Chansonabend mit Alexandra Völkl

Musik zum Bombenhagel

Davon geht die Welt nicht unter – mit ihrem Chansonabend im Feuchter Zeidlerschloss zeichnete Sängerin und Schauspielerin Alexandra Völkl ein zeitgeschichtliches Porträt Deutschlands vor und während des Nationalsozialismus. | Foto: Krätzer2016/05/db-voelkl.jpg

FEUCHT – Gut, heute zu leben und nicht damals, im Deutschland der ausgehenden Weimarer Republik, als die braunen Fahnen der Nazis begannen, sich über das Land, die Gesellschaft und die Gesinnungen zu legen. Durch all diese Erinnerungen an Aufmärsche, Propaganda, an Zerstörung, Grausamkeiten, Verfolgung und Krieg klingen Schlager von damals, blicken längst verstorbene Filmstars neben Schlagersternchen aus alten Journalen und von Plakaten. In der Reihe „Zeit für jüdische Kultur“ des Kulturkreises Feucht widmete sich Schauspielerin und Sängerin Alexandra Völkl ihren Geschichten, ihrer Musik und zeigt die Menschen hinter der künstlichen Fassade der „Heilen Welt“.

„Davon geht die Welt nicht unter“ lautet der Titel ihres Programms in Anlehnung an das bekannte Lied der schwedischen Sängerin und Schauspielerin Zarah Leander, dem höchstbezahlten weiblichen Filmstar Nazi-Deutschlands. Zusammen mit dem Pianisten Uwe „Budde“ Thiem, Komponist und Arrangeur, der unter anderem im Jazz zuhause ist, lässt Völkl darin die Zeit der geschickten Propaganda musikalisch wieder auferstehen. Völkls musikalisches Hauptaugenmerk gilt dem deutschen Chanson von Hildegard Knef bis Georg Kreisler. Für sie hat sie zurzeit einige Programme im Repertoire, wenn sie nicht gerade mit Lesungen unterwegs ist oder in der Rolle als Agnes Dürer durch das Dürer-Haus in Nürnberg führt. Einfühlsam begleitete sie Thiem am Piano, mit genau dem richtigen Quäntchen an Leichtigkeit und Schwung, gelegentlich auch etwas Pathos, wie es die Lieder vorgaben.

Viele Emotionen schwingen an diesem Abend im Zeidlerschloss mit, wenn die Sängerin „Schenk mir einen bunten Luftballon“ singt, wenn „Irgendwo auf der Welt“ (gibt’s ein kleines bisschen Glück) der Comedian Harmonists erklingt. Am stärksten beeindruckt sie mit ihrer Version ruhiger Stücke, das nachdenkliche „Wenn ich mir was wünschen sollte“ von Friedrich Hollaender oder das bekannte „Lilli Marleen“ (Sängerin Lale Andersen) – das ist Gänsehaut pur. Es sind Melodien von großen Komponisten wie Hollaender oder Michael Jary (eigentlich Maximilian Michael Andreas Jarczyk), die sie hier versammelt hat. Viele der Gäste im Zeidlerschloss hörten sie in ihrer Jugendzeit oder kennen sie, wie Völkl, durch ihre Eltern und Großeltern.

Spiel mit Gefühlen

Großartige Musik, die gute Laune und Stimmung macht und mit Gefühlen spielt. Dass Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels diese ganz gezielt zur Frontunterhaltung wie auch als Mutmacherin für die Familien daheim steuerte und einsetzte, das belegte die Künstlerin mit vielen Zitaten.

„Je schwerer die Zeit ist, desto leuchtender muss sich über ihr die Kunst als Trösterin der Menschenseele erheben“, zitierte Völkl eine Aussage Goebbels. Mit viel Schwung und Temperament führt sie durch ihr Programm, das sehr kurzweilig zwischen Ernstem und Heiterem wechselt. Musik gemischt mit Anekdoten und Geschichten – sehr lebendig beleuchtet sie die damaligen Lebensumstände. Beispielsweise wenn sie von Sängerin Evelyn Künneke erzählt, die sich „undeutsch“ äußerte und damit ihr Todesurteil unterschrieb. Oder von dem erfolgreichen und gefragten Liedtexter Bruno Balz, der wegen seiner Homosexualität im Gefängnis landete. „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ bekommt vor dem Hintergrund, dass Balz den Text nur wenige Stunden nach seiner Freilassung schrieb – seinem Freund Jary zu verdanken – eine ganz andere Bedeutung.

Ein hörenswerter Rückblick in die Vergangenheit, klasse gemacht, interessant. Dorothée Krätzer

N-Land Der Bote
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