EU-Parlament statt Bundestag

Marlene Mortler auf dem Weg nach Straßburg

Die frisch gebackene EU–Abgeordnete aus Dehnberg wird sich in Straßburg wieder ihren Lieblingsthemen annehmen: Landwirtschaft und Entwicklungsarbeit. | Foto: Isabel Krieger2019/07/mortler.jpeg

DEHNBERG/STRASSBURG – 15 Abgeordnete haben sich aus Bayern auf den Weg nach Straßburg gemacht, wo am Dienstag die konstituierende Sitzung des Europäischen Parlaments stattfand. Unter ihnen: Marlene Mortler. Nach 17 Jahren im Bundestag wechselt die CSU-Politikerin aus Dehnberg in die Europapolitik. Damit erfüllt sich für die 63-Jährige am Ende ihrer politischen Laufbahn ein persönlicher Wunsch: Sie kümmert sich um die Agrarpolitik. Ein Sitz im Ausschuss für Landwirtschaft im EU-Parlament ist ihr sicher.

Erst am Freitag war Mortler aus Berlin zurückgekommen, zu später Stunde auf den Hof der Familie in Dehnberg. Der Bezirksparteitag der CSU in Rednitzhembach und das Altstadtfest in Lauf standen auf dem Programm. Und natürlich Kofferpacken. Die letzte Sitzungswoche in ihrem „alten Job“ als Bundestagsabgeordnete der CSU und Drogenbeauftragte der Bundesregierung hat sie bis zur letzten Stunde durchgezogen, inklusive Ple-
nardienst. Ihr Verständnis vom Job. „Das war für mich keine Frage.“ Dazwischen: Abschiedsgespräche, in der Fraktion, mit Mitarbeitern, Kollegen. Und letzte Aufräumarbeiten im Büro im Jakob-Kaiser-Haus, wo sie zuletzt wieder untergebracht war.

Abschied vom langjährigen Fahrer

17 Jahre war Marlene Mortler Abgeordnete in Berlin, eine lange Zeit: „Da sind natürlich Freundschaften entstanden.“ Obwohl sie das Szeneleben der Hauptstadt nie wirklich ansprach, hatte sie in Berlin ihre Orte und Kontakte. Das Hotel, in dem sie die letzten Jahre wohnte, zum Beispiel. Auch von ihrem Fahrer hat sie sich verabschieden müssen. Der brachte sie nicht selten bis nach Dehnberg. „Ein guter Mann.“

Das Büro im Gesundheitsministerium, wo sie als Drogenbeauftragte residierte, ist derweil verwaist. Über ihre Nachfolge in dem Amt wird noch diskutiert. Mortler, die in dieser Funktion viel Kritik einstecken musste, möchte dazu nicht viel sagen. Nur so viel: „Es drängen sich wohl nicht gerade die Bewerber.“

In Brüssel hat sie nun erreicht, was ihr in Deutschland verwehrt blieb: Als Vollmitglied des Agrarausschusses ist sie für die Landwirtschaft zuständig, ihr politisches Traumziel und, das bezweifeln nur wenige, ein Bereich, in dem sich die gelernte Hauswirtschafterin, Ortsbäuerin und langjährige Vorsitzende der Landfrauen auch gut auskennt. Dass es am Ende ziemlich knapp war, nicht nur wegen des Wahlergebnisses, sondern vielmehr wegen interner Konkurrenz in der Partei, vorbei und vergessen. „Ich freue mich auf die Arbeit.“

Zudem ist sie im EU-Parlament nun Stellvertreterin im Entwicklungsausschuss. „Ich finde, das passt gut zusammen.“ Erste Gespräche zur politischen Agenda der CSU gab es schon. Einziehen kann sie erst im Herbst. Die Büros werden derzeit renoviert, die Parlamentarier müssen zusammenrücken. Noch nie gab es so viele Abgeordnete wie in der Periode 2019 bis 2024. 751 aus 28 Mitgliedsstaaten, darunter viele neue Vertreter kleiner Parteien.

Im Sammeltaxi mit Bulgaren

Bei der Registrierung vor drei Wochen, als sie ihre „Scheckkarte“ für den Zutritt zu den Parlamentsgebäuden in Brüssel und Straßburg erhielt, saß die 63-Jährige im Sammeltaxi zusammen mit neuen Abgeordneten aus Bulgarien. Erstes vorsichtiges Herantasten. Wo kommt ihr her? Von welcher Partei seid ihr? „Die waren aber nicht so meine politische Ecke.“ Nicht nur aus Bayern, auch aus Deutschland sind mehr als die Hälfte der Abgeordneten neu im Europäischen Parlament.

Mit den CDU-Politikern Peter Jahr aus Sachsen und Hildegard Bentele aus Berlin, die mit ihr nach Brüssel wechseln, hat sie bereits über die Arbeit im Bundestag einen guten Draht. „Der Rest wird sich ergeben“. Im Büro in Dehnberg ist seit Freitagnacht der Account der Bundestags­abgeordneten abgeschaltet. Sie wird es für die Arbeit in Brüssel beibehalten, mit neuer Mailadresse.

Auch das Büro in Roth bleibt erhalten, samt Mitarbeitern. Das war ihr wichtig. „Ich bleibe ansprechbar.“ Bei dringenden Anfragen sei mit den CSU-Abgeordneten aus der Region vereinbart, dass sie sich kümmern. Einen Schnitt allerdings hat sie am Wochenende auf dem CSU-Bezirksparteitag gemacht. Sie kandidierte nicht mehr als Stellvertreterin in Mittelfranken. „Das macht jetzt Cornelia Trinkl und sie wird es gut machen.“

In Brüssel hat die 63-Jährige bereits eine kleine Wohnung in Aussicht. Die Hotels hatten ihr nicht gefallen, „viel teurer und nicht so schön wie in Berlin“. Drei Tage pro Woche wird sie voraussichtlich in der belgischen Landeshauptstadt sein, der genaue Sitzungskalender steht noch nicht fest. „Es gibt mehr Sitzungswochen als in Berlin, aber sie sind kürzer.“ Einmal im Monat wechselt das Parlament nach Straßburg.

Die Logistik des Reisens muss sich die Dehnbergerin erst erarbeiten. Direktflüge nach Brüssel oder Straßburg gibt es nicht. Es bleibt die Bahn. Über Karlsruhe und Mannheim laufen die Strecken. „Ich werde in Zukunft wohl viel Arbeit im Zug organisieren“, sagt sie.

Kleine Bauernhöfe stärken

Ihr persönliches Ziel für Brüssel indes steht fest: „Europa und Deutschland sind gut beraten, auch in Zukunft so viele Lebensmittel wie möglich selbst zu erzeugen, um nicht abhängig zu werden.“ Dazu will sie die kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland stärken, auch finanziell.

Das wird nicht leicht, denn die politischen Interessen der Länder gehen weit auseinander. Wirtschaft, Lobbyverbände und Großinvestoren sprechen auf europäischer Ebene gewaltig mit. Sie habe keine Angst davor, sich auseinanderzusetzen, sagt Mortler: „Ich denke, ich werde auch gehört werden.“

N-Land Isabel Krieger
Isabel Krieger