Ex-Profi Helmut Rahner kann auf eine bewegte Fußballkarriere zurückblicken

Harter Hund und großes Herz

Als Trainer des SV Schwaig ist Helmut Rahner aktuell zum Nichtstun verdammt. Ein Novum im Leben des ehemaligen Fußballprofis. | Foto: Dirk Meier2021/02/RahnerHelmut-Trainer-Schwaig2.jpg

SCHWAIG. Fußball bestimmt schon immer sein Leben: Helmut Rahner hat es vom Dorfverein bis in die Bundesliga geschafft, hat für Vereine in Schottland und Italien gespielt. Der 49 Jahre alte ehemalige Abwehrspieler ist inzwischen Fußballlehrer und diplomierter Sport-Kaufmann. Aktuell trainiert er den Landesligisten SV Schwaig, den er 2019 zur Bezirksliga-Meisterschaft geführt hat. Für die PZ blickt Rahner, der am 29. März seinen 50. Geburtstag feiert, auf seine Karriere zurück.


Seine Laufbahn begann der 1,81 Meter große Abwehrspieler, auch bekannt als „Alu“ Rahner, bei seinem Heimatverein DJK Weingarts. Geboren in Forchheim und aufgewachsen auf dem elterlichen Bauernhof begann Helmut als kleiner Bub mit dem Fußball: „Mein erstes Ziel war das Scheunentor, da habe ich immer dagegen geschossen.“ Bei seinem Heimatklub spielte der Linksfuß wie sein Vater Hans zunächst als Linksaußen. In der C-Jugend gelangen Rahner 130 Tore in einer Saison.


Nach der Schule absolvierte er eine Schlosserlehre, aber der Fußball stand immer im Mittelpunkt. 1986 kam Rahner zum 1. FC Nürnberg, spielte in den B- und A-Jugendmannschaften beim Club. Mit der B-Jugend verlor er das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft im Frankenstadion gegen Bayer 05 Uerdingen mit 0:4. 1989 stand Rahner mit der Club-U19 im Finale um die Deutsche Meisterschaft und verlor nach 2:0-Führung gegen den VfB Stuttgart noch mit 2:3.


Rahner, inzwischen zum Abwehrspieler umfunktioniert, wurde Vertragsamateur und trainierte mit Sergio Zarate, Dieter Eckstein, Andreas Köpke & Co unter Trainer Hermann Gerland und holte sich den Schliff für den Profibereich. Von der Frankenmetropole machte sich der Blondschopf, der als Nachwuchshoffnung galt, dann auf nach Berlin.


Rahner, dessen Vorbild Hans-Peter Briegel vom 1. FC Kaiserslautern ist, heuerte bei Blau-Weiß 90 Berlin an. Die Mauer war ein Jahr zuvor gefallen, das Leben in der Millionenstadt hatte sich verändert. Der Berliner Zweitligist war in finanzielle Schieflage geraten. Der Nürnberger Club-Manager und Unternehmer Hans Maringer wollte Blau-Weiß retten und vermittelte Rahner nach Berlin. Doch dort wurde Rahner nicht glücklich, die prekäre finanzielle Situation des Vereins besserte sich nicht und der Verein musste 1991 aus der 2. Bundesliga absteigen. „Das war ein Riesenerlebnis, im Olympia-Stadion zu spielen und gleich im ersten Spiel mit der großen Aufgabe gegen den MSV Duisburg und meinen Gegenspieler Ewald Lienen.“


Inzwischen war der Name Rahner, er hatte sich zu einem kompromissloser Abräumer entwickelt, der hart gegen sich selbst und die Gegner spielte, in der 2. Liga bekannt und das ermöglichte ihm den Wechsel zu Bayer 05 Uerdingen, wohin er gemeinsam mit den beiden Mittelfranken Thomas Adler und Alexander Kutschera transferiert wurde.
Mit diesem Verein stieg Rahner gleich im ersten Jahr in die erste Bundesliga auf. In den nächsten Jahren entwickelte er sich unter Trainer Friedhelm Funkel zum Stammspieler in der Innenverteidigung. In dieser Zeit erwarb er sich aufgrund seiner zum Teil rustikale Spielweise, die er selbst als „ehrliche Arbeit“ bezeichnete, den Beinamen „Rambo“.


Auf den Bundesliga-Aufstieg 1992 folgte 1993 der Abstieg, aber 1994 kehrte der Werksklub in die höchste deutsche Spielklasse zurück. 1995 stieg das Bayer-Werk als Hauptsponsor aus, der Verein benannte sich in KFC Uerdingen um. Nach zwei Jahren Bundesliga musste der KFC 1996 wieder runter. In der Winterpause 1996/97 verließ der Abwehrspieler den Verein aus dem Krefelder Stadtteil nach fünfeinhalb Jahren.


Kontakte zu ehemaligen Uerdinger Spielern bestehen bis heute wie zu Jan Heinze und Bernd Dreher. In seiner Zeit in Uerdingen nahm Rahner 1993 an der Militär-Weltmeisterschaft in Marokko mit der Bundeswehr-Nationalmannschaft teil, die den dritten Rang belegte, mit von der Partie war seinerzeit Markus Babbel. „Das war auch eine tolle Erfahrung, hat Spaß gemacht.“


Dann versuchte sich Rahner im Ausland. Während der Saison 1996/97 wechselte er nach Schottland zum FC Kilmarnock. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm ein Spiel gegen die Wolverhampton Wanderers. „Mein Gegenspieler war deren Mittelstürmer Steve Bull. Das war ein Hüne, eine Legende, der in 474 Spielen 250 Tore erzielt hat. Für mich lief es in diesem Spiel gut und das anschließende Guinness danach auch.“


„Der Ohrring muss raus“


Im Anschluss wechselte Rahner zurück zum 1. FC Nürnberg, den Transfer fädelte Georg Volkert ein. „Vor dem Gespräch mit dem damaligen Club-Präsidenten Michael A. Roth nahm ich auf Anraten von Volkert den Ohrring raus, seitdem habe ich keinen mehr. Sonst wird das nichts, hatte Volkert mir gesagt.“ Trainer wurde Felix Magath und dann lief es. In der Spielzeit 1997/98 wurde es Platz drei in der 2. Liga, was damals den direkten Aufstieg in die Bundesliga ermöglichte. Am Ende der Saison 1998/99 musste der Club als Drittletzter wieder aus der Bundesliga absteigen– nach dem legendären Drama im letzten Spiel des Club gegen Eintracht Frankfurt.


Im Anschluss spielte Rahner für kurze Zeit in Italien bei Reggina Calcio, aber auch dort blieb es bei einem Intermezzo und für diese Station galt das gleiche für seinen Abstecher nach Schottland. „Trotzdem war das eine super Zeit dort. Da gab es jeden Morgen italienisches Frühstück – ein Espresso und eine Marlboro.“


Co-Trainer bei Calcio war Fernando De Napoli, der von 1986 bis 1991 beim SSC Neapel mit Diego Maradona zusammengespielt hat. „Fernando hatte im Auto eine ganze Reihe von Fotoalben mit Unmengen von Fotos von Maradona, die er jedem gezeigt hat. Über mich hat Fernando immer gesagt, dass ich eine rustikale, deutsche Eiche bin, womit er meine Spielweise gemeint hat.“


In der Folge setzte Rahner seine Karriere bei Preußen Münster fort. „Da hatte ich die Ehre, mit Christoph Metzelder gespielt, den ich nach wie vor schätze.“ Rahner holte damals in einem Spiel einen Elfmeter raus, gepfiffen von Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus, was ein Novum war. „Münster war auch schön, da gab es Grünkohl mit Pinkel. Das koche ich mir heute noch. Ich habe überhaupt von jeder Station, bei der ich war, etwas mitgenommen.“


Trainer in Münster war Klaus Bergel, der später zu Rot-Weiss Essen gewechselt und Rahner dorthin mitgenommen hat. „Da wurde gut und vor allem pünktlich bezahlt.“ Das Ende seiner Laufbahn sollte plötzlich und unerwartet im Alter von erst 29 Jahren während seiner Zeit bei Rot-Weiß Essen kommen.


Wegen einer Verletzung am Sprunggelenk wurde Rahner im Giradet-Krankenhaus in Essen operiert. Doch es gab Komplikationen, denn Rahner fing sich einen sogenannten Krankenhauskeim ein und wurde für vier Wochen ins künstliche Koma versetzt. Aufgrund dieser bakteriellen Infektion musste er seine aktive Karriere im Jahr 2003 beenden.


Frühes Karriere-Aus


„Das war natürlich ein Schock. Einen Kreuzbandriss oder einen Knochenbruch hatte ich einkalkuliert, aber so etwas nicht. Ich habe alles versucht, wollte mich wieder ran kämpfen, aber es klappte einfach nicht mehr. Vielmehr hatte ich noch Glück, dass mir der Fuß nicht abgenommen werden musste.“
Seine Bilanz bei deutschen Profiklubs lautet: 92 Bundesliga-Spiele (1 Tor), 92 Zweitliga-Spiele (1 Tor), 33 Regionalliga-Spiele (kein Tor). „Wäre mir das nicht passiert, ich hätte mindestens noch 100 Profispiele mehr bestreiten können. So sind es immerhin 217 geworden.“


Rahner, der sich neben dem Trainingsplatz auch oft im Kraftraum aufhielt und für seine körperliche Fitness bekannt war, wollte aber weiter dem Fußball erhalten bleiben. Nach zweijähriger Reha begann für ihn eine neue Karriere mit der Ausbildung zum Sport-und-Fitness-Kaufmann. Dieter Nüssing, beim Club seit Jahrzehnten eine Institution, holte Rahner zurück an den Valznerweiher. Von 2004 bis Juni 2012 war Rahner im Trainerstab des 1. FC Nürnberg im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) im Jugendbereich für die A- und B-Jugend tätig.


In dieser Zeit absolvierte der Abwehrmann die Ausbildung zum Fußballlehrer. An diesem Lehrgang nahmen neben Rahner unter anderem auch Mario Basler, Olaf Marschall, Jens Keller und Michael Rummenigge teil. In Düsseldorf absolvierte Rahner zudem noch die Ausbildung zum Sportfachwirt, Sportmanagement und Sportmarketing. „Im Grunde bin ich ja überqualifiziert“, lacht Rahner. Seine Wurzeln hat er aber nie vergessen. So konnte dank seiner Mithilfe sein Heimatverein DJK Weingarts 2009 ein Freundschaftsspiel gegen den 1. FC Nürnberg bestreiten.


In seiner Zeit als Nachwuchstrainer bei der U19 beim Club erreichte Rahner mit seinen Teams dreimal das Halbfinale im DFB-Pokal. Einmal scheiterte er gegen Hertha BSC Berlin, zweimal am SC Freiburg, der damals vom heutigen Freiburger Bundesliga-Trainer Christian Streich trainiert wurde. Mit der A- und der B-Jugend wurde Rahner je einmal Deutscher Vizemeister. Viele Spieler, die heute im Profibereich aktiv sind, durchliefen auch die Mannschaft von Rahner wie zum Beispiel Marvin Plattenhardt.


Zur Saison 2013/14 übernahm Rahner das Traineramt beim Landesligisten TSV Nürnberg-Buch, das er bis 2016 innehatte. „Wir haben mit dem aggressiven Pressing-Stil für Furore gesorgt. Dadurch hatten wir eine sehr erfolgreiche Ära. Das war auch eine schöne Zeit und ich habe den Verein bekannter gemacht. Das war eine meiner besten Stationen.“ Zeitgleich war Rahner noch als Jugendkoordinator für den SV Gutenstetten-Steinachgrund unterwegs.


Seit 2017 trainiert der Fußballlehrer nun den SV Schwaig, mit dem Rahner in der Saison 2018/19 in die Landesliga als Meister der Bezirksliga Nord aufgestiegen ist. Nun wartet der Trainer genauso wie seine Spieler darauf, dass es weitergeht. „Wir haben das letzte Spiel gewonnen, das war wichtig. Geht es weiter, dann geht es darum, den Klassenerhalt zu schaffen.“ Natürlich würden alle hoffen, dass sie bald wieder auf den Fußballplatz zurückkehren können. Aber die noch laufende Saison 2019/21 habe durch die langen Unterbrechungen längst ihren Stellenwert verloren.


Die Pause aufgrund der Corona-Pandemie ist schmerzhaft und Rahner, der in Nürnberg wohnt, vergleicht: „Das kommt für mich als Trainer ja überspitzt formuliert einem Sportverbot gleich. Jeder Spieler hat einen Trainingsplan. Aber es geht schon ab, dass man nicht mehr ins Fitness-Studio kann, dass die Trainingsplätze gesperrt sind. Da fehlt einfach was, auch die sozialen Kontakte. Aber wir müssen uns alle an diese Kontaktbeschränkungen halten, damit wir die Pandemie überwinden. Wir können nur versuchen, das Beste daraus zu machen.“


Auch wenn für Rahner nicht alles nach Wunsch gelaufen ist, so bleibt er demütig: „Ich bin für alles dankbar und bin froh, dass ich im Fußball doch einiges erreicht habe. Ich bin lange Zeit verwöhnt worden. Die vielen tollen Erlebnisse möchte ich nicht missen. Es war mein Glück, dass ich Fußballspieler im Profibereich geworden bin und daher glaube ich an den Fußballgott.“ Das ist ein positives Fazit eines Menschen, dessen Leben der Fußball bestimmt, auch in Zeiten von Corona.

Dirk Meier

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