Hardheim macht es vor

Ein kleines Krankenhaus geht doch

Das Krankenhaus im baden-württembergischen Hardheim kann mit seinen 51 Planbetten gut existieren. | Foto: privat2018/02/kh_hardheim_broschuere_Titel-Kopie.jpg

HERSBRUCK / HARDHEIM – Ein kleines Belegarzt-Krankenhaus mit 51 Planbetten, beliebt bei der Bevölkerung, weil die Ärzte gut, das Haus familiär und die Wege kurz sind. Das alles in kommunaler Hand, heißt: die Gemeinde vor Ort bezahlt die Miesen, wobei das Krankenhaus Jahr für Jahr nur ein leichtes Defizit einfährt. Ein Traum? Ein Hirngespinst? Mitnichten. Die 7000-Einwohner-Gemeinde Hardheim im fränkischen Odenwald zeigt, wie es geht.

Während in Hersbruck noch zahlreiche Bürger um den Erhalt „ihres“ Krankenhauses kämpfen müssen, sind die Hardheimer in Baden-Württemberg längst ein paar Schritte weiter. Sie wissen, wie sie dem Gesundheitssystem ein Schnippchen schlagen können. Vor etwa 20 Jahren nämlich sah die Zukunft des dortigen Krankenhauses auch so gar nicht rosig aus. Das kleine Haus, das Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde und in dem nicht einmal jedes Patientenzimmer über eine Nasszelle verfügt, stand vor dem Aus. Zu klein, zu alt, zu unrentabel.

Die Hardheimer begehrten auf — wie heute die Hersbrucker — und sammelten zunächst Unterschriften für den Erhalt ihres Krankenhauses. An die 7000 Bürger unterzeichneten damals. Eine stolze Zahl, die auch den damaligen Sozialminister staunen ließ. Doch Hardheim ist klein und nun mal nicht der Nabel der Welt. „Die meisten haben uns wenig Chancen gegeben. Wir sind mit unserem kleinen Häusle bemitleidet worden“, erinnert sich Fritz-Peter Schwarz, der sich von Anfang an für das Fortbestehen der Hardheimer Einrichtung starkmachte und später den Freundes- und Förderkreis „Unser Krankenhaus“ mit ins Leben rief.

Heute haben es die Hardheimer geschafft. „Wir sind gut aufgestellt“, erklärt Ludwig Schön, der Verwaltungsleiter des Krankenhauses. Aber wie hat es der kleine Ort geschafft, sein Krankenhaus zu behalten?

Hardheims Bürgermeister Volker Rohm fallen da gleich mehrere Gründe ein: die engagierten Ärzte und das Personal, die gute Annahme in der Bevölkerung, ein umtriebiger Förderkreis und die Eigenständigkeit des Hauses. Er lade seinen Hersbrucker Amtskollegen Robert Ilg gerne ein, sich persönlich ein Bild vor Ort zu machen. Die HZ hat hier schon einmal die wichtigsten Infos über die erfolgreiche Rettung des Hardheimer Krankenhauses zusammengetragen:

„Unsere Strategie war, die Ärzteschaft auszubauen und das Spektrum zu erweitern“, sagt Verwaltungsleiter Schön. Und so arbeiten am Hardheimer Krankenhaus nicht wie früher nur fünf Fachärzte, sondern mittlerweile 13 Fach- und acht Assistenzärzte. Das Haus deckt die Fachrichtungen Innere Medizin, Chirurgie und Orthopädie mit Spezialisierung auf Knie-, Hüft- und Schulterchirurgie sowie Gynäkologie ab.

Die Ärzte, die ihre Praxen direkt am Krankenhaus haben, hätten einen derart guten Ruf, dass sogar Patienten von außerhalb hierher kommen, erklärt Schwarz vom Förderkreis des Krankenhauses. Im Jahr 2000 gelang es zudem, am Krankenhaus Hardheim eine Rettungswache mit Notarztstandort einzurichten, der 365 Tage rund um die Uhr besetzt ist — für die Bevölkerung wie auch für die Sicherung des Hauses von elementarer Bedeutung.

Gute Ärzte bringen viele Patienten. Die chirurgische Gemeinschaftspraxis hat über 200 Patientenkontakte am Tag — und braucht mehr Platz. In diesem Jahr bekommen deshalb Praxis und OP einen Anbau. Und damit die Patienten künftig mehr Komfort haben, wird heuer auch noch ein Bettentrakt gebaut. Das alles kostet rund 3,24 Millionen Euro. Wer das bezahlt? Der größte Teil finanziert sich durch Zuschüsse vom Land Baden-Württemberg. Das Krankenhaus selbst muss 1,2 Millionen stemmen, der Förderkreis steuert 200 000 Euro bei.

In den vergangenen Jahren habe das Krankenhaus kontinuierlich in seinen Fortbestand investiert, so Verwaltungsleiter Schön. „Die Taktik der kleinen Schritte“, nennt er es. Dass viele kleine Kliniken auch deshalb geschlossen werden, weil die nötigen Investitionen angeblich zu groß seien, zeige, dass der Träger hier jahrelang nichts getan und einen Investitionsstau habe auflaufen lassen, so Schön. Ein Schelm, wer Böses dabei denke …

Vor 16 Jahren gründete sich der Freundes- und Förderkreis „Unser Krankenhaus“. Dem gehören mittlerweile rund 1200 Mitglieder an. Der Verein sammelt Spenden, auch mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen wie etwa einem Benefizkonzert oder Fußballspiel. Insgesamt hat der rührige Verein so über 600 000 Euro generiert, die natürlich der Hardenheimer Klinik zu Gute kamen. Auch Info-Veranstaltungen organisiert der Förderkreis. Dabei stellen die Fachärzte des Krankenhauses ihr medizinisches Spektrum vor. „So haben wir Patient für Patient hierhergeholt“, sagt Schwarz nicht ohne Stolz.

Das Hardheimer Krankenhaus gehört übrigens der Kommune und wird in einem Zweckverband mit dem Geriatriezentrum Walldürn betrieben. Walldürn trägt nach Satzung die Defizite in Walldürn, die allerdings in den vergangenen Jahren nicht entstanden sind. Hardheim gleicht das Minus des Krankenhauses aus — zu 97 Prozent. Drei weitere Gemeinden tragen jeweils einen eher symbolischen Anteil von einem Prozent des jährlichen Krankenhausdefizites, das durchschnittlich mit 235 000 Euro in den vergangenen sieben Jahren eh nicht allzu groß ausfiel. „Mit einem Krankenhaus ist nun mal kein Geld zu verdienen“, sagt Hardheims Bürgermeister Rohm. Das Gesamthaushaltsvolumen seiner Gemeinde liegt bei 17 bis 20 Millionen Euro. Zum Vergleich: Der Hersbrucker Stadtetat umfasst 37 Millionen Euro.

Die Eigenständigkeit ihres Krankenhauses ist es den Hardheimern Wert, jährlich in ihr Gemeindesäckel greifen zu müssen. Vor Jahren habe der Landkreis Neckar-Odenwald-Kreis ihr Krankenhaus übernehmen wollen, erzählt Bürgermeister Rohm. Ein verlockendes Angebot, doch Hardheim lehnte ab. „Wir sind sehr froh, dass wir die Selbstständigkeit behalten haben.“ Zumal die landkreiseigenen Kliniken Jahr für Jahr ein viel größeres Defizit einfahren. „Das kleine Hardheimer Krankenhaus hätten die doch längst geschlossen“, ist sich Schwarz vom Förderkreis deshalb sicher. „Nachtigall ick hör dir trapsen …“, könne er dazu nur sagen.

Der Erfolg aber fliegt dem Hardheimer Krankenhaus nicht von alleine zu. „Wir müssen schwer ackern“, sagt Verwaltungsleiter Ludwig Schön. „Die große Politik steht nicht hinter den kleinen Häusern“, pflichtet ihm Fritz-Peter Schwarz vom Förderkreis bei. Auch der Landrat des Neckar-Odenwald-Kreises, Achim Brötel, fand in einem Zeitungsartikel der Rhein-Neckar-Zeitung vom 13. November 2017 deutliche Worte. Hinsichtlich eines Berichts der Nationalen Akademie der Wissenschaften, nach dem 75 Prozent der bundesweit 1700 Krankenhäuser überflüssig seien und 330 Großkliniken ausreichen würden, sagte er: „Wer so denkt, degradiert die Menschen im ländlichen Raum zu Menschen zweiter Klasse.“

„Haltet euer Krankenhaus hoch“, gibt Verwaltungsleiter Ludwig Schön den Hersbruckern mit auf den Weg. Auch bei ihnen sei die nächste Klinik nur 20 Kilometer entfernt. Aber wenn ein Krankenhaus im ländlichen Raum schließt, wanderten über kurz oder lang auch die Ärzte ab. Auf der Strecke blieben die Menschen vor Ort.

N-Land Katja Bub
Katja Bub