Letztes Konzert der Jean-Baptistes Jug Band

Furioses Goodbye der Kultjazzer

51 und kein bisschen leise: Jean Baptistes Jug Band begeisterte ihre Fans in Kratzers Biergarten einmal mehr völlig. | Foto: K. Porta2019/07/DSC_0706.jpeg

HERSBRUCK – Das war’s dann. Nach 51 beswingten Jahren hat sich „Jean Baptistes Jug Band“ von ihren zahlreichen Fans verabschiedet – mit einem nicht nur für den Kamm-müden Frontmann Michael Gölling „grandiosen Abend“ in Kratzers Biergarten.

Von der ersten Note an verwandelt das Septett die Location im Herzen der Cittaslow mit seinen frühen New Orleans- und Chicago-Jazz-Melodien in einen brodelnden Jazzclub, in dem das swingende Lebensgefühl der 20er und 30er Jahre förmlich mit Händen zu greifen ist.

Michael „Mitch“ Sauer wechselt munter zwischen Klarinette und Saxofon hin und her, Harald „Stulle“ Thiel zupft die Banjosaiten und Ralf Matthes bearbeitet seinen Kontrabass ebenso inbrünstig wie die Ventile am überdimensionalen Sousaphon. Georg Haselbeks Finger wirbeln derweil über das Piano, während Adam Meyer mit seinen fingerhut-bewehrten Händen am Waschbrett den Takt vorgibt.

Kamm als Markenzeichen

Die meisten Blicke aber ziehen wie stets bei der Jug Band Michael Gölling und Jörg „Jeff“ Gründer auf sich. Nicht nur, weil die beiden am vorderen Rand der Bühne stehen. Ihre „Instrumente“ – mit Seidenpapier überzogene Kämme – prägen den unverkennbaren Sound der seit ihrer Gründung anno 68 im legendären Jazzkeller „Zoom 15“ nicht ruhig zu stellenden Musiker. Und wenn Gründer mit ganz viel Melancholie Klassiker wie „Nobody knows you when you’re down and out“ ins Mikrofon haucht, verblasst daneben auch die einst so populäre Version von Bessie Smith.

Konzerte der Jug Band, zumal solch bedeutende wie der kombinierte Gig zum Abschied von Frontmann Gölling und zum 51. Bandgeburtstag, sind aber immer auch eine Art Familientreffen. Und so verwundert es niemanden im gut gefüllten Biergarten von Altstadtwirt Gerhard Kratzer, dass es auf der Bühne nach der ersten Pause auf einmal rappelvoll wird.

Während Gölling („Ich bin ermattet…“) eine kleine Kunstpause einlegt, entern ehemalige Mitglieder der immer mal wieder umbesetzten Jazzkombo die Bühne. Günther Tobisch schnappt sich nun das Waschbrett, Peter Zagel seinen aus einem Besenstiel und Holzkiste zusammengezimmerten Zupfbass, und der eigens aus Hamburg angereiste Hanno Kohl macht seine Posaune ebenso startklar wie Harald Sand, Sohn des unvergessenen Heimatautors Eddie Sand, seine Trompete.

Von Afrika über die Uckermark nach Hersbruck

Und, unter keinen Umständen zu vergessen: der jahrelang in Afrika weilende und nun in der Uckermark sesshaft gewordene Co-Gründer Herrmann „Jean“ Hummer, der endlich auch dem namensgebenden „Jug“ – einer voluminösen, bauchigen Weinflasche – Leben einhaucht und ihr die typischen, dumpf wummernden Laute entlockt.

In bunt wechselnder Besetzung drehen die „Jungs“ jetzt so richtig auf, sehr zur Freude ihrer treuen Fans. Zwei von ihnen – den „Hofmanns Ferdl“ und Ossi Maxa – hebt Gölling explizit heraus, erleben sie doch an diesem Abend „ihr 483. respektive 500. Konzert von uns“ live mit. Ihnen sah der Kammvirtuose deshalb vor Jahren auch bereitwillig die Kritik nach, dass er und seine Jungs beim 30. Bandgeburtstag „bloß alte Sachen g’spielt hamm, weil wir kei‘ Lust hatten, was Neues einzustudieren“.

Wie im „Cotton Club“

„Was Neues“ wollen die Zuhörer aber ohnehin nicht – sie fühlen sich bei uralten, auch schon von Benny Goodman oder Duke Ellington eingespielten Nummern wie „The World is waiting for the Sunrise“(Gölling: „Eins unserer ersten Lieder, das wir mal so lange geübt haben, bis uns schwindlig war.“) oder „Oh, Baby“ von Walter Donaldson in die verrauchten Speak-easys, „Cotton Clubs“ und Tanzsäle der „Goldenen Zwanziger“ versetzt.

Und beim furiosen Finale mit Fats Wallers frech-frivoler „Honeysuckle Rose“ und dem von Louis Armstrong unvergesslich gemachten Spiritual „When the Saints go marching in“ hält es vor allem die Frauen nicht mehr auf den Stühlen. Sie legen in bester „Flapper Girl“-Manier zu den mitreißenden Swingmelodien einen flotten Charleston aufs holprige Kopfsteinpflaster – grandioses Ende eines grandiosen Abends.

N-Land Klaus Porta
Klaus Porta