Neues Wespen-Stück

Genossen, zur Sonne!

Am Ende ist Miussow erschöpft, aber glücklich: Das Ensemble der Wespen begeistert bei der Premiere von „Ich will Miussow sehen“. | Foto: Susanne Voss2019/10/Altdorf-Wespen-Miussow.jpg

ALTDORF – Die Wespen feierten in Altdorf eine umjubelte Premiere von „Ich will Miussow sehen“. Drei Vorstellungen stehen noch an.

Der Funktionär Miussow ist Direktor des zentralen Versorgungsamtes und liebt es, seine Sonntage im beschaulichen Erholungsheim Sonnenblume zu verbringen. Wenn er nur nicht so einen Schlag beim anderen Geschlecht hätte. „Was die Frauen nur immer mit mir haben?“, fragt er sich schon eine Weile. Sonja Valentinowa weiß es. Reist zur Sonnenblume. Und teilt Miussow mit, ihr Mann werde ebenfalls kommen und trachte ihm nach dem Leben, weil der Funktionär ihr Liebhaber sei.

Das ist zwar frei erfunden, bringt Miussow aber in gehörige Schwierigkeiten. Derweil hat der Lieferungsbeauftragte des Versorgungsamtes, Nikolaus Saizew, ganz andere Sorgen: Er erscheint in der Sonnenblume, weil er eine dringende Unterschrift von Miussow braucht. Ein amüsantes Beziehungsgewirr beginnt, das Ziel aller Beteiligten ist klar: „Ich will Miussow sehen!“

Der Dramatiker Valentin Katajew nimmt in seiner Komödie aus dem Jahr 1947 den sowjetischen Personenkult auf die Schippe. Die Theatergruppe Die Wespen zeigt im Autohaus Stahmer die Bühnenadaption von Marc-Gilbert Sauvajon unter der Regie von Eleonore Schön: tempo- und facettenreiches Theater mit brillanten Akteuren, das viele Lacher und am Ende verdiente Bravo-Rufe erhält.

Kluge Komödie mit subtilem Wortwitz

„Ich will Miussow sehen“ ist eine kluge Komödie, die von subtilem Wortwitz und der mitreißenden Spielfreude der Wespen lebt. Udo Gerstacker verkörpert Saizew, den eifrigen Lieferungsbeauftragten, der in der Sonnenblume von Miussow nur eine Unterschrift für den Kauf von weißer Lackfarbe für 150 Kinderbetten braucht. Gewohnt stimmgewaltig und mit starker Mimik haucht Gerstacker dem Lieferungsbeauftragten Leben ein, ohne in Klamauk abzudriften. Ganz nach damaliger Sowjet-Manier beugt er die Wahrheit, um an sein Ziel zu kommen, nie um eine Ausrede verlegen und niemals die Sinnhaftigkeit von Vorschriften hinterfragend.

Sonja Valentinowa ist ein Ereignis: Mit voluminös auftoupiertem Haar, dramatischem Blick und herrlich exaltiert erobert sie die Bühne; eine Paraderolle, die Karin Völkl wie auf den Leib geschrieben ist. Der Portier Philipp Maximowitsch (berührend: Richard Winter) hält unbeirrt an dem fest, was schon immer Gültigkeit hatte: „Wer sich einmal in der Sonnenblume erholt hat, kann sich nirgendwo anders mehr erholen.“

Kongeniales Duo: Ernst Bergmann und Karin Völkl als Miussow und Sonja Valentinowa. Foto: Susanne Voss2019/10/Altdorf-Wespen-Miussow-Bergmann-Voelkl.jpg

Ernst Bergmann ist Miussow und man nimmt ihm seine Rolle ab. Hinreißend sind die Szenen mit der liebestollen Professoren-Gattin, auf die er mal geschmeichelt, mal mit heftigem Entsetzen reagiert. Bergmann liebt die vielschichtigen humorigen Charaktere, das Publikum dankt es ihm mit tosendem Applaus. Wera Karpowna ist die Leiterin des Sonnenblume. Julia Alexander verkörpert mit viel Energie die im Grunde herzensgute, immer irgendwie überforderte Karpowna. Fast ein bisschen verzweifelt versucht die, den Wirrungen des Lebens die Behandlungsschemata der Sonnenblume überzustülpen. Alle Patienten kommen zuerst in einen Sack und dann auf‘s Dach und wenn gar nichts mehr hilft, dann sicher ein heißes Fichtennadelbad.

Das Kartenhaus bricht zusammen

Natürlich bricht das Kartenhaus an Halbwahrheiten zusammen: Die Traktoristin Klara Igtschuk (herausragend: Nikola Hinney) erscheint. Sie sucht ihren wirklichen Ehemann Kostja Galuschin, den Oliver Reinhardt mit der genau richtigen Mischung aus Emotion und Komik verkörpert. Die Verwirrung ist komplett, bis es schließlich zum Showdown kommt. Professor Dudkin (köstlich: Herbert Creutz) tritt auf.

Nicht etwa, wie von Miussow befürchtet, um den Funktionär umzubringen, sondern weil er Sonjas Hausschlüssel braucht. Als Miussow und Saizew endlich aufeinandertreffen, ist die Erleichterung des Funktionärs greifbar, denn seine Welt ist wieder in Ordnung: „Mein Unglück ist, dass ich den Frauen so gefalle“, kokettiert er. Und unterschreibt. Weiße Lackfarbe für 150 Kinderbetten. Weil das so Vorschrift ist im zentralen Versorgungsamt.

Info: Weitere Termine des Stücks sind Donnerstag, 10. Oktober, Freitag, 11. Oktober, sowie Samstag, 12. Oktober, im Autohaus Stahmer an der Prackenfelser Straße. Einlass ist jeweils um 19 Uhr, Karten gibt es in der Buchhandlung Lilliput.

N-Land Susanne Voss
Susanne Voss