Daniel Rupprecht hält 300 Bruderhähne auf seinem Geflügelhof.

Aufziehen statt schreddern

Direkt nach dem Schlüpfen, im Alter von nur einem Tag, bekommt Daniel Rupprecht die Hähne aus einer thüringischen Brüterei und zieht sie dann auf seinem Hof in Moosbach auf. Derzeit hat er 300 männliche Tiere, überwiegend Sussex-Hähne. Foto: Alex Blinten2020/08/Moosbach-Rupprecht-scaled.jpg

Moosbach. Gackern, Scharren, Picken – das wuselt durcheinander im Freigelände vor den Geflügelställen in Moosbach. Hunderte junger Hähne wachsen hier auf, ungewöhnlich in einer Branche, die die männlichen Tiere normalerweise vergast und schreddert, weil es sich nicht rechnet, sie bis zur Schlachtreife aufzuziehen.
Millionen männlicher Küken werden in Deutschland nach dem Schlüpfen getötet, weil sich die Aufzucht wirtschaftlich nicht lohnt. Die Tiere sind nicht für die Mast geeignet, weil sie weniger Fleisch ansetzen. Sie lassen sich deshalb nicht vermarkten, sagen viele Geflügelzüchter. Daniel Rupprecht vom gleichnamigen Moosbacher Geflügelhof hält dagegen: Vermarkten lassen sich die sogenannten Bruderhähne schon, Kundschaft gibt es durchaus, betont Rupprecht. Allerdings ist die Aufzucht der männlichen Tiere teurer als die ihrer Schwestern.
Seit einem Jahr hält der junge Moosbacher Geflügelzüchter Bruderhähne. Angefangen hat er 2019 mit 100 Tieren, die er im Alter von nur einem Tag als Küken von einer Brüterei in Thüringen bekommt. Derzeit hat er 300 zwölf Wochen alte Hähne in seinem Betrieb. „Mehr geht nicht“, sagt er, „weil die Stallkapazitäten ausgelastet sind.“ Für mehr Hähne müsste der junge Geflügelzüchter anbauen, ein Aufwand, der bei der ohnehin teureren Bruderhähne-Aufzucht nicht lohnt.
Vier Ställe gibt es auf dem Geflügelhof für Hennen und Hähne. Die Tiere haben großen Auslauf und nutzen den bei sommerwarmem Wetter. Hennen und Hähne werden in getrennten Ställen aufgezogen, auch die Außenbereiche sind voneinander abgetrennt.
Die Aufzucht von Bruderhähnen kann nur funktionieren, wenn es für die Tiere auch einen Abnehmerkreis gibt. Für Daniel Rupprecht ist es in erster Linie asiatische Kundschaft, die das Fleisch der männlichen Tiere besonders schätzt und dafür sorgt, dass er seinen Bestand an Bruderhähnen vermarkten kann. „Wir haben Kunden, die Restaurants betreiben und Privatleute“, erzählt er. Dabei nehmen asiatische Gastronomen auch schon einmal 50 Tiere auf einmal ab. „Offenbar eignet sich das Fleisch der Bruderhähne ganz besonders für die asiatische Küche“, sagt Rupprecht.
Geschlachtet werden die Tiere auf dem Geflügelhof ab einem Alter von vier Monaten Stück für Stück. Älter als fünf Monate werden die Bruderhähne bei Rupprecht nicht, bis auf wenige Ausnahmen. „Wir behalten aus jedem Bestand drei oder vier Hähne“, erzählt Rupprecht. Die übernehmen später eine Wächterfunktion im Bestand der Lege-Hühner. Die Hähne bemerken beispielsweise viel früher als Hennen, wenn sich ein Greifvogel oder andere Raubtiere nähern.
Dass Daniel Rupprecht sich überhaupt auf die Aufzucht von Bruderhähnen eingelassen hat, obwohl sie teurer ist als die Aufzucht von Hennen, hat zwei entscheidende Gründe: Zum einen gibt es einen festen Kundenstamm, der die Tiere abnimmt, wenn sie nach vier bis fünf Monaten schlachtreif sind. Zum anderen ist das ganze eine Frage der Kalkulation: Zwei bis drei Euro mehr kostet die Aufzucht eines MännlichenTiers im Vergleich zur Hennenaufzucht.
Dieses Geld muss Rupprecht auf den Eier-Preis draufschlagen, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Als kleiner regionaler Anbieter mit treuen Kunden ist ihm das möglich. Riesige Geflügelzuchtbetriebe mit zigtausenden Legehennen, die große Supermärkte beliefern, kalkulieren unter ganz anderen Bedingungen.
Männliche Küken dürfen nach dem Schlüpfen vergast oder geschreddert werden – so lange, bis die Geschlechtsbestimmung im Ei serienreif ist. Das hat das Bundesverwaltungsgericht am 13. Juni 2019 entschieden.
In Deutschland werden jedes Jahr rund 45 Millionen männliche Küken auf diese Weise „entsorgt“.
Seit Jahren kündigt das Bundeslandwirtschaftsministerium an, das Kükenschreddern zu verhindern. Statt es zu verbieten, hat es 6,5 Millionen Euro ausgegeben, um die Entwicklung von Verfahren zu fördern, um noch im bebrüteten Ei das Geschlecht eines Kükens zu bestimmen.
Das endokrinische Verfahren wird bereits genutzt. Wissenschaftler aus Leipzig stellten es im vergangenen Jahr vor. Dabei wird nach etwa neun Tagen im Brutschrank ein winziges Loch in die Schale des Eis gebrannt und etwas Flüssigkeit entnommen. Diese lässt sich recht zuverlässig auf Geschlechtshormone testen. Laut Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) könnte diese Methode schon in diesem Jahr flächendeckend zum Einsatz kommen. Männliche Küken würden dann nicht mehr schlüpfen.
Die bebrüteten Eier können noch als Futtermittel in der Landwirtschaft verwendet werden und das Tierschutzgesetz würde eingehalten.

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