Hohe Einbußen für Landwirte

Extremsituation: Warten auf den Regen

Landwirtschaftsdirektor Werner Wolf mit einer völlig verkümmerten Maispflanze. Normalerweise müsste diese eine stattliche Höhe von drei Metern und einen prallen Kolben haben2015/08/Feucht_Land_u_Forst_Hitzestress_Mais_Hr_Wolf.jpg

NÜRNBERGER LAND – Eine absolute Extremsituation: Dass Wiesen, Wald und Felder dringend Wasser brauchen, kann man mit bloßem Auge erkennen. Gelblich-braune „Grünflächen“, herabhängende Äste, schlaffe Blätter, Mini-Mais, Bodenrisse: Die Vegetation dürstet, Pflanzen kämpfen ums Überleben. Vertreter der Land- und Forstwirtschaft hoffen auf ein baldiges Ende der anhaltenden Hitze und Trockenheit.

Null Niederschlag wurde im August in den Messstationen Altdorf und Speikern gemessen. Schon seit Wochen und Monaten werden hier völlig unzureichende Mengen verzeichnet. Auch das am Wochenende erhoffte Tief blieb aus. Der Wind brachte wieder keinen Regen. Werner Wolf, Behördenleiter beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, beschreibt die jetzige Wetterlage als dramatisch: „Wir warten sehnlich auf Regen.“

Einen dauerhaften, langsamen Landregen wünscht sich auch Günther Felßner, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes (BBV). „Im Nürnberger Land kennt man den ‚fränkischen Frühsommer‘ mit wenig Regen im Juni und Juli. Die Hitze und Trockenheit heuer“, so Felßner, „hat damit allerdings nichts mehr zu tun.“ Noch dazu waren die Witterungsbedingungen bereits im Winter denkbar ungünstig. Es gab wenig Schnee, der ansonsten den Boden mit Wasser auffüllt. Das Resultat ist eine negative Wasserbilanz: Verdunstung und Bedarf der Pflanzen sind höher als die Wasservorkommen.

Katastrophale Einbußen

Viele land- und forstwirtschaftliche Kulturen, vor allem die, deren Ernte jetzt ansteht, leiden unter den extremen Bedingungen. 40 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche ist Grünland. Dort fällt nun ein kompletter Futterschnitt weg, ein zweiter wird ebenfalls ertraglich stark beeinträchtigt sein. Das Gras wächst einfach nicht mehr und was gewachsen ist, ist weggebrannt. Die Bezeichnung „Grünland“ scheint vollkommen unangebracht, das Grünland ist braun.

Mit katastrophalen Einbußen ist auch bei der Maisernte zu rechnen. „In normalen Jahren hat der Mais ein Längenwachstum von zweieinhalb bis drei Metern Höhe mit einer guten Ausbildung des Maiskolbens“, so Werner Wolf.

„In diesem Jahr erreicht der Mais auf sandigen Böden lediglich eine Höhe von einem halben bis eineinhalb Meter. Eine Ausbildung des Maiskolbens findet in diesen Beständen nicht statt.“ Laut Felßner denke der Mais überhaupt nicht an die Ausbildung eines Kolbens. „Er kämpft ums nackte Überleben.“ Nun wird er geerntet, bevor er völlig abstirbt.

Dürre geht an die Substanz

Der Mais spielt vor allem als Futtermittel eine wichtige Rolle. Die Energie steckt im Kolben. Ist dieser nicht ausgebildet, ist der Mais als Energie- und Futtermittelgrundlage unzureichend. „Es entstehen große Ertrags- und Qualitätseinbußen und in deren Folge Futterknappheit und Futtermangel auf vielen landwirtschaftlichen Betrieben“, so Wolf.

Eine „absolute Extremsituation“ (Felßner) für die Landwirtschaft. Dementsprechend stark wird die Futterbörse des BBV in Anspruch genommen, Futter aus ertragreicheren Gegenden im Süden in den Norden vermittelt. Vielen Betrieben geht die Dürre an die Substanz. Früher war es so, dass die Preise stiegen, wenn wenig vorhanden war. „Heute steigen die Preise nicht“, erklärt Felßner. „Sie reagieren kaum, wegen der weltweiten Märkte.“ Was es in der Region nicht gibt, wird anderswo gekauft.

Viele Verbraucher merken vom Überlebenskampf der Bauern nicht einmal etwas. Wieso auch? Die Supermarktregale sind gefüllt wie eh und je. „Vor 50 bis 100 Jahren hätten wir eine Hungersnot erlitten“, erläutert Felßner die Ausmaße der Einbußen. Gesamtgesellschaftlich ist die Globalisierung in einer solchen Phase der Trockenheit also durchaus ein Segen. Für die regionalen Bauern aber ist sie ein Fluch.

Die haben trotz schlechter Einkommen, aufgrund mieser Ernten und niedriger Erzeugerpreise, hohe Kosten zu tragen. Landwirtschaftsdirektor Werner Wolf bedauert, dass die Bauern, die das ganze Jahr über Arbeit und Geld investieren, nun nicht für ihre Mühen belohnt werden.

Und wie geht es dem Wald? Auch Horst-Dieter Fuhrmann, Stellvertretender Leiter im Forstbetrieb Nürnberg, zeigt sich besorgt. Zum Glück ist der Wald bisher zumindest vom Borkenkäfer, einem Schädling, der diese Temperaturen liebt, verschont geblieben ist. Trotzdem leidet er. Vor allem für flach wurzelnde Bäume, wie Fichte und Birke, ist die Situation problematisch.

Die Blätter der Birke sind mittlerweile gelb, ihr Blattabwurf signalisiert den Wassermangel. Sämlinge, sprich im letzten Herbst oder dieses Frühjahr gesäte Kulturen, werden die Hitze möglicherweise nicht überstehen, ebenso wie viele Birken. Wie sehr der Wald in Mitleidenschaft gezogen wurde, wird sich allerdings erst im nächsten Frühjahr zeigen, wenn die Bäume austreiben. Dann wird man gegebenenfalls Birken fällen und Sämlingskulturen nachbessern müssen.

„Wir leben in und mit der Natur. Wasser ist der Motor jeglichen Wachstums. Ohne Wasser gibt es kein Leben. Alles hängt von den nächsten Wochen ab“, beschwört Wolf die sehnlich erwarteten, reichhaltigen Niederschläge.

N-Land Julia Hornung
Julia Hornung