Eine von sechs Frauen im Altdorfer Fischereiverein

Die Fischerin vom Jägersee

Patricia Schläger-Zirlik ist eine von sechs Frauen im Fischereiverein Altdorf | Foto: Grünewald2017/08/Anglerin.jpg

FEUCHT/ALTDORF – Endlich. Ruhe und Frieden. Ein weißer Vogel fliegt lautlos vorbei. Ein anderer kreischt im Hintergrund kurz auf und durchbricht die Stille. Im See breiten sich hin und wieder Ringe aus, immer wenn Fische an verschiedenen Stellen an die Oberfläche kommen. Einige kleine Barsche schwimmen neugierig im seichten Uferwasser. In den frühen Morgenstunden hat es geregnet, noch immer fallen schwere Tropfen von den Bäumen. Zwei Kescher liegen in einer Metallhalterung, die sich am oberen Ende spaltet wie eine Astgabel. Das untere Ende steckt im Boden fest. Auf jeweils zwei anderen Halterungen liegen die Angeln. Die Schnüre sind gespannt und verschwinden nach wenigen Metern im Wasser.

Auf einem kleinen Stuhl sitzt hinter den Ruten in einem dunkelgrünen Regenmantel und Gummistiefeln wider Erwarten kein Mann, sondern Patricia Schläger-Zirlik. Zusammen mit ihrem 16-jährigen Sohn Leonard, in einer schwarzen Lederjacke ebenfalls dunkel gekleidet, angelt sie heute am Jägersee und hofft auf Karpfen. Um den kleinen Angelplatz herum ist Wald. Um sie herum liegen Taschen für die Angeln und die Köder. Schläger-Zirlik ist 46 Jahre alt und Projektmanagerin im Bereich Regionalentwicklung, sprich: Bürojob. Abwechslung bringt da ihr vor allem für Frauen eher ungewöhnliches Hobby. Sie ist eine von nur sechs aktiven Anglerinnen im Fischreiverein Altdorf und das bei über 600 Mitgliedern.

Arbeitsdienst auch für Frauen

Gerade holt sie einen Wurm aus einer kleinen Box mit Erde und spießt ihn auf den Haken. Ihre Fingernägeln sind kurz geschnitten und frei von Nagellack. Ein wenig Dreck hat sich darunter verfangen. Währenddessen erzählt Schläger-Zirlik von einer Neuerung im Verein. Dort muss jedes Mitglied im Jahr drei Arbeitsdienste ableisten. „Bisher war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass das für Frauen nicht gilt“, sagt sie.

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Kurz hält sie inne, um sich darauf zu konzentrieren, die Angel auszuwerfen. Leonard duckt sich, um nicht getroffen zu werden. Dann wirft sie. Die Rolle sirrt, der Köder segelt durch die Luft, um dann mit einem Platschen auf dem Wasser zu landen. Die Schnur legt sich sanft auf der Oberfläche ab und geht langsam unter.

„Es ist auch nicht so, dass alle Arbeiten viel Kraft erfordern. Es gibt auch vieles, das ich ohne Probleme machen kann“, erklärt sie weiter. Jetzt steht es in der Satzung: Auch Frauen müssen die Arbeitsdienste ableisten. „Dass sie uns nicht zugetraut haben, da mitzuarbeiten, das fand ich fast ein bisschen diskriminierend“, meint Schläger-Zirlik.

Einen kleinen Erfolg kann die 46-Jährige heute auch verzeichnen: eine Rotfeder beißt an. Schnell holt sie die Schnur ein und nimmt den Fisch vom Haken. Der Fisch zappelt in ihrer Hand, rutscht hin und her, kommt aber nicht los. Der Geruch nach Fisch breitet sich aus. „Den könnte ich jetzt als Köder für größere Raubfische verwenden“, erklärt sie. Kleine Weißfische wie die Rotfeder sind auch als Speisefisch zu gebrauchen. Schläger-Zirlik schneidet sie gern in dünne Streifen, salzt sie und backt sie dann. Als Köder für die Rotfeder hat sie Maden verwendet, die sie in einer kleinen, runden Box aufbewahrt.

Geschäftig wuseln die weißen Tierchen darin durch die Sägespäne, aber als die 46-Jährige sie in die Hand nimmt, machen sie sich stocksteif. Eine nach der anderen fädelt sie wie eine Perlenkette auf den Haken. Eine hat sich schon verpuppt, trotzdem kommt sie mit auf den Haken.

„Töten gehört eben dazu“

Falls sie heute einen Karpfen fängt, schlachtet sie ihn und nimmt ihn mit nach Hause. „Das Töten ist schon ein bisschen Überwindung. Aber es gehört eben dazu“, meint Schläger-Zirlik. Ekel vor den Eingeweiden hat sie nicht. „Da gibt es im Haushalt auch Ähnliches“, schmunzelt sie. Das sogenannte Catch and Release, bei dem Angler einen Fisch fangen und sofort wieder aussetzen, ist in Deutschland – anders als in den meisten anderen Ländern Europas – aus Tierschutzgründen verboten. Ausnahmen sind hierzulande gefährdete Arten oder Fische, die noch nicht das gesetzliche Mindestmaß erreicht haben. Trotzdem betreiben viele Angler Catch and Release. Schäger-Zirlik spricht sich dagegen aus. „Ich bin da schon so, dass ich den Fisch mitnehme, wenn er die richtige Größe hat“, sagt sie. Bei ihr zu Hause kommt dann auch oft Fisch auf den Teller, den ihr Mann und ihre beiden Söhne gerne essen.

Zum Angeln kam die 46-Jährige im Urlaub. Ihr damals zwölfjähriger Sohn bekam dort Lust zu angeln. Dann erkundigte sie sich, wie das in Deutschland abläuft. Den Jugendfischereischein musste er nur in einer Gemeinde beantragen, aber dann muss immer jemand dabei sein, der einen Angelschein hat. „Niemand in unserem Bekanntenkreis hatte einen und ich bin sowieso gerne in der Natur. Da hab ich ihn gemacht“, erzählt sie am Telefon. Das ist jetzt vier Jahre her und inzwischen hat auch ihr Sohn die Prüfung für den Angelschein bestanden.

Den Vorwurf, Angeln wäre langweilig, kann sie nicht nachvollziehen. „Man braucht schon Geduld“, lenkt sie ein. „Aber das Spannende am Angeln ist, dass man permanent aufmerksam sein muss, weil in jeder Sekunde etwas passieren kann“, meint sie. Während sie darauf wartet, dass die Fische beißen, beschäftigt sie sich mit Hörspielen und ihrem Strickzeug. „Da kommen manchmal schon blöde Kommentare“, sagt die begeisterte Anglerin mit einem Lächeln. Heute hat sie allerdings darauf verzichtet. Und wie finden Bekannte ihr Hobby? „Ungewöhnlich auf jeden Fall“, lacht sie. Aber niemand sieht es negativ. Die meisten fragen sie interessiert aus. Freundinnen haben sie sogar schon begleitet, sind aber nicht dabeigeblieben.

Heute hatten Mutter und Sohn – bis auf die kleine Rotfeder – kein Glück. Nach zwei Stunden packen sie die Ruten und die Köder wieder ein und klappen die Stühle zusammen. Über Trampelpfade und Schotterwege geht es zurück zum Auto. Auf dem Weg bleiben sie mit ihren Taschen immer wieder an herabhängenden Ästen hängen, von denen dann das Regenwasser prasselt. Nachdem sie die Trampfelpfade mit den herabhängenden Ästen hinter sich gelassen haben, kehrt am Jägersee wieder die gewohnte Ruhe ein.

Heute, am Tag der Fische, weisen Artenschützer darauf hin, wie überfischt die Gewässer der Welt sind. Der Aktionstag wurde 2007 ins Leben gerufen. Ein Tipp für Verbraucher ist, beim Einkauf auf Bio- und Umweltsiegel zu achten – oder die Fische selbst aus dem Wasser zu ziehen.

Sarah Grünewald

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