Hirtenmuseum Hersbruck

Sonderschau der Original Hersbrucker Bücherwerkstätte ist eröffnet

Mitglieder der Original Hersbrucker Bücherwerkstätte (v. links) Thomas Lunz, Dan Reeder, Michael Gölling, Armin Krohne, Günther Tobisch, Woldemar Fuhrmann, Johannes Stahl (mit Kappe), Siegfried Zimmermann, Timo Reger (verborgen) und Museumsleiterin Ingrid Pflaum. | Foto: U. Scharrer2019/07/50.jpg

HERSBRUCK – „Haltet euch beim Essen etwas zurück!“, ermahnte Michael Gölling seine Gäste gleich im ersten Satz. Mit einem solchen Andrang von Dichtern und Denkern, Künstlern und Musikern, Freunden und Weggefährten hatten die Jubilare wohl nicht gerechnet. Ein grober Fehler, denn die Kulturszene und die Kalenderliebhaber aus Hersbruck, Nürnberg und Umgebung füllten den Hof des Hirtenmuseums bis auf den letzten Platz und auf die Treppenstufen.

Das ist doch eine kleine Sensation: die Texte des nächsten Kalenders der Original Hersbrucker Bücherwerkstätte (OHB) werden aus der Feder einer Frau stammen! Claudia Schulz aus Nürnberg soll die Frauenquote in den Veröffentlichungen und Räumen der Buchdrucker deutlich anheben. Wird dann der bissige Witz der OHB von weiblichen Händen weichgespült? Von der Autorin und Regisseurin, die an der Seite von Matthias Egersdörfer unter anderem die Satire „Auf dem Sofa mit den Egersdörfers“ entwickelt hat, ganz sicher nicht.

Dass „neben dem Vatikan die OHB die einzige Einrichtung ist, in der Frauen nicht zugelassen sind“, wie Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly anmerkte, war nämlich einer der wenigen Kritikpunkte inmitten der Lobeshymnen zum 50. Geburtstag – obwohl die Buchdrucker das Mikrofon ausdrücklich für „Schimpf und Tadel“ freigegeben hatten.

Damit bei den Festreden nicht zu viel Schmalz und Schmeicheleien vorherrschen würden, hatten sich die neun Männer einen Laudator geladen, der für seine mit gramvoller Stimme vorgetragenen Unfreundlichkeiten, kurz: für seine fränkische Wesensart, bekannt ist, eben den Kabarettisten und Tatort-Spurensicherer Matthias Egersdörfer. Der watschte verbal zunächst aber nicht die Geburtstagskinder, sondern das Hersbrucker Stadtoberhaupt ab. Auf dessen Bitte war der Festtag verlegt worden, „sonst“, so Egersdörfer, „ hätte es den glühenden Verehrer der Hersbrucker Bücherwerkstätte in der Mitte zerrissen!“

Russischer Bart

Egersdörfer trug in grantelndem Ton vor, er würde sich nicht wundern, wenn der „feine Herr aus seinem Strandschlösslein auf Ibiza die Original Hersbrucker Bücherwerkstätte mit Stumpf und Stiel an eine russische Oligarchin mit Oberlippenbart verkauft hätte!“

Nach diesem Seitenhieb wandte sich Egersdörfer der Geschichte der Bücherwerkstätte zu. Die hatten zu seinem unverhohlenen Ärger vor ihm aber schon die anderen Redner abgearbeitet. Vor ihm hatte etwa Hersbrucks Bürgermeister Robert Ilg gesprochen, der den Jubilaren wünschte, so jung, frisch, dynamisch und einzigartig wie eh und je zu bleiben. Ilg bat Nürnbergs Bürgermeister Ulrich Maly ans Mikrofon, der sich als „gewählter Kundensprecher der Original Hersbrucker Bücherwerkstätte“ betitelte. Seine Frau Petra half ihm durch Zuruf auf die Sprünge, welche Werke von Künstlern aus dem Landkreis neben ausgesuchten Kalenderblättern der Buchdrucker bei ihnen zu Hause herumhängen und -stehen.

Maly reminiszierte, wie „kurz nach Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg“ die Original Hersbrucker Bücherwerkstätte ihre Arbeit aufgenommen habe. „Manchmal mit plattem Witz, aber auch immer durch hochphilosophische Betrachtung der kleinen und großen Widrigkeiten des Lebens – und durch den hochwertigen Druck in Zeiten des schnellen Klicks ein echter Genuss!“

Dodo und Emu

In die erwähnte Ermahnung zwecks eines höheren Frauenanteils stimmte kurz auch Museumsleiterin Ingrid Pflaum ein, ließ sich dann aber lieber das in fast jedem Druckwerk auftauchende „Maskottchen“ der OHB erklären, den kleinen beschuhten Vogel, der irgendwo zwischen Dodo und Emu anzusiedeln ist.

„Ein altfränkisches Wiberla halt“, erklärte Michael Gölling die nur sieben Millimeter große Drucktype und sammelte seine Mitstreiter aus dem Mauerweg um sich: Günther Tobisch, seit dem 3. September 1963 an Göllings Seite, Siegfried Zimmermann, der mit dem „Heidelberger Zylinder umgehen kann wie kaum einer in Europa“.

Fast 40 Jahre dabei sind Woldemar Fuhrmann und Armin Krohne, später stieß Timo Reger dazu, der zunächst vor allem durch seine „seltsam spitzen Schuhe“ aufgefallen war. Thomas Lunz und Dan Reeder sind seit 20 Jahren mit von der Partie und der Neuzugang ist Johannes Stahl, dessen fein ziselierte Holzschnitte in der Ausstellung ins Auge springen. Göllings und Tobischs Dank ging vor allem an die Familie Pfeiffer, im Hirtenmuseum vertreten durch Susanne Pfeiffer. Dass die Lehrlinge Gölling und Tobisch damals nach Feierabend und auch nachts ihre Plakate für den Jazzkeller drucken durften, sei ein Riesenvertrauensvorschuss gewesen.

Bier und Schnaps

Was blieb nun Egersdörfer noch zu sagen? Er schwurbelte sich durch die bei bierseligen Treffen mühsam zusammengekratzten Fakten, so wie überhaupt die „Drucker-Gangster“ die „Alkoholikatrends seit den 70er Jahren“ fleißig mitgemacht hätten, auf einem soliden Fundament von Bier und Schnaps, versteht sich. Egersdörfers Vorgabe für die Festrede sei gewesen „edz beschimpf uns hald a weng!“. Das tat er dann hinreichend liebevoll, schließlich hatte man ihn mit „Glühwein gefügig gemacht“ und zum Verspeisen eines kompletten Salzknöchle genötigt: „des baggst du scho!“

Die Chance dazu bekam der Laudator im Anschluss, denn mit Ende seiner Rede wurden die Deckel von den Bratpfannen der Michelmühle gelupft: „Das Buffet ist eröffnet!“ Ob das Essen gereicht hat?

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer