Olympische Spiele 1972

Der „Zeitenmacher“ von München

Martin Lauer bei den Olympischen Spielen 1972 mit dem US-Amerikaner Rod Milburn, der Lauers damals 13 Jahre alten Weltrekord über 110 Meter Hürden einstellte.2012/09/49934_lauerolympiamuenchenmilbourne_New_1347091270.jpg

LAUF — Vor genau 40 Jahren gingen die Olympischen Spiele von München zu Ende. Einer, der die bisher letzten Spiele auf deutschem Boden hautnah miterlebt hat, ist der Laufer Martin Lauer. Der einstige Weltrekordhalter über 110 Meter Hürden und erfolgreiche Zehnkämpfer war in München zwar nicht mehr als Sportler dabei, leitete aber für Junghans die Zeitmessung mit einer damals neuen Technik, die bis heute als richtungweisend gilt: Optische und elektronische Geräte lösten die gute alte Handstoppuhr ab. Im Gespräch mit der PZ erinnert sich der heute 75-Jährige.

Eigentlich war der Zug für Junghans abgefahren, die Zeitmessung für Olympia 1972 bereits an die Schweizer Uhrenindustrie vergeben. Ihr Verantwortlicher: ein gewisser Sepp Blatter, heute Fifa-Präsident. Doch der Schwarzwälder Uhrenhersteller, damals bereits zum Diehl-Konzern gehörend, ließ nicht locker, bis der inzwischen verstorbene Karl Diehl verfügte: Dazu braucht ihr den Lauer!

Heute, auf seiner idyllischen Terrasse in Lauf, erinnert sich Martin Lauer schmunzelnd an diese Begebenheit. Und sein Lächeln wird noch etwas breiter, als er erzählt, dass er es dank seiner guten Kontakte zu den olympischen Machern tatsächlich schaffte, seinem Konkurrenten Blatter die gute Hälfte des Auftrags wieder abzujagen. Junghans-Zeitmessung wurde vor allem für die attraktive Leichtathletik zuständig, aber auch fürs Rudern, Reiten und weitere Sportarten.

Vorausgegangen waren da bereits jahrelange Tests mit der neuen Technik. So galt es unter anderem herauszufinden, wie schnell der Mensch überhaupt auf einen Startschuss reagieren kann. Ergebnis: Er braucht mindestens eine Zehntelsekunde. „Es wurden etwa 20 000 Messungen gemacht, erinnert sich Martin Lauer, „auch die FC-Bayern-Stars Beckenbauer, Müller oder Meier wollten wissen, ob sie nun eine lange oder eine kurze Leitung haben. So manchen haben wir mit diversen Wohltaten geködert, bei den Messungen mitzumachen.“ Für heutige Verhältnisse undenkbar, glichen diese pressewirksamen Termine oft einem Lauer’schen Familienunternehmen. „Meine Schwiegermutter hat im teuren Pelz die Messwerte protokolliert!“ Bis heute gilt für die Leichtathletik: Reaktionszeiten unter einer Zehntelsekunde sind Fehlstarts!

Regeländerung nötig

Doch die technische Umsetzung war nur die eine Seite. Lauers eigentliche Aufgabe war, Überzeugungsarbeit an allen Fronten zu leisten. „Zuallererst musste die Marke Junghans bestmöglich promotet werden. Zweitens galt es, die neue Technik im internationalen Regelwerk unterzubringen. Den notwendigen Änderungen mussten die Weltfachverbände samt ihren Mitgliedern zustimmen, jawohl, auch Tonga!“ Lauer erinnert sich, im Auto – voll gepackt mit Mannschaft und Gerät – bis ins mittelenglische York gefahren zu sein, um dort die Präsidentin des Weltverbandes der Bogenschützen für die neue Technik zu begeistern. „Die Dame kam daher wie Frau Robin Hood!“ „Altgediente Leichtathletik-Kampfrichter hätten uns fast gelyncht, sie verloren liebgewonnene Privilegien. Im Innenraum wurden sie nicht mehr gebraucht, verstellten dem Publikum nicht mehr die Sicht.“ Ein schlichter Kasten für die Startkontrolle neben der Tartanbahn war alles, was an Messgeräten im Innenraum noch herumstand.

Lauers großer Vorteil: Dem ehemaligen Weltklasseathleten öffneten sich viele Türen. Bei den Olympischen Spielen 1956 in Melbourne war er mit erst 19 Jahren Vierter im Hürdensprint und Fünfter im Zehnkampf. Vier Jahre später in Rom wurde er nochmals Vierter über die Hürden und holte Gold mit der 4x 100-m-Staffel. 1959 lief er innerhalb einer Dreiviertelstunde drei Weltrekorde über die Hürdensprint-Strecken, der erste überdauerte 16 Jahre, der letzte gilt noch heute.

Während der Bauphase der Olympischen Wettkampfstätten in München war der diplomierte Ingenieur ständig vor Ort. „Wir mussten uns um die baulichen Vorkehrungen für unsere Mess- und Kommunikationsbelange kümmern.“ Als die Spiele endlich starteten, war Lauer angespannt wie nie. Würden alle Signale ganz oben in der Zeitmess-Kanzel ankommen? Bloß keine Blamage vor versammelter Sportwelt und dem großen Konkurrenten Longines! „Wir haben teilweise mit siebenfacher Sicherheit gearbeitet“, verrät der gebürtige Kölner.

„Von morgens bis in die Nacht“ sei er vor Ort gewesen, sagt Lauer. Vorher aber hatte er fast zwei Jahre lang fürs nötige Geld gesorgt, Ausrüstungspartner geworben, die vom Fuhrpark bis zum Spezialfilm alles bereitstellten, was eine Uhrenfabrik normalerweise nicht vorhält. Und dann musste er messen, wie der US-Amerikaner Rod Milburn Lauers damals schon 13 Jahre alten Weltrekord erstmals einstellte. Wieder zog die ganze Familie an einem Strang. „Meine Frau hat sich um den Fuhrpark gekümmert, meine Mutter hat die Kinder betreut und für Sepp Blatter Reibekuchen gebacken.“ Denn der Rivale war inzwischen zwar nicht zu einem dicken Freund, aber doch zum respektierten Kollegen geworden, „… den man besser nicht aus den Augen ließ“, so Lauer.

„Fortsetzung der Spiele richtig“

Lauer erlebte allerdings auch den schwärzesten Tag in der Olympischen Geschichte, das Geiseldrama im Olympischen Dorf und sein tragisches Ende in Fürstenfeldbruck. Es starben alle elf israelischen Geiseln, fünf palästinensische Fanatiker und ein Polizist. „Eines der schrecklichsten Ereignisse, denen ich nahe war. Hier wurde das wirksamste Bemühen um die Völkerverständigung zynisch missbraucht“, meint Lauer zögernd. Mehr will er zu diesem Thema eigentlich nicht sagen. Er meint, je länger und lauter diskutiert und getrauert werde, desto länger nähre man den Triumph dieser Verbrecher. Auch deshalb sei die Fortsetzung der Spiele damals „das einzig Richtige“ gewesen.

Messungen in Tausendsteln, millimetergenaue Auswertungen von Zielfotos – empfindet Lauer die Möglichkeiten der modernen Technik, die er mit eingeführt hat, heute manchmal als Fluch? Bei dieser Frage gerät der 75-Jährige ein wenig in Rage: „Ich halte nichts von dieser Gefühlsduselei nach dem Motto: Gebt doch jedem den Sieg, die waren ja fast gleichauf! Wie groß ist ,fast‘? Ein Zentimeter, zwei oder fünf? Wo soll die Grenze sein? Eine Tausendstelsekunde macht zum Beispiel im Sprint einen Abstand von mehr als einen Zentimeter aus. Sportler mögen es möglichst gerecht.“

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