Lichtmessgespräch in Altdorf zu Palm und Hessel

Geschichte eines Justizmords

Annette Krönert betrieb auch Quellenkritik beim Lichtmessgespräch in Altdorf: Die Straße ist korrekt dargestellt, allerdings brachten die französischen Soldaten Palm auf einem Ochsenkarren und nicht zu Fuß zur Hinrichtung. | Foto: Hornung2017/02/Altdorf-Palm4.jpg

ALTDORF – Johann Philipp Palm ist einer jener Männer, die ihre Berühmtheit den Umständen ihres Todes verdanken. Seine Geschichte könnte heute, da die politische Verfolgung Andersdenkender und die Behinderung der Arbeit von Journalisten weltweit hoch im Kurs stehen, aktueller nicht sein. In Altdorf begaben sich die Besucher des Lichtmessgesprächs mit Annette Krönert auf Spurensuche zum Justizmord am widerständigen Verlagsbuchhändler Palm.

Your words have power. Use them wisely.“ „Deine Worte haben Macht. Setze sie weise ein,“ steht, rote Schrift auf weißem Grund, auf den Postkarten der Palm-Stiftung, die Körnert mitgebracht hat. Krönert, studierte Historikerin, Anfang 30, Kurzhaarschnitt, lässige Bluse, ist Nachfahrin des Buchhändlers Johann Philipp Palm (1766-1806) und Mitglied im Vorstand der Palm-Stiftung. Sie ist auf Einladung der Altdorfer Altstadtfreunde, des Verlags „Der Bote“ und der Druckerei Hessel zum Lichtmessgespräch in Altdorf. Der Anlass: Im Dezember jährte sich der Geburtstag des Buchhändlers Palm zum 250. Mal. Aber: Wer war dieser Palm? Warum musste er sterben? Und, um mit Krönert zu sprechen: „Wo kann man ihm in Altdorf nachspüren?

Steffen Bollmann, Horst Petzinger, Annette Krönert, Ulrich Bollmann2017/02/Altdorf-Palm1.jpg

 

Johann Philipp Palm, 1766 geboren im baden-württembergischen Schorndorf, lernte das Handwerk des Verlagsbuchhändlers bei seinem Onkel Johann Jakob Palm in Erlangen. Dem Onkel muss sein Neffe sehr nahe gestanden sein, vermutet Krönert, hatte er doch nebst dem Neffen 16 eigene Kinder im Haus.

Nach Lehrjahren in Erlangen wählte Palm Nürnberg als berufliche und private Heimat. 1792 wurde er Mitinhaber der Verlagsbuchhandlung Stein in Nürnberg. 1796 erwarb er das Bürgerrecht der Stadt und heiratete die Tochter seines Partners, Anna Katharina Barbara Stein, mit der er drei Kinder bekam. In innigen Briefen nannte er sie seinen „Herzensschatz“. Die Briefe zeugen von einer gleichberechtigten, zugewandten Beziehung. Ab 1800, nach dem Tod seines Schwiegervaters, war Palm alleiniger Inhaber der Buchhandlung Stein.

Episoden der Widerständigkeit

Schon vor der Episode, die ihm den Tod bringen sollte, gibt es Belege für „Episoden der Widerständigkeit“ in Palms Leben. In Salzburg wurde er verhaftet, nachdem er aufklärerische Schriften auf der Herbstmesse verbreitet hatte. Sein Anwalt bekam ihn gegen Kaution frei. Einen spektakulären Coup landete Palm, als er 1805 während der zweiten großen Plünderungswelle unter der Besatzung napoleonischer Truppen in Nürnberg die Verschleppung von Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ nach Frankreich verhinderte.

Das Bild war damals in einen dicken Rahmen gespannt, auf dessen Rückseite Siegel die Originalität des Gemäldes auswiesen. Diesen Rahmen schnitt man kurzerhand längs entzwei. An die Originalvorderseite des Rahmens mit dem echten Dürerbild klebte man eine Rückseite mit gefälschten Siegeln und schmuggelte sie nach München in die Sammlung der Wittelsbacher. An die Originalrückseite mit echten Siegeln klebte man eine Dürer-Fälschung und schickte sie nach Paris.

Doch auch diese Episode lasse sich aus heutiger Sicht verschiedentlich interpretieren, erläutert die Historikerin. War es wirklich der widerständige Geist des Buchhändlers, der ihn zum Akteur in diesem Komplott werden ließ? Oder stand er vielmehr in der Schuld der Stadt Nürnberg, die Palms Anwalt während seiner Haft in Salzburg unterstützte? Da im Gegensatz zu den privaten Briefen keine Selbstaussagen des Buchhändlers zu seiner politischen Motivation überliefert sind, könne man diesbezüglich nur spekulieren.

Während sie spricht, deutet Krönert auf Fotos oder Stadtpläne in ihrer Präsentation, die auf drei große Leinwände projiziert werden, damit alle im Publikum des vollbesetzten Saals eine gute Sicht haben. Zur Illustration ihres Exkurses zur politischen Lage 1806 in Deutschland zeigt sie die Karikatur „der Königsbäcker“. Auf ihr steht Napoleon als Bäcker vor einem Ofen, aus dem er auf einem Schieber kleine frischgebackene Königsfiguren zieht: Bayern und Württemberg, die er zu Königreichen machte und das Großherzogtum Baden.

1806 war Napoleon auf dem Höhepunkt seiner Macht,“ sagt Krönert. Nürnberg, damals der viertgrößte Druckerei- und Buchhandelsstandort Deutschlands, verlor unter den Franzosen seinen Status als freie Reichsstadt und ging an das Königreich Bayern. Ganz so reibungslos verlief dieser Übergang allerdings nicht: Die Rheinbundakte beschloss am 12. Juli das Ende der Reichsunmittelbarkeit, der Anschluss an Bayern aber erfolgte erst am 8. September. Dieses zweimonatige Machtvakuum sollte Johann Philipp Palm zum Verhängnis werden.

Aufruf zur Rebellion

Im Juni 1806 verlegte der Buchhändler Palm bei der Druckerei Hessel in Altdorf – die heute unter der Leitung der Brüder Bollmann in Feucht den „Boten“ druckt – eine Schrift, die ihn das Leben kostete. Ein unbekannter Verfasser rief in der Schmähschrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ unverhohlen zur Rebellion und zum bewaffneten Widerstand gegen die napoleonischen Truppen auf. Wer der Autor der kritischen Zeilen war, das nahm ihr Verleger Palm mit ins Grab.

Ein Exemplar der kritischen Schrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ von 1806 kann bei der Druckerei Hessel in Feucht eingesehen werden.2017/02/Altdorf-Palm-Erniedrigung.jpg

 

Im Zuge von Verhaftungen von Verfassern, Verlegern, Druckern und Vertreibern von Spottschriften, führt eine Spur der „Erniedrigung“ zu Palm. Am 5. August erteilt Napoleon den Befehl, die in Nürnberg und Augsburg verhafteten Buchhändler sofort vor ein Kriegsgericht zu stellen und binnen 24 Stunden hinzurichten.

Palm, der zunächst bei seinem Onkel in Erlangen untergetaucht war, kehrte aus Angst vor Sippenhaft zu seiner Familie zurück und wurde Anfang August inhaftiert. Seine Bitte um Beistand sowohl bei der Stadt Nürnberg, als auch bei Max von Bayern blieben wirkungslos. Die Herren fühlten sich nicht mehr oder noch nicht in der Verantwortung. Palm wird von Nürnberg nach Braunau am Inn in Österreich transportiert. Noch während der Reise notierte er Termine für die Zeit nach dem Prozess in seinem Notizbuch. Er dachte offenbar nicht, dass sein Leben ernsthaft in Gefahr war.

Hinrichtung in Braunau

Angeklagt neben Palm waren fünf weitere Buchhändler, die durch Fürsprache ihrer Landesherren freikamen. An Palm aber sollte ein Exempel statuiert werden. Er wurde zum Tode verurteilt, ohne Rechtsbeistand, als Zivilist im Frieden, von einem französischen Militärgericht auf österreichischem Boden und nur drei Stunden nach Verkündung des Urteils erschossen. Das Urteil wurde 6000 mal im ganzen Land plakatiert.

Der Altdorfer Drucker Christoph Bonaventura Hessel wurde gewarnt, versenkte die Restauflage der Schrift in seinem Hofbrunnen und entkam so selbst einer Verhaftung. Er vernichtete alle Exemplare bis auf eines: Das versteckte er im Dachstuhl seines Hauses. Achtmal haben Verleger die kritische Schrift seitdem neu aufgelegt. Im Archiv der Druckerei Carl Hessel in Feucht und im Stadtarchiv Altdorf können Exemplare eingesehen werden.

Tafel in der Hesselgasse

Auf einer Tafel am Haus in der Hesselgasse Nummer sechs, in dem ab 1785 die 1661 gegründete Druckerei untergebracht war, heißt es: „In diesem Hause druckte B. Hessel 1806 die Schrift: Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung.“ Die Tafel enthält einen Fehler, den Superlativ von tief. Einmal in einem Brockhaus aufgetaucht, hielt dieser sich hartnäckig und war vor allem bei den Nationalsozialisten, die Palm instrumentalisierten, gern gesehen.

Annette Krönert möchte sich für eine neue Tafel am Haus in der Hesselgasse einsetzen, auf der nicht nur auf diesen Fehler, sondern auch auf den Verleger und Buchhändler Johann Philipp Palm hingewiesen wird. Neben der Palm-Forschung verfolgt die Stiftung soziale Ziele und verleiht zudem alle zwei Jahre den mit 20.000 Euro dotierten Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit.

Gibt es eine plausible Vermutung, wer der Autor der Schrift war?“, wollte ein Zuhörer von Krönert wissen. „Die gibt es nicht“, antwortete die Historikerin.Die Forschung habe sich in „wildeste Spekulationen“ darüber ergangen. Krönerts Vermutung: Nachdem der Verleger Palm hingerichtet worden war, plagten den Verfasser arge Schuldgefühle. Deswegen habe er sich nie zu erkennen gegeben.

Für ihr Kommen dankten Krönert Ulrich und Steffen Bollmann von der Druckerei Hessel und vom Verlag „Der Bote“ und Horst Petzinger von den Altstadtfreunden Altdorf.

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