Rasanter Aufstieg von der Landes- in die Bundesliga

Vom Abwehrchef zum Analytiker

Bereits um 7.30 Uhr fängt der Arbeitstag von Michael Kammermeyer in seinem Büro beim VfB Stuttgart an. | Foto: privat2020/12/Feucht-Kammermeyer-Michael-im-Buero-beim-VfB-Stuttgart.jpg

FEUCHT – Seit dem Sommer gehört Michael Kammermeyer zum Trainerstab des Bundesliga-Aufsteigers VfB Stuttgart. Der Ex-Feuchter spricht über die bisherige Saison, seinen neuen Aufgabenbereich und die fehlenden Zuschauer.

Mitte Juli 2020 hat Michael Kammermeyer überraschend den Landesliga-Spitzenreiter 1. SC Feucht verlassen. Nicht etwa, weil der Innenverteidiger einen Vereinswechsel vollzogen hatte, um bei einem neuen Klub seine Fußballschuhe zu schnüren. Kammermeyer hat einfach nur ein schier unglaubliches Angebot angenommen: Denn der Bundesliga-Aufsteiger VfB Stuttgart bot dem 34-Jährigen den Posten des Assistenztrainers an – und er nahm dankend an. Den Deal eingefädelt hatte VfB-Aufstiegstrainer Pellegrino Matarazzo (43). Stuttgarts Chefanweiser und der Feuchter Abwehrrecke kennen sich aus gemeinsamen Tagen beim 1. FC Nürnberg, so kam der Wechsel zustande.

Ein knappes halbes Jahr wirkt Kammermeyer nun schon in der Schwaben-Metropole und hat in dieser Zeit schon einiges erlebt. Vor allem kann das Trainerteam des Aufsteigers mit dem bisherigen Abschneiden mehr als zufrieden sein: „Wir haben zwar gleich das erste Spiel, das war das Derby gegen Freiburg, daheim mit 2:3 verloren. Das war natürlich ein unglücklicher Start. Aber in der zweiten Halbzeit haben wir uns schon gut präsentiert. So hat uns die Niederlage doch Auftrieb für die nächsten Spiele gegeben”, stellt Kammermeyer fest.

Gegen Bayern kann man mal verlieren

Immerhin hat Stuttgart in der Folge nur noch ein weiteres Spiel verloren, zuhause gegen den Rekordmeister FC Bayern München mit 1:3. „Gegen die Bayern muss man als Aufsteiger eine Niederlage eigentlich einkalkulieren. Ansonsten können wir mit unserem bisherigen Abschneiden sehr zufrieden sein. Allerdings haben wir noch ein paar Punkte liegen lassen, weil wir zu viele Unentschieden hatten. Aber hätte uns vor der Saison jemand gesagt, dass wir nach elf Spieltagen 17 Punkte auf dem Konto haben, dann hätten wir hier das alle unterschrieben”, zeigte sich der gebürtige Nürnberger vor der Partie Dienstagabend gegen Union Berlin voll und ganz zufrieden. Hinterher stehen nach dem 2:2 nun 18 Punkte auf der Habenseite.

Auffallend ist die Auwärtsstärke der Schwaben: Die Siege beim FSV Mainz 05 (4:1), bei Hertha BSC Berlin (2:0), bei Werder Bremen (2:1) und das 5:1 bei Borussia Dortmund bedeuten zwölf Punkte, dazu zwei Remis beim FC Schalke 04 und der TSG Hoffenheim: Mit bislang 14 erzielten Punkten ist der VfB (Stand: Mittwochmittag) das beste Auswärtsteam der Bundesliga. Insgesamt sechsmal teilten sie die Punkte, unter anderem gegen den Europa-League-Teilnehmer und aktuellen Tabellenführer Bayer 04 Leverkusen (1:1).

Kammermeyer, der ehemalige Feuchter Abwehrchef, hat sich schnell und gut beim Traditionsklub VfB Stuttgart eingelebt. „Ich habe am Anfang erst einmal im Hotel gewohnt, habe dann aber schnell eine Wohnung gefunden. Ich fühle mich hier sehr wohl”, stellt er zufrieden fest.
Sein Aufgabenbereich ist umfangreich und mehr als nur ein Teilzeitjob. „Der Arbeitstag beginnt während der Woche um 7.30 Uhr im Büro. Wenn wir zwei Trainingseinheiten am Tag haben, dann wird das ein richtig langer Tag“, stellt Kammermeyer klar. Viele Gespräche, Analysen des eigenen Spiels und das Studium des nächsten Gegners stehen auf dem Plan eines Profivereins. „Wir haben einen großen Staff, weil die Aufgaben doch sehr vielfältig sind.” Als Schwerpunkt hat Kammermeyer zwar die Aufgabe der Spielanalyse, „ich stehe aber wie die anderen Trainer auch bei den Einheiten mit auf dem Trainingsplatz.

Mit dem Tablet auf der Bank

Während des Spiels hat Kammermeyer immer ein Tablett auf der Bank dabei. Damit sucht er Szenen im Live-Modus heraus, die dann in der Pause umgehend gezeigt werden. Beim Bundesliga-Aufsteiger lassen sie nichts unversucht, die Spieler bestens vorzubereiten und ihnen auch während des Spiels Hilfen an die Hand beziehungsweise an den Fuß zu geben. „Das ist neueste Technik, das hat Einzug in den Profibereich gehalten. Das machen die Profivereine inzwischen fast alle so. Bei dem Einsatz dieser Techniken wollen wir als VfB Stuttgart natürlich auch ganz vorne dabei sein“, bestätigt er.

Kammermeyer, der noch in der Hinrunde der laufenden Landesliga-Saison der verlängerte Arm von Feuchts Trainer Florian Schlicker auf dem Feld war, hat sich beim VfB Stuttgart also bestens akklimatisiert. Eines ist im Moment aufgrund der Corona-Pandemie allerdings nicht optimal: Bei den ersten beiden Heimspielen gegen Freiburg (8000) und gegen Leverkusen (9500) konnten immerhin Zuschauer im Stadion live dabei sein. Die vier weiteren Partien mussten die Schwaben dann ohne Fans austragen.

Vor- und Nachteile der Geisterspiele

Das tut natürlich weh, die ersten beiden Spiele waren da natürlich besser. Aber man sieht auch, dass es auch ohne Zuschauer geht, wenngleich das natürlich nicht schön ist und wir uns alle wünschen, das bald wieder Zuschauer ins Stadion dürfen, zumindest einige. Denn da fehlen dann doch ein paar Prozent“, beschreibt Kammermeyer die maue Stimmung in den Stadien. Er sieht allerdings auch einen Vorteil: „Wir können als Trainerteam besser eingreifen, weil uns die Spieler viel besser verstehen. Doch wenn man in Rückstand liegt oder ein Spiel auf der Kippe steht, dann können die Fangesänge der Mannschaft schon helfen.” Das trifft laut Kammermeyer besonders auf Vereine in der Bundesliga zu, die stark von ihren Fans abhängig sind. Beispielsweise Borussia Dortmund, wenn 82 000 Zuschauer die Stimmung anheizen.

Auch der VfB Stuttgart hätte in manchen Heimspielen die Unterstützung der eigenen Fans gut gebrauchen können. Doch vorerst wird es keine Fans in den Stadien geben. Kammermeyer stellt jedoch klar: „Wir müssen im Moment froh sein, dass wir angesichts der hohen Corona-Infektionszahlen überhaupt spielen dürfen. Dafür sind wir alle sehr dankbar.

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