Story-Mailing-Projekte mit Ursula Muhr

Lernen mit Ping-Pong-Geschichten

„Perry“ heißt die Geschichte der Klasse 4d, die sich hier zur Abschlussfeier mit Ursula Muhr (Mitte) versammelt hat. | Foto: privat2016/07/perry.jpg

ALTDORF – Dass Deutschunterricht in der Grundschule nicht allein aus Diktaten und dem Pauken von Grammatikregeln besteht, ist nicht neu. Dennoch könnte er manchmal mehr Spaß machen. Wie das geht, wissen Lehrkräfte an der Grundschule Altdorf und ihre Verbündete, die Autorin Ursula Muhr, die in drei Klassen ein Story-Mailing-Projekt realisiert haben. Nun, zum Ende des Schuljahrs, sind die Geschichten, an denen alle Kinder mitgeschrieben haben, fertig, die Schüler haben viel gelernt. Und eine Menge Spaß gehabt.

Von dem Experiment, auf das sich ihre Lehrkräfte zusammen mit der bekannten Autorin und Schreibwerkstatt-Leiterin Muhr einließen, profitierten die 4c von Stefan Richter, die 4d von Sabine Görz-Hofbeck und die 2b von Ulla Alexander-Franz. Sie durften bei der Entstehung einer fantastischen Geschichte mitwirken und deren Verlauf entscheidend bestimmen. Wie das bei einer Klasse mit 28 Kindern funktionieren kann? Das erfordert in der Tat Einfühlungsvermögen, Spontaneität, Flexibilität und ein gewisses Maß an Erfahrung. Die hat Ursula Muhr, denn die Autorin, die schon zahlreiche Kinder- und Jugendbücher verfasst hat, arbeitet schon lange mit Schulen zusammen und stellt immer wieder fest, dass von dieser Art des Unterrichts alle profitieren: Kinder, Lehrer, die Autorin und – wenn die Geschichte einmal fertig ist – sogar Außenstehende, die sich auf die fantastischen und originellen Texte der Kinder einlassen.

„Ich und die Welt“ lautete das Motto des aktuellen Projekts von „Stadtkultur – Netzwerk bayerischer Städte“, einer Organisation, die vom Kultusministerium gefördert wird und die Kulturprojekte mit Schulen in Bayern durchführt und bezuschusst. Von diesem Fördertopf profitierten die beiden vierten Klassen, die Aktion der zweiten Klasse trugen Schule und Eltern.

Jede Menge Arbeit

Das Prinzip der Story-Mailing-Geschichten klingt einfach, ist aber mit jeder Menge Arbeit auch für die Lehrkräfte und die betreuende Autorin verbunden. Zunächst werden in einem ausführlichen Vorgespräch gemeinsam der Ort der Handlung und die beteiligten Personen festgelegt. Danach entwerfen die Kinder einen Steckbrief der Hauptakteure, der über Alter, Aussehen, Hobbys und ähnliches Auskunft gibt. Der wird zur Erinnerung im Klassenzimmer aufgehängt.

Wichtig ist auch die Bestimmung des Genres, meist Geistergeschichten, Zeitreisen, Märchen. Dann beginnt die eigentliche Schreibarbeit. Den Beginn machen immer die Kinder, zunächst im Plenum, später in Gruppen- oder Partnerarbeit. Ganz wichtig dabei ist, dass sich jedes Kind am Ende als Urheber fühlen kann. Ist der erste Abschnitt zusammen mit der Lehrkraft geschafft, wird der Text an Muhr weitergeschickt, die Lob und Kritik äußert, vor allem Wortwiederholungen korrigiert, logische Fehler oder Brüche in der Handlung ankreidet. Im Anschluss schreibt sie die Fortsetzung und mailt zurück. Dann erhalten die Kinder mit dem Lehrer die Möglichkeit, den Autoren-Teil zu überarbeiten und hier, weiß Muhr, ist der Punkt, an dem die Kinder das Meiste lernen. Da wird viel diskutiert, ob das Adjektiv passt, welches Tempus angebracht ist, ob man Satzzeichen weglassen kann. Anschließend wird weitergeschrieben und wieder der Autorin zugemailt. Etwa zehnmal wird die Geschickte weitergeschickt, fünfmal von den Kindern, fünfmal von der Autorin, die in der Regel auch den Schluss gestaltet, um alle Puzzleteile auch wieder plausibel zusammenzufügen.

Nicht nur im sprachlichen Bereich erarbeiten sich die Schülerinnen und Schüler auf diese Weise wichtige Erkenntnisse. Sie lernen auch damit zu leben, dass in einem demokratischen Prozess einer ihrer Vorschläge verworfen wird, dass sie überstimmt werden und sich der Mehrheit fügen müssen und dass sie sich auf einen neuen Handlungsstrang einstellen müssen. Auch moralische Fragen stehen da manchmal zur Diskussion, engagierte Debatten sind die Voraussetzung für eine Fortentwicklung der Geschichte.

Ein eigenes Exemplar

Danach oder auch schon während des Schreibprozesses geht es noch ans Bebildern. „Mit den Illustrationen der Kinder wird die Geschichte erst richtig charmant“, findet Ursula Muhr. Zuletzt wird kopiert und gebunden, so dass mindestens jedes Kind ein eigenes Exemplar hat.

So unterschiedlich die Klassen sind, so unterschiedlich sind die Verläufe solcher Projekte, die mindestens fünf Wochen, meist aber länger, dauern. Und so unterschiedlich sind auch die Ergebnisse. Die zweite Klasse schrieb über die Detektivkatze Minka, die einen Geldraub aufklären muss und zusammen mit ihrem Katzenfreund die Räuber jagt. Die Klasse 4d hat ihre Geschichte „Perry“, wie viele Klassen, in einer bekannten Lokalität angesiedelt, nämlich der Löwengrube bei Altdorf. Dort unterzieht ein Mädchen einen Jungen einer Mutprobe, im Verlauf derer die beiden in eine Süßigkeitenwelt rutschen, wo sie schließlich ein verwunschenes Königspaar erlösen müssen. Die Klasse 4c hat sich die Geschichte „Der Bann“ ausgedacht, bei der ebenfalls ein Junge und ein Mädchen von der Sophienquelle in Grünsberg eingesogen werden und in der Zauberwelt auf einen Wassergeist treffen, der vom Gerechtigkeitszauberer bestraft wurde und nun befreit werden muss.

Die bewährten Ping-Pong-Geschichten haben bei den Schuljahresabschlussfeiern der einzelnen Klassen in diesen Tagen eine große Rolle gespielt. Neben Tanz, Musik und Büfett wurden die Geschichten vor kleinem Publikum teils von Ursula Muhr gelesen, teils von den Kindern szenisch dargestellt, während die Lehrkraft photografisch festgehaltene Momente des Entstehungsprozesses per Beamer an die Wand warfen.

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