Alarm übers Handy

Neuartige App für die Feuerwehren

So sieht eine Einsatzmeldung in der Alarmiator-App aus. | Foto: M. Gundel2021/10/DSC-2351.jpg

REICHENSCHWAND/HARTMANNSHOF – Das Handy piept, auf dem Bildschirm leuchtet „Einsatz für die Feuerwehr Reichenschwand“ auf. Der Feuerwehrmann kann sofort sehen, um was es geht und welche Kameraden zur Verfügung stehen. Doch das ist nur ein kleiner Teil des „Alarmiators“, den ein Hartmannshofer und ein Reichenschwander entwickelt haben und den immer mehr Einsatzkräfte im Landkreis nutzen.

Denn während die App für das Smartphone bisher hauptsächlich der Alarmierung dient, kann über die Website www.alarmiator.de ein komplettes Softwaresystem heruntergeladen werden. Die erste Version mit dem Namen „Hartmannshof“ als Bezug auf eine der Gemeinden der beteiligten Entwickler haben Jens Dinstühler und Stefan Bauer vor ein paar Wochen zum Download freigegeben. Darüber lassen sich zum Beispiel Mitgliederunterlagen, Inventar oder Termine verwalten. Auch ein Übungskalender soll noch eingebaut werden.

Lauter Dinge, die bei vielen Feuerwehren bisher noch auf Papier laufen, weiß Dinstühler. „Aber auch bei uns findet ein Generationswechsel statt, alles wird digitaler“, sagt der Reichenschwander. Um Jugendliche für die Feuerwehr zu begeistern, müsse die sich dem neuen Trend anpassen.

Beruf als Grundlage

Deshalb – und auch aus eigenem Interesse – fing der 43-Jährige 2018 mit dem Programmieren einer App an. Zufällig traf er bei einem Maschinistenlehrgang auf Stefan Bauer, der Dinstühlers Idee bereits in einem Internetforum entdeckt hatte. Die beiden Männer kamen schnell ins Gespräch und wurden Entwickler-Partner. Dabei kommen ihnen auch ihre Berufe im Softwarebereich zugute. „Die Grundidee ist, dass jeder, der mitmachen möchte, sich beteiligen kann“, sagen sie. Deshalb besteht ihr Entwicklerteam mittlerweile aus sechs Personen aus unterschiedlichen Wehren, einer sitze gar in Australien. „Der Bruder eines hiesigen Feuerwehrkameraden, der etwas für einen guten Zweck tun wollte“, erklärt Bauer.

Durch die Kreisbrandinspektion bekamen sie schließlich die Möglichkeit, ihr Projekt den Landkreiswehren vorzustellen. Schnell seien Kirchensittenbach und Altdorf als Nutzer dabei gewesen, nach einem halben Jahr kamen Neunkirchen und Speikern hinzu. Und auch das THW Lauf alarmiere seine Leute mittlerweile mit dem „Alarmiator“. „Demnächst kommen noch Wehren aus den Landkreisen Erlangen-Höchstadt und Schwandorf dazu“, ergänzt Dinstühler stolz. Insgesamt 30 Wehren nutzen das System bereits.

Und das, ohne groß Werbung zu machen. „Nach einem ersten Facebook-Post hatten wir an einem Tag 40 Mails im Postfach. Deshalb standen wir bisher eher auf der Bremse“, sagt er. Denn weil an App und System eine große Verantwortung hängt, haben die beiden auch einen hohen Anspruch an die Funktionalität. Für Fragen und Ideen gibt es zudem ein Forum, in dem sich die Mitglieder austauschen. Der „Community“-Gedanke und die Kameradschaft sei den beiden besonders wichtig. Deshalb ist ihr Angebot kostenlos und soll es auch weiter bleiben. Die Kosten, die zum Beispiel bei den Betreibern der Appstores für die Bereitstellung der App anfallen – Google verlange einmalig 25 Euro, Apple sogar 99 Euro jährlich – zahle das Team aus eigener Tasche. Insgesamt seien das rund 300 Euro im Jahr. „Wir haben aber von ein paar Feuerwehren eine Spende erhalten“, freuen sie sich.

Nur ein paar Klicks

Dass sich so schnell immer mehr Wehren für das System aus „heimischer Herstellung“ begeistern – das erste Mal rief der „Alarmiator“ im Juli 2020 zum Einsatz – liegt wohl auch an der einfachen Bedienung. „Wir brauchten keine Einführung anbieten, die Kameraden haben es sich bisher alle selbst erklärt“, erzählt Dinstühler. Zudem kann jede Wehr mit ein paar Klicks individuell selbst Einstellungen vornehmen, zum Beispiel, welche Einsatzkräfte bei welchem Einsatztyp und an welchem Wochentag ausrücken sollen. Daneben lassen sich Personaldaten verwalten, Dienstgrade und Ausbildungen zuordnen oder Nachweise pflegen. „Die Atemschutzuntersuchung muss zum Beispiel alle drei Jahre durchgeführt werden. Einmal eingegeben, schickt das System zum nächsten Termin eine Erinnerungsmail an den Atemschutzleiter“, erklärt Bauer. So ließen sich auch mehrere Wehren gleichzeitig verwalten.

Die Alarmierung an sich hängt an der Feuerwehrleitstelle. Sobald die eine Wehr zum Einsatz ruft, werden die Daten an den „Alarmiator“ übermittelt. Über eine Maske in der App werden die für die jeweiligen Einsatzkräfte freigegebenen Daten wie Grund, Ort oder auch Einsatzmittel angezeigt. Der Nutzer kann dann über einen Klick auf „Komme“ oder „Komme nicht“ seinen Kameraden anzeigen, ob er beim Einsatz zur Verfügung steht.

Bis dahin ist sie dem neuen digitalen Funkmelder, den die Kommunen vor rund einem Jahr über den Freistaat beschafft haben, ähnlich. Der Unterschied: Der „Piepser“ wertet nicht aus, wer zum Einsatz kommt und wer nicht. „Die App ist nur ein Zusatzalarm“, macht Dinstühler deshalb klar. Das einzig gültige und bindende System für die Leitstelle seien die Funkmelder.

App als „Übersetzer“

Auch in der App steht zunächst nur das, was die Leitstelle weitergibt. Allerdings „übersetzt“ das System teilweise veraltete Angaben, wie beispielsweise Koordinaten des Einsatzortes. „In den Feuerwehrhäusern läuft dazu ein Fax mit Gauß-Krüger-Koordinaten ein, die kein Mensch mehr lesen kann“, sagt der Reichenschwander. Die App rechnet diese in gängige Koordinaten um und zeigt den Ort auf einer Google-Karte an.

Der Mehrwert ist, dass alles in einem System zusammenläuft“, wissen die beiden Entwickler. Und auch Leute ohne Smartphone oder Internetverbindung würden nicht abgeschnitten, denn der „Alarmiator“ könne auch SMS verschicken oder Sprachanrufe tätigen.

Fertig ist er noch lange nicht. Das System wachse permanent, jeder könne Ideen einbringen. Und davon haben auch Bauer und Dinstühler noch genug. Beispielsweise soll es noch enger an die Leitstelle angebunden werden, es soll weitere Möglichkeiten für das Berichtswesen geben und auch in der App selbst soll mehr möglich sein. Übrigens ist der „Alarmiator“ nicht allein für Feuerwehren entwickelt. „Theoretisch könnte auch der Tierschutz, Winterdienst oder Rettungsdienste das System nutzen“, betont Dinstühler.

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