BR zeichnete Egersdörfer im DHT auf

Eine Kindheit in Lauf

Der Künstler reist auf der Theaterbühne in seine Kindheit. Foto: Grzesiek2015/03/97028_egersdoerferdht-grzesiek_New_1425403564.jpg

DEHNBERG — Matthias Egersdörfers aktuelles Solo-Programm „Vom Ding her“ wurde im Dehnberger Hof Theater fürs Bayerische Fernsehen aufgezeichnet. Das Stück über den Künstler als eingebildeter Kranker und eigenwilliger Sauna-Gast ist eigentlich eine Reise in die Kindheit –ungewohnt nachdenklich und melancholisch.

Das Dehnberger, in dem der Münchner Sender inzwischen gern Kabarett-Programme aufzeichnet, bedeutet für Egersdörfer eine Wiederbegegnung mit der eigenen Jugend, als er hier Gast cooler Jazz- und heißer Blues-Konzerte war. Die Laufer Kindheit ist aber auch wesentlicher Teil seines aktuellen Solos. Eigentlich handelt es davon, wie sich Egers vermeintlich am morgendlichen Kaffee vergiftet und in der Notaufnahme landet. Die Abenteuerreise endet für den Helden mit Strafsitzen auf dem Wohnzimmerschrank und Verbannung in die Sauna. Aber letztlich sind die aktuellen Abenteuer nur der geniale Rahmen für Laufer Erinnerungen – an sadistische Lehrer wie an quengelnde Schwestern.

Dabei erklärt uns der Kabarettist auch brachial-psychologisch, warum er nicht anders kann als ab und zu plärren: Er wuchs in einem Haushalt mit einer lautstarken Mutter, einem meist abwesenden Vater und zwei hysterischen Schwestern auf. Gegen diese weibliche Übermacht vermochte sich der kleine Matthias nur mittels Brüllen zu wehren – bis ihn die Schwestern zur Strafe auf den Schrank verbannten.

Und wir erfahren auch, wie die ganzen Egerschen Fantasiewelten überhaupt entstehen: In brauner Strumpfhose und gelbem Hemdchen robbte Matthias einst mit seinen Freunden über den Boden. Mit simplen Spielfiguren schufen sie ihr eigenes Universum aus Schlachten, Urwaldreisen und Tiergeschichten. Heute entstehen die Abenteuer im Kopf des Künstlers: aus dem Piepen der Autoelektronik etwa wird eine innere Stimme, die den Helden des Kabarettprogramms zum Kauf eines Schlachtermessers bei Küchen-Lösch sowie zur Ermordung des Bundespräsidenten zwingen will, weil der ein bisschen zu oft „Freiheit“ sagt.

Oder Egers fantasiert sich in der Fürther Sauna vom kalten Tauchbecken hin zum tiefen warmen Pool, in dem ihn die holden Nixen umgarnen, um plötzlich mit einem Schwanzschlag zu verschwinden. Genauso wie es dem jugendlichen Matthias erging, wenn die umschwärmtesten Mädchen immer verschwanden, sobald er sich ihnen zu nähern versuchte.

Wir erleben auch auf sehr komische Weise die Auseinandersetzung des Pubertierenden mit der Religion und seine zeitweilige Karriere als Naturschützer. Und wie lernt man den Alkohol kennen? „Ich hab so lang Bier ‘trunken, bis mir‘s g’schmeckt hat.“ All diese Rückgriffe fügen sich geschickt in die aktuelle Rahmenhandlung, die ihrerseits von Wahn- und Wunschwelten überbordet.

Das typische Brüllen und die Fäkal-Ausfälle treten bei dieser Story in den Hintergrund. Aber als ob der Egers sich selbst nicht ganz trauen würde, knüpft er sich zwischendurch dann doch die erste Reihe im Saal zum Abwatschen vor. Um am Schluss ganz mild am Klavier das Publikum um Anregungen und Kritik zu bitten. Walter Grzesiek

Nochmals am 5. Juni in der Bürgerhalle in Schwarzenbruck, am 1. Oktober im Bayerischen Fernsehen.

N-Land Pegnitz-Zeitung
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