Egersdörfer in Schwarzenbruck

Sottern als Lebenselixier

Matthias Egersdöfer – „Vom ganzen Ding her“ braucht er keine artifiziellen Verrenkungen.2015/06/feucht_Egersdoerfer_in_seinem_Element_spiess.jpg

SCHWARZENBRUCK – Fränkisches Kabarett des gebürtigen Laufers unter dem Motto „Vom Ding her“ war der fulminante Anschluss der Kabarett-Frühjahrssaison. Kürzlich war er noch im ersten Franken-Tatort zu sehen gewesen, am Freitagabend war er erstmalig live in Schwarzenbruck zu genießen.

Mit seinem ganz speziellen, trockenen Humor und seiner fränkisch-frotzelnden Art hat sich Egersdörfer in nur wenigen Jahren zu einem der erfolgreichsten fränkischen Kabarettisten entwickelt. Am Freitagabend konnten sich seine „Opfer“ in der vollbesetzten Bürgerhalle davon überzeugen: Er hat gegrantelt, was das Zeug hielt.

Ausgeruht sollte man zu seiner Veranstaltung kommen, in stabiler Gemütsverfassung und gegen jedwelche Anfeindung gewappnet – sonst hält man ihn am End‘ „vom ganzen Ding her“ gar nicht aus. Der Sotterer hat gegen scheinbar jeden und alles was, ist mit nichts und niemandem einverstanden – und zufrieden ist er sowieso nur in ganz wenigen Momenten.

Man hat das Gefühl, der Egersdörfer hat‘s nicht leicht. Er wacht bestimmt schon auf mit einem kaum zu zügelnden Groll gegen den Morgen oder irgendwas, der sich bestimmt noch steigert, da mittags eh nie was passt. Und am Abend graut ihm vor der Nacht, weil er ja weiß, dass er am nächsten Tag wieder aufwacht …

Deshalb ist er auch dauernd frustriert. Klug, weil erkennend, dass sich eh nie was zum Bessern wendet, schützt er sich vor allzu großer Nähe, um resigniert feststellen zu müssen, dass er sein Publikum natürlich braucht.

Damit er diesen höchst bedenklichen Dauerzustand überhaupt überlebt, lässt er – alter Kabarettistenmanier folgend – gnadenlos Dampf ab. Und zwar in alle möglichen und unmöglichen Richtungen.

Kriminell, aber grundehrlich

Geschickt baut er seine Texte auf, erzählt stets auf zwei Ebenen, hinter dem „Scheiße brüllen“ verbirgt sich eine fein-dosierte „ernsthafte“ Basis, in der er wunderbar einfältig immer wieder auf Kindheits- und Jugenderinnerungen zurückgeht, auf die scheinbar übermächtigen Gesetze des Alltags – um unvermittelt loszubrüllen „was für eine Scheiße“. Das kann er aber erklären: „Durch mei Mudder, ihre zwa bidderbäisn Schwesdern und mei Großmudder hob iech des laude Schreier glernd. Und vom Vadder in Middagsschlouf und es Fordfohrn.“

Das waren, so der dadurch geprägte Mittvierziger, natürlich keine guten Voraussetzungen für seinen späteren Weg durch Leben. Deshalb sein Ratschlag an die Jungen im Saal: „Machd eier Ausbildung ferdich, sunsd land ihr mid 45 a fur anner Herdn debiler Middelfrangn.“

Und unter seiner keifenden und übermächtigen Frau ging sein Leidensweg natürlich weiter. Überhaupt: „Däi Dreegsweiber“ haben ihm schon immer zu schaffen gemacht, immer waren sie voraus, mindestens einen Schritt weiter. Da halfen nur die geklauten Chromdioxidkassetten, die er für seine endlosen Liedersammlungen brauchte.

Genau, man hat sich damals halt noch zu helfen gewusst: Da wurden einfach die Schwächeren verprügelt, die Schwestern gequält oder hilflose kleine Tiere – und schon fühlte man sich wieder besser. Bis dann urplötzlich die Welt der Phantasie zusammenbrach und die Kindheitsidylle des Spielens zu Ende war. Dann ging es nur noch um Macht und Geld.

Egersdörfer streift in seinem mehr als zweistündigen Programm das Müllproblem Italiens, die Kompetenz des Verfassungsschutzes, die Rechtslastigen und die Schwerintellektuellen. Auch die medizinische Versorgung, Wellness-Firlefanz, Tucher-Weizen, Katholizismus und Karrieresucht der Funktionäre im „grünen Mantel“ haben ihren negativen Auftritt. Dabei spielt er aber nie den Oberklugen, alles kommt geradlinig aus dem Bauch heraus, immer emotional und direkt.

„Bläide Sau“

Vor allem, wenn er in seinen Exkursen den Kontakt zum Publikum sucht, „Wou woarn mer schdäibliehm?“, dann setzt es wüste Beschimpfungen: „Bläide Sau“, „Glassenschbrecher vo di Däbberler“, das „Glabberer-Arschloch“ und der Mann vom „Boodn“ mit seinem „Scheiß-Gebliddse“ – das Publikum genießt und zeigt sich hocherfreut.

Doch eigentlich ist ja Menschenfreund, der alte Grantler, er verbirgts nur geschickt, weil er, sensibel, wie er beschaffen ist, sich dessen schämt. Genau: Verschämt ist er auch. Und deshalb tut er auch manchmal so ordinär, damit es nicht zu erkennen ist.

Wenn er dann richtig deftig ins Vulgäre geht, dann gibt es da bestimmt auch die Meinung, das sei etwas zu viel des Nicht-Guten. Für eingefleischte Egers-Fans ist es aber wohl genau dies, wann ihn so besonders macht: Er kotzt sich aus, wo andere Kollegen halt nur andeuten.

Nach zwei musikalischen Zugaben am Flügel gabs von ihm noch einen Rat: „Erhalten Sie sich Ihren Hang zum leicht seltsamen Humor.“ Erich W. Spieß

N-Land Der Bote
Der Bote