Ein fränkischer Tatort?

Ursula Muhr zusammen mit Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch bei einer Lesung ihres ersten Kriminalromans „Kinderspiel“, der die thüringische Stadt zum Schausplatz hat.2011/05/muhrundkreuch_New_1305290887.jpg

NÜRNBERGER LAND – Dass der Mörder nicht immer der Gärtner ist, wissen wir spätestens seit Reinhard Mey. Aber auch, wenn gar kein Gärtner in Frage kommt, muss bei einem guten Krimi bis zum Schluss gerätselt werden, wer das Opfer gemeuchelt hat. Ursula M. Muhr, die Schriftstellerin, deren Wiege im Altdorfer Torturm stand und die ein halbes Jahr im geschichtsträchtigen Gotha als Stadtschreiberin fungierte, hat auch als Krimi-Autorin ihre Hausaufgaben gemacht: Sie setzte der thüringischen Stadt, in der sie sich während ihres Stipendiats im vergangenen Jahr sehr wohlfühlte, ein spannendes Denkmal, in dem sie den Bezug zwischen ihrer fränkischen Heimat und Gotha herstellte und eine Kommissarin aus dem Frankenland einen Mord im Thüringischen aufklären ließ. Dass Muhr, die sich schon in den unterschiedlichsten literarischen Genres einen Namen gemacht hat, sich auch darauf versteht, Mord und Totschlag nachvollziehbar, unterhaltsam und spannend darzustellen, beweist sie mit ihrer Krimi-Premiere „Kinderspiel“.

Der Fernseh-„Tatort“ lässt grüßen: Nachdem die beiden Kommissare eingeführt worden sind – besagte fränkische Kommissarin mittleren Alters und ihr jüngerer einheimischer Kollege – wird das Verhältnis der beiden sympathischen Kriminaler anhand von ein paar nicht ganz ernst gemeinten Nickligkeiten aufgerollt, die sich dann als "running gags" durch den gesamten Fall ziehen, und flugs stolpert der Leser mit den Cops in den ersten verzwickten Fall.

Damit der nicht ganz so gruselig ist, wird das Mordopfer rückblickend in den Vernehmungen als veritables Ekel dargestellt. Dieser Trick der Autorin bewirkt zum einen, dass man nicht allzu viel Mitleid mit dem Getöteten haben muss, zum anderen, dass der Schriftstellerin und den Miträtselnden jede Menge Motive und damit potenzielle Mörder zur Verfügung stehen.

Persönlich stark engagiert

Die beiden liebenswürdigen Kommissare, Beate Maiwald und Klaus Hubertson, entsprechen einerseits ganz dem Klischee der erfahrenen, abgebrühten Polizisten – auch die Szene im Leichenschauhaus fehlt nicht –, andererseits sind sie – ebenfalls ein Allgemeinplatz, der mit Sicherheit seine Berechtigung hat – auch weit über das rein berufliche Engagement hinausgehend persönlich stark in die Angelegenheit verstrickt. Gut gelingt es der Autorin auch, die beiden Familiengeschichten herauszuarbeiten, die, in der der Mord stattfindet, denn es handelt sich eindeutig um ein Familien-Beziehungs-Drama, und die der Polizistin, die in gelegentlichen Rückblenden aufgedröselt wird und Ansätze zu Parallelen in beiden Kindheitsgeschichten aufweist.

Die Story ist schlüssig, es bleiben keine Fragen offen und die Entlarvung des Täters erfolgt erst ganz am Schluss des Buches, nachdem eine festgefahrene und scheinbar unauflösbare Situation entstanden ist. Dann erkennt man auch, dass in vielen Szenen bereits Spuren auf das stimmige Ende hinweisen, denen man zunächst keinerlei Bedeutung beigemessen hatte. Dennoch wirkt der Plot in keiner Weise konstruiert, sowohl Charaktere als auch Handlung sind authentisch und logisch und – was ebenfalls ganz wichtig für jeden Krimi ist – die Geschichte wirkt zu keinem Zeitpunkt langweilig, es gibt keine Handlungsstränge, die ins Leere laufen, die Argumente sind nachvollziehbar, die Spannung steigt von Kapitel zu Kapitel und der Leser muss acht geben, dass er den Faden nicht verliert, wenn er den Roman nur als leichte Unterhaltungslektüre ansieht.

Auch die Frage, warum eine so erfahrene und professionell arbeitende Hauptkommissarin so stark in diesen Fall involviert ist, klärt sich am Ende auf.

Ursula Muhr ist es gelungen, auch in diesem literarischen Genre zu überzeugen. Besonders erfreulich ist dabei, dass sie es trotz der Einhaltung aller Regeln für die Komposition eines anspruchsvollen Kriminalromans geschafft hat, dem Buch ihren besonderen sprachlichen Stempel aufzudrücken. Wer „Kinderspiel“ gelesen hat, wünscht sich unweigerlich eine Fortsetzung ihrer Tätigkeit als Krimischreiberin oder – und dafür empfiehlt sich die 55-Jährige ganz besonders – als Autorin eines fränkischen „Tatorts“.

Ursula M. Muhr, Kinderspiel, Regensburg: Spielberg Verlag, 2011.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler