Die Chancen der Kandidaten am Wahlsonntag

Wenn der Weg nach Berlin über die Liste führt

Links Erststimme, rechts Zweitstimme: Mit dem ersten Kreuz wählt man direkt einen Abgeordneten, das zweite Kreuz gilt einer Partei. Die Zusammensetzung von deren Landesliste entscheidet darüber, wer – außer den Gewinnern eines Direktmandats – in den Bundestag einzieht. Anders als bei der Landtagswahl hat der Bürger kein Mitspracherecht bei der Reihenfolge der Namen. Foto: Sichelstiel2013/09/70009_bundestagswahlwahlzettel_New_1379664067.jpg

NÜRNBERGER LAND — Von einer Wahl zur nächsten: Zwei Kreuze auf den Stimmzetteln entscheiden am Sonntag über die Zusammensetzung des Bundestags. Wen kann man im Nürnberger Land wählen – und wer hat überhaupt Chancen darauf, den Landkreis in Berlin zu vertreten?

Um Irritationen gleich vorzubeugen: Ihren direkt gewählten Volksvertreter – den Kandidaten also, der am Sonntag das sogenannte Direktmandant gewinnt, weil er die meisten Erststimmen bekommt – müssen sich Laufer, Hersbrucker und Altdorfer mit den Rothern teilen. Das Nürnberger Land bildet zusammen mit den Nachbarn im Südwesten den Wahlkreis mit der Nummer 246. Damit die abgegebenen Stimmen gleich viel Gewicht haben, sollen alle deutschen Wahlkreise nämlich ungefähr diesselbe Einwohnerzahl aufweisen. Darum steht auf dem Stimmzettel auch Roth, nicht Nürnberger Land, denn so ist der Wahlkreis benannt.

Ihn vertritt seit 2002 die Dehnbergerin Marlene Mortler im Bundestag, die auch erneut antritt. Sollte sie wieder die meisten Erststimmen erringen, so wäre das die vierte Legislaturperiode für die 57-jährige CSU-Abgeordnete. Für Mortler stimmten vor vier Jahren immerhin 45,4 Prozent der Wähler. Die Dehnbergerin kennt sich vor allem mit Landwirtschaftsthemen gut aus, war sie doch bis 2012 stellvertretende bayerische Landesbäuerin. Von 2006 bis 2009 leitete sie zudem den Tourismus­ausschuss des Bundestags, dem sie auch heute noch angehört.

Aus dem Wahlkreis kommt noch eine zweite Abgeordnete, die Gredingerin Marina Schuster von der FDP. Sie schaffte es 2005 über die Liste ihrer Partei in den Bundestag (siehe Kasten). Auch Schuster, deren Schwerpunktthemen Entwicklungshilfe und Menschenrechte sind, stellt sich erneut zur Wahl. Trotz des schlechten Abschneidens der FDP bei der Abstimmung über die Zusammensetzung des Landtags am vergangenen Sonntag rechnet sich die Diplom-Kauffrau gute Chancen aus, in Berlin bleiben zu können: „Ich habe keine Angst und bange nicht.“

Schuster belegt den vierten Platz der FDP-Landesliste. Sollten es die Liberaldemokraten bundesweit über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen und in Bayern nicht deutlich hinter dieses Ergebnis zurückfallen, so sichert ihr dieser aller Wahrscheinlichkeit nach den Wiedereinzug. Man habe bisher einen guten Wahlkampf gemacht, sagt Schuster, „und ich habe getan, was ich kann“. Sie sei seit 1997 Mitglied in der FDP und habe bereits viele Höhen und Tiefen erlebt. Darum bleibt die 37-Jährige, die am Tag nach der Wahl Geburtstag hat, entsprechend gelassen.

Auch Mortlers Listenplatz – Nummer 5 in Bayern – ist ein sicherer. Doch darf sie ohnehin als Favoritin für das Direktmandat gelten. Ihr wichtigster Gegenkandidat, Christian Nürnberger von der SPD, hat es da nicht so leicht. Seine Genossen verwiesen den prominenten Autor auf Platz 33. Zur Einordnung: 2009 kam die SPD im Freistaat auf 16,8 Prozent der Stimmen und schickte daraufhin 16 Abgeordnete in die Hauptstadt. Um in den Bundestag zu kommen, muss der Mann von Moderatorin Petra Gerster also seine CSU-Kontrahentin bei den Erststimmen schlagen. Entweder das, oder die SPD holt mehr als das Doppelte der Stimmen.

Nürnbergers Vorgängerin war Hannedore Nowotny, die Direktkandidatin der Sozialdemokraten errang 2009 24,5 Prozent. Die Hürde liegt also hoch. Das weiß auch der gebürtige Schönberger, der seinen Hauptwohnsitz in Mainz hat. Im sozialen Netzwerk Facebook wirbt Nürnberger wohl deshalb: „Die Marlene Mortler von der CSU kommt über die Liste sowieso nach Berlin, die braucht‘s nimmer wählen.“

Insgesamt stehen acht Namen auf der linken Seite der Stimmzettel, wo man seine Erststimme vergibt. Nach Mortler, Nürnberger und Schuster folgt Tom Aurnhammer von den Grünen. Er hat zumindest im Nürnberger Land den Nachteil eines geringen Bekanntheitsgrads. Der 45-Jährige stammt aus Georgensgmünd zwischen Spalt und Roth, er ist Veranstaltungstechniker und einer von drei Vorsitzenden der Grünen im Landkreis Roth. Aurnhammer steht auf Platz 30 der Grünen-Liste. Für die Linke tritt der Rednitzhembacher Helmut Johach an, die Piraten schicken den Laufer Michael Ceglar und die NPD setzt auf den Pommelsbrunner Torsten Steinbeck. Ganz unten auf dem Stimmzettel findet man den FW-Kandidaten Hartwig Kohl aus Hersbruck (Platz 13 in Bayern). Warum ganz unten? Weil die Reihenfolge vom Zweitstimmenanteil bei der letzten Wahl abhängt. Die Freien Wähler treten zum ersten Mal an.

Die Zweitstimme entscheidet

Wer die meisten Erststimmen in einem Wahlkreis bekommt, ist im Bundestag, klar. Aber wie funktioniert das mit den Zweitstimmen, warum bekommen Kandidaten, die nicht direkt gewählt werden, trotzdem einen Sitz? Im Februar wurde ein neues Wahlrecht beschlossen. Es regelt, dass schon vor der Abstimmung alle 598 festen Bundestagssitze entsprechend den Einwohnerzahlen auf die Bundesländer verteilt werden.

Die einzelnen Kontingente werden dann anhand des in den jeweiligen Ländern erzielten Zweitstimmenergebnisses auf die Landeslisten verteilt, die die Parteien selbst aufstellen. Die Direktmandate werden angerechnet. Neu ist das Ausgleichsverfahren: Hatte eine Partei mehr Sitze direkt geholt, als ihr über die Zweitstimmen zustanden, so sprach man bisher von Überhangmandaten. Diese gibt es weiterhin. Doch sie werden ausgeglichen: Die Gesamtzahl der Sitze des Bundestags wird so lange erhöht, bis sich das bundesweite Zweitstimmenergebnis im Proporz der Parteien widerspiegelt. Im – unwahrscheinlichen – Extremfall gibt es dann bis zu 800 Abgeordnete.

N-Land Andreas Sichelstiel
Andreas Sichelstiel