Laufer Literaturtage: Frank Günther

Shakespeare als Projektionsfläche

Frank Günther in Aktion auf der Bühne der Laufer Bertleinaula. | Foto: Sichelstiel2016/11/literaturtage-lauf-frank-gunther.jpg

LAUF — Wer in einem deutschen Theater eine Shakespeare-Aufführung besucht, hat gute Chancen, Frank Günthers Werk zu hören. Seine Übersetzungen gehören zu den meistgespielten, weil sie lebendig sind, ohne sich dem Zeitgeist anzubiedern. Bei den Laufer Literaturtagen gab der Anglist, der bald als weltweit Erster alle Werke des Dichters übersetzt haben wird, einen Einblick in sein Schaffen.

Shakespeare, das ist vor allem eine Projektionsfläche. Der Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing erklärte ihn zum Dichter, der den Deutschen aus der Seele spricht, und legte damit den Grundstein für eine fast religiöse Verehrung. Der Ehrfurcht einflößende Klassiker, als den ihn mit Hilfe von Reclam-Heften gequälte Schüler wahrnehmen, war Shakespeare aber nie. Sein Theater stand im Rotlichtviertel. Er konkurrierte mit Bordellen, Hinrichtungen und Tierhatzen um die Aufmerksamkeit des Publikums und griff wohl nicht zuletzt deshalb zu einer deftigen, anspielungsreichen Sprache.

Frank Günther – Jahrgang 1947 – hat diebische Freude daran, die Illusion vom über allen Dingen schwebenden Genie wie eine Seifenblase platzen zu lassen. So sucht er zum Beispiel nach Synonymen für das weibliche Geschlechtsteil, während er gestikulierend am Bühnenrand der Laufer Bertleinaula auf und ab läuft, wo es ihn, den Schnellsprecher, fast den ganzen Abend lang hält. Erst nach zwei Stunden setzt er sich zum ersten Mal auf den vorgesehenen Stuhl. Er ist ganz offensichtlich getrieben von der Begeisterung für seine Arbeit.

Das weibliche Geschlechsteil? Ja, denn Shakespare platziert Romeo nach seiner ersten Begegnung mit der angebeteten Julia in voller Absicht unter einen Mispelbaum. Medlar, das englische Wort für die Mispel, ist nichts weniger als eine Anspielung. Die Frucht und das Genital hätten, meint Günther, eine optische Ähnlichkeit, „wenn man das will, und die Engländer wollten das“. Hinzu kommt, dass medlar ähnlich klingt wie to meddle, was man mit herumfummeln oder herummachen übersetzen kann.

Der Übersetzer steht vor einem Dilemma, Günther nimmt sein Publikum an diesem Punkt mit in seine Werkstatt: „Im Deutschen fällt mir zur Mispel einfach nichts Pornografisches ein.“ Spätestens jetzt wird klar, dass Übersetzung Interpretation ist, dass eine moderne Shakespearefassung zwangsläufig anders als eine aus dem 18. Jahrhundert ausfällt. „Ein Dolmetscher interessiert sich für das, was gesagt wird. Für mich ist entscheidend, wie etwas gesagt wird, denn das ist keine zufällige Zutat, sondern verändert das Was“. Die Romeo-und-Julia-Verse hat er so ins Deutsche übertragen: „Nun sitzt er unter einem Zwetschgenbaum/Und träumt von seinem liebsten Früchtchen und/Von dem, was Mädchen kichernd Pflaume nennen;/Ach Romeo, wär sie ein Vögelbeerbaum doch/Und du ihr Specht und hacktest froh dein Loch!“

Dass man darüber streiten kann, dass der Zwetschgenbaum bei Shakespeare nicht vorkommt, vom „Vögelbeerbaum“ ganz zu schweigen, der ein botanisches Novum ist, gesteht Günther ein. Aber dass seine Übersetzungen zotenreich seien, dass er sich „in einer männlich-spätpubertären Sexualprotzerei“ suhle, wie ihm Kritiker vorwerfen, lässt er nicht gelten. Die englische Sprache biete „unendliche Doppeldeutigkeiten“ – und Shakespeare habe wie ein „Trüffelschwein“ in Absurditäten gewühlt.

Lessing und seinen Zeitgenossen war das wohl nicht ganz geheuer, denn diese Seite des Genies aus Stratford-upon-Avon verschwiegen sie. Um allzu delikate Stellen gekürzt ist etwa die Übersetzung von August Wilhelm Schlegel: „Nun sitzt er wohl an einen Baum gelehnt,/Und wünscht, sein Liebchen wär‘ die reife Frucht,/Und fiel‘ ihm in den Schoß.“ Kein Wunder, dass Shakespeare ganzen Schülergenerationen nicht als volksnah, sondern als unnahbar galt.

Ein ehrliches Fazit liefert Günther nach rund zweieinhalb Stunden, er blickt dabei über seine Brille ins Publikum, die grauen Haare  längst vom vollen Körpereinsatz zerzaust. Eigentlich, sagt er, werde Shakespeare immer unverständlicher. Wer kann heute noch etwas mit Anspielungen auf Ovid oder griechische Fabelwesen anfangen? Nicht einmal seine Landsleute verstünden ihren Nationaldichter mehr, das elisabethanische Englisch sei nicht einfach zu durchdringen. Die Deutschen sieht Günther klar im Vorteil, sie hätten nicht den Shakespeare, sondern viele Shakespeare-Interpretationen. Und von einem dürften die Wortspiele nicht ablenken: Dem Bemühen, „von der menschlichen Innenwelt zu erzählen“. Damit können auch Zeitgenossen etwas anfangen.

N-Land Andreas Sichelstiel
Andreas Sichelstiel