Körber wurde von ukrainischen Freunden gewarnt: „Fritz, bleib daheim“

Hilfe in Charkiv? Zu gefährlich!

Wollte eigentlich nach Charkiv reisen und Hilfsgüter verteilen, erhielt aber von Freunden den Rat, besser daheimzubleiben: Fritz Körber, der sich seit 20 Jahren in der Ukraine engagiert.2014/04/koerber_fritz.jpg

NÜRNBERGER LAND – Eigentlich wollte Fritz Körber in der zweiten Aprilwoche nach Charkiv fahren. Viele Briefe hatten ihn erreicht mit Bitten um Unterstützung, um finanzielle Hilfe, um Medikamente aus Deutschland. Vorbereitet war die Reise bereits, Krankenhausbetten standen transportbereit, seine ukrainischen Freunde erwarteten ihn. Jetzt erhielt der ehemalige Bürgermeister von Schwaig einen Anruf aus dem Charkiver Rathaus. Es sei derzeit viel zu gefährlich – vor allem für westliche Ausländer. Er solle besser daheimbleiben, warnte man ihn.

„Das tut mir so leid um die Leute, die mir geschrieben haben“, sagt Fritz Körber. Seit 20 Jahren ist er regelmäßig in der Ukraine unterwegs und bringt Hilfsgüter aus dem Nürnberger Land nach Charkiv und die umliegenden Städte. Die Reisemöglichkeiten wurden in der Vergangenheit immer besser, selbst während der sogenannten orangenen Revolution gab es kaum Probleme vor Ort. Ganz anders stellt sich die Situation jetzt dar: Von seinen Freunden in Charkiv erfuhr Körber, dass Misstrauen herrscht zwischen den Menschen. Niemand traut mehr dem anderen. Tiefe Gräben tun sich auf einmal auf, selbst zwischen langjährigen, guten Freunden. Eine Pianisten rief ihn an und erzählte entsetzt von einem Erlebnis nach einem Konzert in Charkiv. Kinder waren in ukrainischer Tracht im Konzertsaal. Am Ende mussten sie sich umziehen, die Eltern hatten auf einmal Angst, ihre Jungen und Mädchen in der Landestracht nach Hause gehen zu lassen, weil auf der Straße wütende Aktivisten aufgezogen waren. Die Demonstranten riefen pro-russische Parolen.

Körber kann durchaus verstehen, dass auf einmal viele Leute in Charkiv große Sympathien für Russland haben. „Putin verspricht den alten Leuten eine Verdoppelung ihrer Renten.“ Wer die langen Schlangen vor den Suppenküchen in Charkiv gesehen hat, die vielen armen Rentner, die ohne die Armenküchen täglich hungrig bleiben würden, kann nachvollziehen, was die russischen Versprechen bewirken. Körber unterstützt die Suppenküchen in der ukrainischen Millionenstadt, er kennt die Einrichtungen und weiß, dass deren Situation derzeit schwieriger ist als jemals zuvor in den vergangenen 20 Jahren. Was auch mit dem Verfall der ukrainischen Währung zu tun hat. Die wirtschaftliche Situation des Landes ist derzeit katastrophal, darunter leiden zuallererst die Armen.

Wenn Fritz Körber in Charkiv zu Besuch ist, kommen die Menschen zu ihm ins Hotel und bitten um Hilfe, oder man spricht ihn auf der Straße an. Das alles ist jetzt gefährlich, erzählen ihm seine Freunde am Telefon. Wer sich mit westlichen Ausländern sehen lässt, wer Kontakt zu ihnen aufnimmt in Hotels oder sie gar zu sich nach Hause einlädt, gerät sofort in Misskredit. Deshalb die eindringliche Warnung seiner Freunde: „Bleib daheim, Fritz.“ Todunglücklich sei er über die Entwicklung, sagt Körber. Die Krankenhausbetten, die er für Kliniken und Altersheime in Charkiv hier in Deutschland organisierte, sind jetzt nach Polen gebracht worden, in die Partnerregion des Bezirks Mittelfranken, die Region um Danzig. Fritz Körber hat in Danzig angerufen, hat von den Betten erzählt, die eigentlich für Charkiv betimmt waren und erfahren, dass man sie gut in einem Seniorenheim gebrauchen kann. Kurzentschlossen ist der ehemalige Bezirksrat mit dem Lkw voller Krankenhausbetten nach Polen gefahren, hat seine Hilfsgüter dort abgeliefert, übernachtet und ist seit Mittwoch wieder daheim.

Wie es in der Ukraine weitergeht? Körbers Freunde sind vollkommen ratlos, niemand sieht derzeit irgendeine Lösung. Am schlimmsten, da sind sich viele Menschen in Charkiv einig, wäre eine weitere Eskalation, der Versuch, den Konflikt mit militärischen Mitteln zu lösen. Sympathien für Russland haben sicher viele im Osten der Ukraine, trotzdem sind die Menschen zuerst Ukrainer. Nur eine Minderheit würde sich vorbehaltlos dem mächtigen, östlichen Nachbarn anschließen.

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