Auftakt des Gitarrenfestivals

Wer hören will, muss fühlen

Das Diknu Schneeberger-Trio begeisterte die Zuhörer. Foto: Stötzner2015/08/Schneeberger.jpg

HERSBRUCK (sw) – Leicht hat es Johannes Tonio Kreusch den Zuhörern in diesem Jahr nicht gemacht, das 16. Internationale Gitarrenfestival vom ersten Takt an zu lieben. Denn mit dem Kemal Dinç-Trio holte er sich Musiker auf die Bühne, die vom Zuhörer viel forderten. Da half nur eins: Augen zu, Ohren auf und durch – wer hören will, muss fühlen. Und wer sich darauf einließ, den erwartete eine fabelhafte und vielfarbige Reise durchs alte Anatolien, bevor der Publikumsliebling Diknu Schneeberger die volle Dreifachturnhalle mit dem ersten Riff im Griff hatte.

„Music unites“ – Musik verbindet, das ist das Motto in diesem Jahr. Und das gelinge nur, wenn der Hörer offen für das Fremde in der Kultur sei, so Kreusch, der seit zehn Jahren das Programm gestaltet. Unterhalten und bilden wolle er, und fast schien es, als wolle er testen, was er den im Laufe der Jahre immer geschulteren Zuhörern zumuten kann. Mit Kemal Dinç ist das Publikum nicht wirklich an Grenzen gekommen, aber in der Dreifachturnhalle war sie für einige zumindest in Sichtweite.

Kemal Dinç ist einer der bedeutendsten Vertreter der traditionellen anatolischen Musik – für Westler sind das exotische Klänge, die sich kaum von an Dreiviertel-Takt gewöhnten Ohren entschlüsseln lassen. Die Musik auf der Baglama, der dreisaitigen türkischen Laute, ist oft nervös, nie enervierend, immer auf Spannung und dennoch sehr konzertant. Und wer die Augen schließt, die Ohren öffnet, vor dem tun sich dank zitherartiger Klänge plötzlich Bilder der engen Gassen der Souks im Orient auf, der erinnert sich an die Gerüche im Ägypten-Urlaub, der zieht plötzlich Parallelen zur Literatur.

Nagib Mahfuz‘ „Die Midaq-Gasse“ zum Beispiel: In Hersbruck läuft mit einem Mal der Soundtrack des Cafés, das der Literaturnobelpreisträger im Roman beschreibt. Und wer an die schroffen Felsen in Anatolien dachte, der hat erst recht Recht, wie Kemal Dinç später im Gespräch erklärt: Die Musik besteht aus 7/8-Takten, 9/8, schlimmer noch: 11/8-Takten – und vertont so, sagt er, den schleppenden, manchmal hinkenden Gang der Wanderer in den schroffen Bergen.

Es wäre schön gewesen, wenn es eine Moderation für Kemal Dinç gegeben hätte. Wenn die Zuhörer erfahren hätten, dass es sich bei den Stücken auch um alte Tänze wie den Hicaz oder Nikriz gehandelt hat. Denn so hätte seine Musik nicht nur das Herz berührt, sondern auch das Hirn gefüttert und Johannes Tonio Kreusch hätte sein Vorhaben, mit Musik zu bilden und so für das Fremde offen zu werden, zu 100 Prozent erreicht.

Zu 100 Prozent flogen dem anderen Künstler an diesem Abend die Herzen zu, der keinerlei Interpretationen braucht und schon früher in Hersbruck auf der Bühne stand: Diknu Schneeberger, Gypsy-Gott. Vor neun Jahren legte ihm sein Vater Joschi erstmals eine Gitarre in die Hände, man darf jetzt auch immer noch vom Wunderkind sprechen, auch wenn Diknu nun schon 25 Jahre alt ist. Mit Papa am Bass und seinem ehemaligen Gitarrenlehrer Martin Spitzer als Begleiter swingt er sich im Gypsy-Style durch halsbrecherische Läufe, blitzschnell, unfassbar sauber und immer hervorragend akzentuiert.

Eigenkompositionen, Hommagen an seine früheren Idole wie Django Reinhardt und Liebessongs an seine Freundin zeigen die Vielfältigkeit und das Genie des jungen Mannes. Dabei bleibt er lässig und repräsentiert das fröhliche Österreich auch mit Walzer und Schmäh, selbst wenn es Kraft kostet: Nach einem Reinhardts-Stück muss er kurz den Arm ausschütteln, denn „dös gehd scho eini“.

Mit einem Stück verabschiedete er sich von einem seiner Vorbilder, von Stochelo Rosenberg. „Er war mal mein größtes Idol, aber jetzt versuche ich, meinen Weg zu machen.“ Donnernder Applaus und Standing Ovations auch von Bürgermeister Robert Ilg, Landrat Armin Kroder, Alt-Bürgermeister Wolfgang Plattmeier und Landtagsmitglied Norbert Dünkel, denn Diknu Schneeberger braucht keine Idole mehr – er ist selbst eines geworden.

Montag auf der Bühne: Superstar Al Di Meola. Er zählt seit den 1970er Jahren zu den populärsten Jazz- und Jazzrock-Gitarristen. Mit 19 Jahren wurde er vom weltbekannten Pianisten Chick Corea entdeckt.

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