Mein Freund Günter
Von Anke Petschat
ALTDORF – Klein, ungeschützt lag ich da, ein kleiner Steckling auf einer Bank in Todtmoos, einem schönen Kurort im Südschwarzwald. Ich war durstig und fühlte mich sehr schwach. Als Günter vorbeikam und mich sah, hatte er sofort erkannt, was mir fehlte. Er nahm mich mit und steckte mich in einen leeren Joghurtbecher mit frischer Erde. Er gab mir Wasser – das war schön.
Als die Zeit kam, dass Günter nach seinem Kuraufenthalt wieder nach Hause fahren musste, nahm er mich mit nach Altdorf. Dort war sein Zuhause.
Bald schon wurde der Joghurtbecher zu klein und da war die Freude groß, als Günter mich in ein Beet pflanzte. Jetzt fühlte ich mich schon wie ein richtiges Bäumchen. Ein Bäumchen aus dem Schwarzwald, hier in Altdorf.
Eines Tages kam ein großer Umzugswagen und Günter zog mit seiner Familie in ein anderes Haus. Auch ich sollte mit umziehen. Er hatte mich nicht vergessen. Ich bekam einen schönen Platz mitten auf einem kleinen Rasenstück direkt vor seiner Terrasse.
Mit der Zeit zählte mein Stamm immer mehr Jahresringe und auch Günter wurde älter. Ich war ein richtig großer Baum geworden.
Eine Weißtanne, sagten sie. Im Sommer tummelten sich kleine Vögel zwischen meinen Ästen und ich spendete Günter Schatten, wenn er in seinem Liegestuhl lag. Im Winter leuchteten meine Äste im Schein der Lichterkette.
So blieb es mehr als 30 Jahre. Eines Tages im September war es dann so weit: Günter, der jetzt schon 90 Jahre alt war, lag nicht mehr in seinem Liegestuhl. Auch das Haus bekam neue Besitzer. Jetzt wollte ich nicht mehr ohne Günter in dem Garten stehen.
Meine Geschichte ist noch nicht zu Ende, denn jetzt stehe ich ganz zentral mitten in Altdorf neben dem Kulturrathaus in der Nähe der Laurentiuskirche, in der Günter jahrelang als Pfarrer tätig gewesen war. Ich bin wunderschön geschmückt und erstrahle wieder im Schein der Lichterketten, so wie ich es immer geliebt habe.
Günter hätte das sehr gefallen.
