zu Hause an.


Ein Spaziergänger findet am Samstagmorgen ihre Leiche in einem Waldstück kurz vor Renzenhof. Halbnackt liegt Claudia O. auf dem Bauch in einem Gebüsch, Slip, Hose und ein Schuh sind nicht auffindbar. An ihrem Hals findet die Polizei eindeutige Spuren eines Gewaltverbrechens: Die 22-Jährige wurde erwürgt. Zudem hat sie eine Platzwunde am Hinterkopf.
Acht Jahre später steht der Ehemann des Opfers, Jürgen O., für den sogenannten „Floramord“ vor Gericht. Doch er wird freigesprochen, die Richter sind von seiner Schuld nicht überzeugt.


30 Jahre sind seit der Gewalttat vergangen. Die Ermittler von damals sind im Ruhestand oder nicht mehr am Leben, der Fall Claudia O. immer noch ungeklärt. Die Akte liegt heute auf dem Schreibtisch von Wolfgang Eberle. Der 50-Jährige ist seit vier Jahren Leiter des Kommissariats K1 der Kriminalpolizei Schwabach, das unter anderem für Tötungsdelikte auch im Nürnberger Land zuständig ist, zuvor war er bei der Kripo in Nürnberg. Ein ungeklärtes Tötungsdelikt wird alle paar Jahre erneut unter die Lupe genommen, sagt der erfahrene Ermittler.

Keine harmonische Ehe


Wer sich mit dem Fall beschäftigt, wird schnell auf die schwierige Beziehung des Ehepaars O. aufmerksam. Zeugen berichteten gegenüber der Polizei von Streits, Jürgen O. soll seine Frau geohrfeigt haben und untreu gewesen sein. Nach dem Verbrechen soll er sich nicht gerade wie ein trauernder Witwer verhalten haben, sondern sich anderweitig vergnügt haben. Der Staatsanwalt stellt Jürgen O. vor Gericht als eifersüchtigen Tyrannen dar.

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Am Tatabend war das Ehepaar gemeinsam mit Bekannten auf der Kirchweih in Röthenbach, das „Floraheim“ war geschlossen. Später besuchte der 26-Jährige mit einem Bekannten eine Disko. Danach traf er sich mit seiner erheblich betrunkenen Frau – das zeigte ein Blutalkoholtest, der an der Leiche durchgeführt wurde – an der Gaststätte. Es kam zum Streit, in einem anschließenden Telefonat mit einer Freundin sagte Claudia O., dass ihr Mann sie schlug und zudem gegen eine Glastür der Gaststätte, wobei er sich eine blutende Wunde zuzog. Dann fuhr er mit dem Auto nach Hause, seiner Frau soll er gesagt haben, sie soll nachkommen.

Doch Claudia O. wollte nicht heim. Sie rief eine Freundin an, machte aus, bei dieser in Vorra zu übernachten. Rief ein Taxi. Schrieb ihrem Mann einen Zettel und legte diesen samt ihrem Hausschlüssel in den Briefkasten der Gaststätte.

Der Taxifahrer sprach sie noch an


Was dann passiert, kann man sich schwer erklären. Denn Claudia O. überlegte es sich anders und machte sich zu Fuß auf den Weg Richtung Renzenhof. Die 22-Jährige wurde unterwegs noch von dem Taxifahrer gesehen und aus dem Auto heraus angesprochen, doch sie stritt ab, das Taxi gerufen zu haben. Er war der letzte, der sie lebend sah – abgesehen vom Täter. „Das letzte vitale Zeichen des Opfers“ nennt es Eberle.


Jürgen O. musste nach der Heimfahrt mit seinem Auto nach Renzenhof im gemeinsamen Haus, in dem die Familie mit seinen Eltern lebte, klingeln, denn er hatte keinen Schlüssel dabei, seine Mutter machte ihm auf. Während des Verbrechens will er geschlafen haben.

Versuchte Vergewaltigung oder nicht?


Die Polizei hat Mühe, die Tat selbst einzuordnen. Obwohl die Leiche halb entkleidet war, gab es keine Spuren einer Vergewaltigung. War ein Sexualdelikt geplant, womöglich im Auto des Täters, doch die halbnackte Frau konnte zunächst flüchten? Weil man an einem Baumstumpf Blutspuren findet, geht die Polizei davon aus, dass sie gestolpert ist und sich dadurch die Platzwunde zuzog. Dass sie anschließend erwürgt wurde, könnte zeigen: Da wollte jemand verhindern, dass Claudia O. den Täter identifiziert. Genauso gut ist aber auch möglich, dass der ganze Tatort gefakt ist, wie es Eberle ausdrückt. Das heißt: Das Bild einer versuchten Vergewaltigung ist ein Ablenkungsmanöver des Täters.

Besondere Abwehrverletzungen sind an der Leiche nicht erkennbar, „man muss ja davon ausgehen, dass sich ein Opfer wehrt“, sagt Eberle. Ob das dafür spricht, dass Claudia O. den Täter kannte? Oder dafür, dass sie nach dem Sturz auf den Kopf wehrlos war? Alles nur Spekulation. Unklar ist nach wie vor auch, welches Verbrechen begangen wurde, denn Totschlag wäre schon verjährt, den Täter könnte man demnach heute nicht mehr zur Verantwortung ziehen. Mord hingegen verjährt nie.

Erst Tage später finden sich Slip und Hose


Der genaue Tatort könnte, muss aber nicht der Fundort der Leiche sein. Die fehlenden Kleidungsstücke wurden bei einer umfangreichen Suche in der Umgebung zunächst nicht gefunden, Tage später dann doch – damals ging man davon aus, dass der Täter zurückgekommen sein muss, um die Kleidung zu platzieren.

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Doch Eberle ist vorsichtig. Das Wichtigste bei alten Fällen sei Zweifeln, sagt er. Zweifeln an allem, was man zu wissen glaubt. Er will nicht ausschließen, dass die Kleidung seit der Tatnacht dort lag und bei der ersten Suche übersehen wurde. „Gerade bei der Altfallbearbeitung müssen Sie sich völlig freimachen von dem, was geschrieben steht, was die Ermittlungsergebnisse sind. Sie müssen nüchtern von vornherein versuchen, den Fall aufzurollen, zu erleben.“


Die Arbeit an jahrzehntealten Kriminalfällen ist schwierig. Einerseits ist die Technik heute deutlich weiter als im letzten Jahrhundert, gerade bei DNA-Tests hat es große Fortschritte gegeben. Andererseits können Asservate, also Beweismittel, mittlerweile unbrauchbar sein, erklärt Eberle. So fand sich am Tatort eine defekte Uhr, an der man Faserspuren von Claudia O.s Kleidung fand. „Man hat die Uhr dem Ehemann damals nicht zuordnen können“, sagt Eberle, heute sind mögliche DNA-Spuren etwa von Hautschuppen nicht mehr verwertbar. Eberle betont, es liegt „kein handwerklicher Fehler der damaligen Polizisten“ vor. Doch der aus früherer Sicht sachgerechte Umgang mit Beweismitteln ist längst überholt. „Heute würde man steril in den Tatort gehen“, mit weißen Ganzkörperanzügen, wie man sie aus Krimis kennt.


Blut auf der Kleidung des Opfers


Modernere technische Möglichkeiten hatten im Jahr 1998 erst zum Prozess gegen Jürgen O. geführt: Winzige Blutpartikel des Ehemanns fanden sich auf dem Unterhemd des Opfers, sie konnten erst Jahre nach der Tat ausgewertet werden.


An Jürgen O.s Schuhen fanden sich Kot- und Brombeerspuren, die vom Tatort stammen, wie es seinerzeit heißt. Ein Zeuge, der nahe dem Tatort wohnt, bemerkt in der Tatnacht ein herrenloses Fahrrad. Weil ihm das ungewöhnlich vorkommt, ruft er die Polizei. Ehe die Streife eintrifft, sieht der Anwohner einen Mann mit heller Jacke und Rucksack. Der Mann ähnelt von der Statur her Jürgen O., doch beide Gegenstände seien damals „dem Ehemann überhaupt nicht zuzuordnen“ gewesen, so Eberle. Bis auf die blutige Hand vom Schlag gegen die Tür hat Jürgen O. keine nennenswerten Verletzungen.

Gute Gründe für den Freispruch


Zusammengefasst gebe es „sehr gute Gründe, warum er damals freigesprochen wurde“, sagt Eberle über den Witwer. „Ich bin von einer Täterschaft nicht überzeugt.“


Bei Tötungsdelikten wird von der Polizei eine vielköpfige Sonderkommission mit Beamten aus verschiedenen Disziplinen gebildet, die Eberle mit einem Konzertsaal voller Instrumente vergleicht. Der Erfolg einer Soko sei von der Harmonie dieses Orchesters abhängig. Es gebe bei solchen Fällen immer die Gefahr, dass man von einer Hypothese ausgeht und sich zu sehr darauf versteift: „Das, was passt, wird ausgeschmückt, wird fokussiert. Das, was nicht passt, wird zwar nicht vollständig ignoriert, aber nicht ins Kalkül gezogen.“ Voreilige Schlüsse unterstellt er den Kollegen von damals nicht. Es sei konkret gegen mehrere Personen ermittelt worden, diese seien aber nach und nach ausgeschlossen worden. Ein Abgleich mit anderen Sexualstraftaten blieb erfolglos.


Täter mit Bezug zum Tatort


Die Tat ereignete sich am Blumenfest- und Kirchweihwochenende, Claudia O. kann ein Zufallsopfer von jemanden geworden sein, der den gleichen Weg ging und ihr dort begegnete. Ein Bezug zu Röthenbach liege aber nahe: „Ich gehe davon aus, dass der Täter einen Ankerpunkt am Tatort hat, dass er dort hingehört“, sagt Eberle.

Wolfgang Eberle von der Schwabacher Kriminalpolizei beschäftigt sich aktuell mit dem Fall.
Wolfgang Eberle von der Schwabacher Kriminalpolizei beschäftigt sich aktuell mit dem Fall. | Foto: S. Trautwein2020/08/Wolfgang-Eberle-Kripo-K1-Floramord-Cold-Case-scaled.jpg


Wird der „Floramord“ jemals aufgeklärt? Zuversicht kann Eberle nicht verbreiten. „Ich gehe da völlig ohne Erwartungshaltung ran“, sagt der Ermittler. Bislang hat er aus den Akten von damals keine neuen Erkenntnisse gewonnen. Natürlich gibt es auch aktuelle Fälle zu bearbeiten und die Polizei hat erfahrungsgemäß immer genug zu tun.


Sollte Eberle nicht doch noch auf eine heiße Spur treffen, wird die Akte Claudia O. in ein paar Wochen wieder geschlossen. Und der Täter? Mit jedem Jahr steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er sein Geheimnis mit ins Grab nimmt.

 

In einer ersten Version dieses Textes war die Rede vom Floraheim in der Siedlerstraße. Allerdings wurde das Vereinsheim dort erst in den 1990er Jahren erbaut. Zum Zeitpunkt des Verbrechens befand sich das Vereinsheim in der Adalbert-Stifter Straße.

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