Taube geht ins Rennen

Plötzlich beliebt

Den Vorentscheid hat die Stadt- beziehungsweise Straßentaube souverän für sich entschieden. Ob es auch zum Vogel des Jahres 2021 reicht, wird sich am 19. März zeigen. | Foto: rostyle/stock.adobe.com2021/01/NL-LBV-NABU-Taube-scaled.jpg

NÜRNBERGER LAND – Bereits zum 50. Mal suchen LBV und NABU den Vogel des Jahres. Anders als bisher entscheiden in diesem Jahr die Bürger.
Zehn Vögel stehen zur Auswahl – darunter auch die Stadttaube, die sich schon immer mit hartnäckigen Vorurteilen herumschlagen muss.

Angefangen hat es einst mit dem Wanderfalken. 1970 war die Population des Wanderfalken stark gefährdet. Einer der Gründe für den damaligen, dramatischen Bestandsrückgang war „die Aufnahme von chlorierten Kohlenwasserstoffen über die Beutetiere. Diese Pestizide verursachten beim Wanderfalken dünnschalige Eier, was den Bruterfolg unmittelbar reduzierte“, blickt der Naturschutzbund (NABU) rund 50 Jahre zurück. Doch auch die Jagd auf den Wanderfalken und der Verkauf der Jungvögel in vorzugsweise arabische Länder waren für den Rückgang einst verantwortlich. 1971, bei der ersten Wahl überhaupt, wählten NABU und der Landesbund für Vogelschutz den Wanderfalken zum Vogel des Jahres und rückten ihn damit in den Fokus der Öffentlichkeit – mit Erfolg: Heute brüten in Deutschland wieder mehr als 600 Paare.

Bevölkerung ist aufgerufen

Entschied bislang stets eine Expertenrunde beider Verbände, wer den Titel tragen darf, ist zum 50. Jubiläum in diesem Jahr die Bevölkerung aufgerufen, ihren Favoriten zu bestimmen. Zehn Vögel stehen diesmal zur Auswahl: Die Amsel, die Blaumeise, der Eisvogel, die Feldlerche, der Haussperling, der Goldregenpfeifer, der Kiebitz, das Rotkehlchen, die Rauchschwalbe und die Stadttaube. Vor allem Letztere dürfte hier und da für eine gewisse Verwunderung sorgen, ranken sich um die Stadttaube doch seit jeher viele Mythen, die überwiegend negativ behaftet sind.


Ratten der Lüfte?

Nicht selten sollen Tauben Krankheiten auf den Menschen übertragen, immer wieder ist von „Ratten der Lüfte“ zu lesen. Auf der Internetseite des Bundesumweltamtes heißt es: „Tauben gelten nicht per se als Gesundheitsschädlinge, die generell zu bekämpfen sind, sollten aber aus kritischen Bereichen wie Lebensmittelbetrieben ferngehalten werden.“ Insbesondere der Taubenkot kann gesundheitsschädlich sein. Pro Jahr produziert eine Taube rund zehn Kilogramm Nass- und 2,5 Kilogramm Trockenkot, der zahlreiche krankheitserregende Bakterien und Pilze enthält.

Belastung mit Keimen

Insbesondere bei Aufräumarbeiten, zum Beispiel von verschmutzten Dachböden, kann es zu einer erheblichen Belastung mit Staub und Keimen kommen. Auch können Tauben und deren Küken von Parasiten wie der Taubenzecke oder der Taubenmilbe befallen sein. Dennoch stellte das Bundesgesundheitsamt bereits vor Jahren fest: Eine Taube ist nicht gefährlicher als jeder andere Wild- oder Ziervogel.
Auch der Taubenkot steht in Verruf, Schäden an Gebäuden zu verursachen. Doch auch hier sind sich Experten uneins. Die Technische Universität Darmstadt kam vor einigen Jahren zu dem Ergebnis, dass Taubenkot nach einer Zeitspanne von 70 Tagen auf gängigen Baustoffen keine Schäden verursacht. Anders die Situation auf Kupfer-, Stahl- und Bronzeblechen: hier hätten sich mittlere bis starke Veränderungen wie Oxidations- oder Rostflecken gezeigt.
Vielleicht ist die wachsende Beliebtheit der Beweis dafür, dass sich die Vorurteile gegen die Tauben allmählich auflösen. Immerhin setzte sich die Stadttaube beim Vorentscheid, bei dem 307 Arten zur Auswahl standen, mit 8937 Stimmen deutlich gegen das Rotkehlchen (Platz zwei, 5962 Stimmen) durch.

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Schon immer in enger Beziehung

Was hingegen feststeht: Schon immer leben Menschen und Tauben in enger Beziehung. Ob als Nachrichtenübermittler oder Nahrungsmittel: Menschen wussten früh die Vorzüge der Flugtiere zu nutzen. Stadttauben gelten als Nachkommen von Brieftauben oder Haustauben, die der Mensch einst zur Fleischgewinnung gezüchtet hat. Die wohl größte Fähigkeit liegt unbestritten im ausgeprägten Orientierungssinn der Tiere. „Meine Erfahrung ist, dass die Tauben sehr von der Sonne abhängig sind“, sagt Brieftaubenzüchter Georg Haas aus Altdorf. Immer dann, wenn die Sonne nicht so stark scheine, würden sich die Tiere schwerer tun, den Weg nach Hause zu finden. Doch Haas sieht nicht nur einen Zusammenhang zwischen dem Sonnenlicht und den Erdmagnetfeldern, auch der Geruchsinn scheint Auswirkungen auf die Orientierung der Tauben zu haben. Er selbst beginnt, die Jungen zu trainieren, wenn diese flügge werden. Seit 1987 schickt er bereits seine Tauben auf die Reise, egal ob aus Paris, London oder Bordeaux.


Von Bordeaux nach Pühlheim

Bordeaux war mit 1040 Kilometern bislang die größte Entfernung. Von vier Tauben sind am nächsten Tag drei zu mir nach Pühlheim zurückgekehrt“, erklärt der zertifizierte Flugleiter. Die Liebe zu seinen Brieftauben ist innig, wieso deren Nachkommen jetzt jedoch zur Wahl als Vogel des Jahres stehen, ist ihm schleierhaft: „Als ich das erste Mal davon erfahren habe, musste ich schon etwas schmunzeln. Es gibt unter den Nominierten beileibe schönere Vögel“, lacht er.

info
Das Abstimmungsformular ist seit gestern auf www.vogeldesjahres.de freigeschaltet. Die Stimmabgabe ist bis 19. März möglich. Noch am gleichen Tag wird der Wahlsieger verkündet und zum Vogel des Jahres 2021 ernannt.

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