1646 wurden die ersten Kastanien in Altdorf gepflanzt

Einwanderer vom Balkan prägen das Stadtbild

Altdorf war der erste Standort in Deutschland, an dem im 17. Jahrhundert Kastanien angepflanzt wurden. Heute prägen die Bäume das Stadtbild und sind in ganz Mitteleueropa verbreitet. | Foto: Hungershausen2016/05/Kastanie.jpg

ALTDORF – Derzeit sind die stattlichen Bäume mit den weißen und teilweise auch roten Blüten nicht zu übersehen. Sie prägen das Ortsbild und bilden in Verbund mit  Altdorfs historischen Bauten beliebte Fotomotive: die Kastanien.

In Deutschland erfolgten die ersten Anpflanzungen 1646 in Altdorf, 1672 in der Mark Brandenburg und 1675 in Leipzig. Danach vollzog sich die weitere Ausbreitung sehr rasch. Heute ist der Baum über ganz West- und Mitteleuropa wie auch über Asien und Nordamerikaverbreitet. Angepflanzt wird die Rosskastanie fast ausschließlich als Straßen-, Allee-, Garten- und Parkbaum sowie als beliebter Schattenspender in Gärten von Wirtshäusern und Ausflugslokalen.

Die bei uns so häufig anzutreffende Rosskastanie ist in ihrem Ursprung ein Baum des Balkans. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet liegt in den Gebirgen Nordgriechenlands, Bulgariens und Albaniens.

Auch der Kaukasus, der nördliche Iran und das Himalayagebiet werden teilweise hierfür gehalten, was aber nicht sicher bewiesen ist, wie in Veröffentlichungen des Absatzförderungsfonds der deutschen Forstwirtschaft, Bonn, zu lesen ist. Bereits in der Antike wurde der dekorative Baum vielfach kultiviert und über ganz Kleinasien verbreitet.

Clusius‘ „exotische“ Pflanzen

Nach Mitteleuropa gelangte die Rosskastanie erstmals 1576, als in Wien aus Konstantinopel stammende Samen gesät wurden. Carolus Clusius ist ein Name der hier auftaucht. Der Botaniker wurde 1573 von Maximilian II. nach Wien berufen, um dort einen Medizinalkräutergarten einzurichten. Von Rudolf II. auf Betreiben katholischer Kreise 1577 seines Amtes enthoben, blieb er dennoch in Wien und setzte seine botanischen Wanderungen fort, die ihn vor allem durch Niederösterreich, das Burgenland und Südwest-Ungarn führten.1588 ging Clusius, dem Landgraf Wilhelm IV. von Hessen ein jährliches Subsidium ausgesetzt hatte, nach Frankfurt. 1593 folgte er einem Ruf an die Universität Leiden.

Wien verdankt Clusius also die erste Rosskastanie (1576) und die erste Kartoffel (1588). Durch Sendungen an seine Korrespondenten leitete der Holländer die Verbreitung dieser beiden Pflanzen in weiten Teilen Europas ein.

Berühmter botanischer Garten

„Der botanische Garten in Altdorf wurde 1616  nach der Erhebung der Akademie zur Universität durch den Curator Joh. Friedrich Löffelholz von Kolberg, einem großen Gartenfreund, der selbst Bäume darinnen gepflanzet hat, angegeben, auf dazu erkauften Feldern errichtet und nachgehends um ein Drittel erweitert, so dass er nun in der Länge von Morgen gegen Abend 240 und in der Breite 206,5 Fuß Nürnberger Maßes hält“, so schreibt Georg Andreas Will. Das sei eine Größe, die damals kein akademischer Garten in ganz Deutschland und selbst der berühmte Leidener in Holland nicht hatte, „so wie er auch durch seine Kultur und Vielheit der Kräuter bald alle botanischen Gärten übertraf“. Erster Präfektus des Gartens war Jungermann, der auch den Garten in Gießen angelegt hatte.1656 wurde eine „Winterung“ für ausländische Gewächse gebaut, die heute noch besteht.

Clusius war 50 Jahre alt, als er in Wien die erste Rosskastanie ansiedelte.  Er starb 1609 in Leiden. 37 Jahre nach seinem Tod gelangte die erste Rosskastanie nach Altdorf in Deutschland, der botanische Garten in Altdorf bestand damals 30 Jahre. Im Laufe der Jahre wurden dem Garten immer wieder seltene Pflanzen gespendet, 1777 zum Beispiel acht Orangenbäume. Die botanischen Gärten hielten Kontakt und tauschten Pflanzensorten aus.

Wer mehr über den botanischen Garten in Altdorf erfahren möchte, ist herzlich zum Dämmerschoppen der Altstadtfreunde am Montag, 6. Juni um 19.30 Uhr im Goldenen Ochsen eingeladen. Gast am Tisch ist Helmut Wilimsky mit dem Thema: Der Hortus Medicus, die Gärtner und die Sage vom Doktorsbrünnlein.

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