Kreistag

Der Landkreis tritt in die Pedale

Im „Ruhrpott“ oder den Niederlanden längst Realität: Schilder mit Zielen und Knotenpunkten. | Foto: Institut für innovative Städte2020/01/Abschlusspraesentation-Seite10.jpg

NÜRNBERGER LAND – Der Kreistag hat das Radverkehrskonzept einstimmig verabschiedet – und sich damit klar dazu bekannt, einen spürbaren Beitrag zur Verkehrswende zu leisten.

Rückblick: Ende November hatte Thiemo Graf, Grünen-Kreisrat und Gründer des mit der Studie beauftragten Röthenbacher „Instituts für innovative Städte“ (i.n.s.), im Kreisentwicklungsausschuss das umfangreiche Konzept vorgestellt und damit den Nerv seiner Ausschusskollegen getroffen. Ziel: ein dreigliedriges Netz an Radwegen mit Schnellverbindungen, Hauptrouten und kleineren Basisrouten, die auch für die in den vergangenen Jahren deutlich schneller (E-Bikes etc.), breiter und größer (Lasträder) gewordenen Drahtesel geeignet sind. Als „Vorbild“ dient hier beispielsweise das 2019 mit dem Deutschen Fahrradpreis ausgezeichnete Radwegenetz im Ruhrgebiet.

Stattliche Kosten

Knackpunkt dabei: Weil das bisher bestehende Radwegenetz im Nürnberger Land teils erhebliche Lücken aufweist – vor allem entlang der Staatsstraßen, beispielsweise im Oberen Pegnitztal oder Albachtal – wird das Unterfangen ziemlich kostspielig. Graf rechnet mit Kosten von rund 10 Millionen Euro für den Landkreis (Graf: „Attraktive Förderungen sind dabei möglich“) und satten 67 Millionen für das Staatliche Bauamt, um die fehlenden rund 200 Kilometer zu bauen. Und die 27 Landkreiskommunen wären ebenfalls mit jeweils rund einer Million dabei.

Trotz dieser massiven Summen stieß das Konzept auch im großen Plenum der 70 Kreisräte auf viel Gegenliebe: „Ein tolles, nachhaltiges Konzept“, sagte Norbert Thiel (CSU), das kontinuierlich weiterentwickelt und fortgeschrieben werden sollte – verbunden mit der Bitte, alle beteiligten Kommunen zu „motivieren und mitzunehmen“, weil das Konzept dort mit Leben gefüllt und umgesetzt werde.

Sein Fraktionskollege Bernd Eckstein aus Altdorf sprach von einer „guten Grundlage zum Weiterverfolgen.“ In punkto Stellplätze sei auch das Thema Sicherheit nicht zu vernachlässigen.

Robert Ilg, Hersbrucks Bürgermeister und Fraktionssprecher der Freien Wähler, bezeichnete das Konzept als „starkes Signal dafür, dass wir auf das veränderte Mobilitätsverhalten reagieren“. Auch er betonte, dass hier Gemeinden gut zusammenarbeiten müssten, schließlich ende „der Radweg nicht am Ortsschild“.

Grünen-Fraktionschefin Gabriele Drechsler lobte das Konzept als schlüssig: „Wenn wir die Verkehrswende wollen, müssen wir dranbleiben.“ Die darin angedachten Radschnellwege entlang der B 14 und der B 8 seien unverzichtbar, weil sie es attraktiver machen. Ebenso nötig sei „ein Kümmerer am Landratsamt, der die Sache koordiniert und bei den Kommunen anschiebt.“

Gefährliches Kreuzen

Auf die Radschnellwege könne er verzichten, sagte Hans-Joachim Dobbert (Bunte Liste), nicht aber darauf, den „Radverkehr gut zu vernetzen“. Als ein von ihm selbst lange Jahre erduldetes Negativbeispiel nannte er die Streckenführung in Reichenschwand, wo der Radweg zweimal die B 14 kreuzt: „Das ist lebensgefährlich.“

Norbert Dünkel (CSU) verwies auf mehrere Leserbriefe in den drei Landkreiszeitungen, in denen sich Bürger über Sinn und Unsinn der schnellen Achsen austauschten. Es sei wichtig, sich mit diesen Argumenten auseinanderzusetzen – und eventuell noch intensiver zu „verkaufen“, dass der Ausbau des Radwegenetzes auch den von Graf angesprochenen Entwicklungen bei den Drahteseln Rechnung tragen muss.

Thomas Beyer, SPD-Kreisrat und langjähriger verkehrspolitischer Sprecher der Genossen im Landtag, brach eine Lanze für mehr und bessere Unterstellmöglichkeiten: „Die sind sehr wichtig, schließlich stellt ja auch kein Mensch sein Auto einfach in einen Acker, um mit dem Zug zu fahren.“ Vernehmliche Kritik übte er daran, weit über 70 Millionen Euro zu investieren, um beim so genannten Modalsplit den Anteil des Radverkehrs von derzeit 6 auf gerade einmal 6,6 Prozent anzuheben.

Freistaat in der Pflicht

Noch deutlicher wurde der Henfenfelder bei seiner Ursachenforschung: „Schuld“ am derzeit so lückenhaften Radwegenetz im Landkreis sei der Freistaat. Und handelte sich dafür von Norbert Dünkel prompt einen kleinen „Rüffel“ ein: Der Freistaat habe in den vergangenen Jahren – nach dem Ausscheiden Beyers aus dem Landtag – eine „völlig neue Förderkulisse mit mehr als einer halben Milliarde Euro aufgelegt“, sagte er – ein Plus von mehr als zwei Drittel.

Mit dem einstimmigen Beschluss erkennt der Landkreis das Radverkehrskonzept als (jederzeit fortschreibbare) Grundlage für das weitere Vorgehen an. Die Verwaltung soll eine auf die Radwege bezogene Prioritätenliste mit zehn Punkten vorschlagen und die im Konzept angeführten Maßnahmen anhand der vier Säulen Infrastruktur, Information, Kommunikation und Service nach und nach umsetzen – in Absprache mit dem Kreistag, der die genannten Ziele bei den dafür nötigen Haushaltsberatungen „in besonderem Maße berücksichtigen“ soll.

N-Land Klaus Porta
Klaus Porta