Nach Felssturz: Gebirgsexperten heben Mulde aus

Ein Restrisiko bleibt bestehen

Mit einem Spezialbagger hängelten sich die Hochgebirgsexperten den Felshang entlang und entfernten Geröll, Gerüstteile sowie lose Gesteinsbrocken.2013/06/5_2_1_2_20130611_RISIKO.jpg

HERSBRUCK/NEUHAUS – In heikler Mission: Seit gestern arbeiten Fachmänner mit einem Spezialbagger am Felshang der Neuhauser Burg Veldenstein. Das Ziel: eine Mulde herzustellen, in die gezielt lose Felsbrocken fallen können.

„Wir treffen derzeit die bestmöglichen Vorkehrungen, um kleinere Felsbrocken und Teile der Burgmauer kontrolliert abzulösen“, sagte der Neuhauser Bürgermeister Josef Springer. Ein Restrisiko sei bei den Aufräumarbeiten nach dem Felssturz vor zwei Wochen aber natürlich nicht auszuschließen.

Wie eine überdimensionerte Spinne hängelte sich der Bagger gestern den Abhang hinauf und entfernte zunächst Geröll, Gerüstteile und lose Gesteinsbrocken. Nach der Säuberung des Geländes fingen die Hochgebirgsspezialisten der Kufsteiner Firma HTB an, eine gut 100 Quadratmeter große und ein Meter tiefe Mulde auszuheben. In diese Zone sollen alle Felsbrocken fallen, die abgetragen werden, sowie Teile der Burgmauer, die nicht von oben von der Burg Veldenstein aus entfernt werden können. „Der Aufprall in der Mulde nimmt ihnen die Energie“, so Bürgermeister Springer. Letztlich aufgefangen werden die herabrollenden Brocken dann von dem Prallschutz, den das THW bereits vergangene Woche mit sogenannten „Big Bags“ – tonnenschweren Sandsäcken – aufgebaut hat.

Mit dem Abriss der teilweise in der Luft hängenden Burgmauer begannen die HTB-Spezialisten bereits gestern, für heute Nachmittag ist die Beseitigung der kritischen Felsbrocken im Felshang geplant – vor allen Dingen auf zwei haben es die Experten abgesehen: Einer ist 60 bis 80 Tonnen schwer, der andere wiegt gut die Hälfte.

Ist von Seiten der Experten sichergestellt, dass keinerlei Felsbrocken mehr herabstürzen, soll gegen Ende der Woche laut Bürgermeister Springer mit den „Absicherungsmaßnahmen“ begonnen werden. Dazu gehört, acht bis zehn Meter lange Stahlstangen in zerklüftete Felsen zu bohren und diese zur Stabilisierung des Felsens von innen mit Beton auszuspritzen. Weitere kritische Felsspalten werden ebenfalls mit Spritzbeton aufgefüllt, um das Eindringen von Feuchtigkeit zu verhindern. Außerdem ist geplant, bis zu 300 Quadratmeter große Netze über besonders verwitterte Felsen aufzuspannen und einen neuen Schutzzaun auf der Hälfte des Hanges aufzubauen – der bestehende Zaun wurde nach dem Felssturz fast komplett zerstört. Wie lange die Arbeiten andauern, ist nach Einschätzung Springers noch nicht zu sagen.

Die Anwohner der evakuierten Häuser dürfen sich indes freuen. Wenn der Felshang Ende der Woche komplett geräumt ist, steht einer Rückkehr nichts im Wege, so der Gemeinde-Chef. Ein Statiker prüft seit heute ihre Häuser und stellt nach den Erschütterungen durch die Felsen die Schäden in den Häusern fest. Ohne ein konkretes Gutachten schätzt Springer diesen bei einem Objekt auf bis zu 30 000 Euro, bei den Weiteren liegen sie wohl darunter. Bei der Renovierung der insgesamt fünf Häuser hat der Freistaat Bayern bereits Unterstützung zugesagt.

Zittern müssen hingegen alle Fans des Veldensteiner Festivals. „Ob das Festival stattfindet, ist im Moment offen“, sagt Bürgermeister Springer. Letztendlich entscheidet die Immobilienverwaltung Bayern – der Eigentümer der Burg Veldenstein -, ob sie das Gelände zur Verfügung stellt. Dazu müssten jedoch die nächsten baulichen Schritte – der genaue Umfang der Fallzone am Felshang sowie der Bauplan der neuen Burgmauer – bis Ende der Woche abgewartet werden, so Springer.

Der Neuhauser Felssturz beschäftigte auch den bayerischen Landtag: Der SPD-Landtagsabgeordnete Thomas Beyer erhob im Plenum schwere Vorwürfe. Er wollte wissen, warum das staatliche Bauamt Erlangen-Nürnberg seit Feststellung von Rissen „jegliche Sanierungsmaßnahmen“ unterlassen habe und warum trotz der Vergrößerung der Risse Ende letzten Jahres „irgendwelche Sicherungs-und Schutzmaßnahmen unterblieben“. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann ließ die Kritik nicht gelten, wie aus einer Pressemitteilung des MdL-Abgeordneten Beyer hervorgeht: Bereits im Jahr 2004 wäre der Hang begutachtet worden. Eine Sofortmaßnahme wäre daraufhin – abgesehen von beobachtenden und sichernden Schritten – nicht nötig gewesen. Die vorgeschriebenen Untersuchungen des Felsens fanden dann seit 2004 vier Mal im Jahr statt, zudem folgte das Bauamt der Empfehlung eines Geologen des Landesgewerbeamtes, Teile der Burgmauer zu sanieren. Der Vorwurf, dass „jegliche Sanierungsmaßnahmen unterlassen“ worden seien, treffe daher nicht zu.

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