Matthias Egersdörfer in Lauf

Pure Lust am Unsinn

Von links: Rob Stephan (unter anderem Bassgitarre, Gesang und Blasinstrumente), Matthias Egersdörfer (Gesang), Lothar Gröschel (Akkordeon), Tilo Heider (Schlagzeug) und Smul Meier (E-Gitarre) sind „Fast zu Fürth“. | Foto: Grzesiek2018/06/Egersdorfer-Fast-zu-Furth-Lauf-Industriemuseum-Foto-Grzesiek.jpg

LAUF — „Fast zu Fürth“, das ist Matthias Egersdörfer light, aber mit Gesang. Die Boygroup der mittelalten Herren gestaltete auf Einladung des PZ-Kulturraums im Garten des Laufer Industriemuseums einen launigen Sommerabend. Für den in Lauf aufgewachsenen Kabarettisten war es ein Heimspiel samt Gelbwurstkette als Gastgeschenk.

„Fürchtet euch nicht“ heißt die neue CD dieser musikalisch durchaus abwechslungsreichen und technisch perfekten Band. Das klingt sehr oft nach Volksmusik und Gstanzln, aber auch nach Neuer Deutscher Welle und gängigem Schlager. Aber weil manche Texte eher irritieren oder gern provozieren wollen, spricht der Künstler zunächst strenge Warnungen ins Publikum. Erstens werde „Fast zu Fürth“ nach den ersten Versen ihr Pulver schon verschossen haben. Zweitens sei ein netter Fernsehabend mit Carmen Nebel unterhaltsamer und weniger verstörend. Und drittens würden nicht bibelfeste Zuhörer bei den anstehenden theologischen und philosophischen Fragen ins Straucheln geraten.

Derbe Witze gehören dazu

Hilft nichts. In Lauf hat der Egers wohl ein Leben lang ein Heimspiel, die zahlreichen Zuhörer bleiben und klatschen am Schluss auch noch eine lange Zugabe heraus. Dass man bei dem Kabarettisten mit dem eingestanzt missmutigen Blick zwischendurch mit Publikumsbeschimpfung („lauter Bierschinken-Gesichter hier“) und pubertären Zoten rechnen muss, weiß man ja. Und zum Auftakt ein Lied, das die Latte nicht all zu hoch hängt: Es kommt mit wenigen Worten aus dem Sexualkundeunterricht aus.

Die Highlights sind, wie bei Egersdörfers Kabarettnummern auch, die von Alltagsbeobachtungen ausgehenden Gedankenwindungen, die in hochphilosophischen, politischen oder religionskritischen State­ments enden oder durch absurde Überzeichnung vermeintliche Gewissheiten zerdeppern. Wer ahnt denn, dass ein Choralgesang über das Haus des Herrn und den hier waltenden Heiligen Geist ganz banal mit einem Loblied auf die Tiefgarage in selbigem Haus endet. Weil dank dieser architektonischen Feinheit der Pfarrer noch im Schlafanzug zum Brötchenholen fahren kann. Solchen Kirchenspott muss man sich erst einmal ausdenken. Und es ist zu vermuten, dass an den ausgefeilteren Werken der vor eineinhalb Jahren verstorbene Philipp Moll, dem zu Beginn des Abends gedacht wird, noch Anteil hatte.

Kindheitstraumata und Kalauer

Oder die psychodelisch-sphärische Nummer „Am Meer“, die ganz entrückt mit Wellenrauschen und Entspannung beginnt, aber mit einem Egersdörferschen Kindheitstrauma endet. Die Mutter wollte an die Nordsee, weil der kleine Matthias dort seine Allergie auf grüne Papierservietten auskurieren könnte (die der der Mutter sexuell hörige Kinderarzt aber nur vorgetäuscht hatte). Der Vater fand Strandurlaub stinklangweilig und wollte mit dem Bub nach Hause fliehen. Tja, jeder lebt seine Kindheitsschäden halt anders aus. Beim Egers werden sie zu skurrilen Geschichten, die einen ganzen Abend lang unterhalten.

Was zwischendurch als dadaistische Wortspiele, als Kalauer oder komplett sinnfreie Lyrik dargeboten wird, nimmt man wohlwollend in Kauf. „Tatütata, tatütata, die Fegefeuerwehr ist da“, heißt da etwa ein Kurzsong. Oder „Der Tag is hie“, fünfstimmig. Aber: „Shoah, Shoah, ruft’s aus dem Wald“, gesungen auf die Melodie des Kuckuckliedes? Raffiniert versteckter Antifaschismus? Ein Glück, dass das nicht der Auschwitz-Experte und Rapper Kollegah gesungen hat.

Letztlich geht es bei „Fast zu Fürth“ wohl um die Lust am Unsinn und an der Dekonstruktion des bürgerlichen Lebens. Wenn Egersdörfer sein Publikum so weit hat, dass es begeistert minutenlang die sinnfreie Zeile „Die Existenz in Trümmern“ mitsingt, weicht der strenge Blick des Meisters einem diabolischen Lächeln. „Wenn ich vor 30 Jahren meinem Laufer Mathelehrer erzählt hätte, dass ich heute hier im weißen Anzug stehen würde und das Publikum mit mir diese Zeile singt: Der hätte mich für verrückt erklärt.“ Das Trauma der Schulzeit, endlich wird es aufgearbeitet.

Im Übrigen steht Egersdörfer der weiße Anzug wunderbar und bei seinem Hüftschwung könnte man schon an Elvis denken, an den späteren. Zur Belohnung gab es eine Gelbwurstkette, die Rainer Turba vom PZ-Kulturraum dem Künstler im Auftrag der Metzgerei Pristownik umhängte. Der Egers erinnerte sich an kostenlose Gelbwurstscheiben in seiner Kindheit und war gerührt, so weit man das sagen kann.

N-Land Walter Grzesiek
Walter Grzesiek