Eskalation am Bosporus

Was passiert in der Heimat?

Beim türkischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan scheiden sich die Geister: Ismail und Elmas Sahin (von links) und Filiz Tubek im Imbiss Sahin. Foto: U. Meckler2013/06/5_2_1_2_20130618_TUERKEI.jpg

HERSBRUCK – In der Türkei ist kein Ende der Straßenschlachten in Sicht: In mehreren Städten ist die Polizei Sonntagnacht erneut gegen Demonstranten vorgegangen. Mehrere türkische Gewerkschaften haben am Montag zu einem Generalstreik aufgerufen. Unter dem Motto „Her yer Taksim! Her yer direnis“ („Überall ist Taksim! Überall ist Widerstand!“) demonstrieren deutschlandweit Türken und Deutsche gegen die Polizeigewalt. Wie sehen Türken und türkischstämmige Einwohner in Hersbruck die politische Lage in ihrem Heimatland? Die HZ hat sich in den Straßen umgehört.

Bei keinem scheiden sich derzeit so sehr die Geister wie beim türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Während die einen ihn als Heilsbringer und Garant für wirtschaftlichen Erfolg sehen, verdammen andere ihn als Autokraten. Das ist auch in der regen Diskussion im Imbiss am Lohweg von Elmas Sahin herauszuhören. „Das ist ein ganz großes Theater, was da gerade stattfindet“, sagte Ehemann Ismail Sahin. Erdogan habe in der Vergangenheit viel richtig gemacht. Den Gezi-Park im Zentrum von Istanbul wollte er in ein Einkaufszentrum umwandeln. Ein Projekt, von dem viele Einwohner profitieren könnten, findet auch Elmas Sahin. Er sei für den wirtschaftlichen Fortschritt im Land verantwortlich: „123 Milliarden Euro Schulden hat er abgebaut, mittlerweile vergeben wir sogar Kredite an die Weltbank“, so Ismail Sahin.

Eine Meinung, der Filiz Tubek in Teilen zustimmt. Dennoch will sie den ambivalenten Politiker nicht in einem zu rosarotem Licht sehen: Vor zwei Wochen war sie in Izmir, im Westen am Mittelmeer. „Ich habe dort gesehen, wie sich ein Polizist bei einer Demonstration umgedreht, einfach wahllos in die Menge geschossen und einen Jungen getroffen hat“, erzählte sie. Immer mehr Rechte der Türken, die Mustafa Kemal Atatürk – Begründer der modernen türkischen Republik – einführte, würden unter der Regierung Erdogans eingeschränkt: etwa das Kopftuchverbot in staatlichen Gebäuden, oder nationale Feiertage. Auch das Alkoholverbot in der Nähe von Schulen und Moscheen will Erdogan verschärfen.

Eine sehr differenzierte Haltung nimmt Burak Barut, 19-jähriger Politikstudent aus Hersbruck, zu dem aktuellen Konflikt in der Stadt am Bosporus, ein: „Die Ausschreitungen haben eine Paralele zu den Aufständen in vielen arabischen Ländern“, sagte er. Es gehöre zu den Grundrechten der Bevölkerung einer Republik, zu demonstrieren und offen die Meinung zu äußern. Gewaltanwendung – egal auf welcher Seite – verurteilt er jedoch. Das Recht auf freie Meinungsäußerung ende für ihn außerdem genau dann, wenn Rechte anderer beschnitten würden – er bezieht sich dabei auf Geschäftsinhaber rund um den Taksim-Platz in Istanbul. Durch die Ausschreitungen sind dort Schäden in Millionenhöhe entstanden.

Ein Plädoyer für eine friedliche Lösung des Konflikts hielt Zuhal Sapkaya, Vorsitzende des Türkisch-Deutschen Elternvereins im Nürnberger Land: „Beide Parteien, Demonstranten und Regierung, müssen in einen Dialog miteinander treten.“ Es sei unbedingt erforderlich, den Einsatz von Waffen wie Wasserwerfer und Tränengas zu stoppen.

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