Im „Tatort“ zeigt der in Lauf aufgewachsene Kabarettist andere Seiten

Brüllen ist nur eines von Matthias Egersdörfers Talenten

Fast nachdenklich gibt sich Matthias Egersdörfer in seinem neuen Programm „Vom Ding her“. Erleben kann man das unter anderem am Montag, 2. März, im Dehnberger Hof Theater. An diesem Abend zeichnet der Bayerische Rundfunk auf, was der Kabarettist auf der Bühne veranstaltet. Foto: Minx2015/02/egersdo__rfer_foto_minx.jpg

LAUF — Am 12. April hat er Premiere im „Frankentatort“ als Michael Schatz, Leiter der Spurensicherung. Zum Interview kommt er im alten Parka zum Café seines Lieblingskinos „Babylon“ geradelt, bleibt stets freundlich, nachdenklich und zurückhaltend – dabei kennt man Matthias Egersdörfer (45) von seinen Auftritten als dauerschimpfenden Grantler. Der Kabarettist ist in Lauf aufgewachsen, heute lebt er in Fürth.

Ganz Franken fiebert auf den 12. April. Was wird uns der Tatort von Franken zeigen?
Egersdörfer: Ich glaube, viel ist in Nürnberg gedreht worden. Aber auch ich kenne nur einen Teil der Geschichte. Ich hatte drei Drehtage und werde drei, vier Minuten zu sehen sein. Aber es hat sehr viel Spaß gemacht.

Sind Sie ein grantiger, schnell explodierender Spusi-Leiter, ein echter Egersdörfer am Tatort?
Egersdörfer: Nein, ich brülle nicht. Das Ermittlerteam ist eher nett zueinander. Und es ist ja schön, sich mal anders zeigen zu dürfen.

Konnten Sie einfach spielen, wie Sie wollten?
Egersdörfer: Ich kam ja erst spät dazu, weil Erwin Pelzig terminlich nicht konnte. Dann wurde ich von Regisseur  Max Färberböck regulär gecastet. Ich musste zwei Probetexte vortragen und dann noch zwei Szenen improvisieren. Ich habe mich dann sehr gefreut, dass ich genommen wurde. Beim Drehen selbst war es neu für mich, eine Szene etliche Male zu wiederholen, sich an die Figur heranzutasten, bis auch der Regisseur zufrieden war. Ich fand das eine angenehm fordernde Herangehensweise.

Star im Tatort, häufiger Gast in der ZDF-Anstalt, auf den deutschsprachigen Bühnen gebucht bis Ende 2016: Hätte sich das der Laufer Lausbub, der lange nicht wusste, was aus ihm werden soll, damals träumen lassen?
Egersdörfer: Das Glück ist schon immens und bringt mich zum Staunen. Ich hatte ja in meinem Umfeld nicht viele Fürsprecher für eine Bühnenkarriere, ich hatte kein Netzwerk, die ersten Kritiken waren mäßig. Der Erfolg stellte sich witziger Weise außerhalb Frankens ein – im Quatsch-Comedy-Club Berlin und in Hamburg, wo ich 2007 den Comedy-Pokal gewonnen habe. Erst dann habe ich auch in Franken die Auftritte gekriegt, die mir vorher versagt blieben.

In Ihrem Buch „Die Reise durch Franken“ (mit Jürgen Roth) skizzieren Sie Ihre Heimatstadt Lauf als gespaltenen Ort: rechts der Pegnitz die bürgerlich-konservative Oberstadt, links vom Fluss das Arbeiterviertel. Gilt das noch?
Egersdörfer: Solche Gegensätze schleifen sich in unserer neoliberalen Welt natürlich ab. Aber unser Buch hat doch einige Diskussionen über die Nazizeit in Lauf ausgelöst. Meine zwei Zeitzeuginnen Luise Conrad und Lina Moll erlebten in ihren jeweiligen familiären Milieus – Nazi-Mitläufer und SPD-ler – das Dritte Reich ganz unterschiedlich. Was auch deutlich wird: Wer hinschauen wollte, wusste natürlich vom KZ in Hersbruck.

Lauf hat auch Sie geprägt: als Schauspieler im Kellertheater, der Schülerbühne des Gymnasiums.
Egersdörfer: Lehrer Vogler hat uns den Spaß am Spielen beigebracht. Da war ich in einer Krimikomödie der Dorfrichter mit einem Holzdackel. Auf der Bühne eine Figur zu entwickeln, das war für mich wie ein Rausch, eine ganz große Freude.

Auch mit dem Schreiben haben Sie im Nürnberger Land begonnen.
Egersdörfer: Ich habe eigene Texte verfasst, seit ich überhaupt
schreiben konnte. Auf der Literaturseite der Pegnitz-Zeitung durfte ich publizieren, zum Beispiel den Abgesang auf das damals schließende Laufer „Metropol-Kino“. Prägend war für mich auch ein Ausflug in die Hersbrucker Bücherwerkstätte, wo ich erstmals lebende Künstler kennenlernte. Die machten damals einen Kalender mit Eckhard Henscheid, dessen Werk „Geht in Ordnung – sowieso – – genau – – –“ für mich bis heute das Humor-Alphabet ist. Der Druckgott und exzellente Kammbläser Michael Gölling fand meine ersten Texte gut und ermunterte mich zum Weiterschreiben. Und, was mich an der BR-Aufzeichnung meines neuen Programms am 2. März im Dehnberger Hof Theater freut: Mit diesem Ort verbinde ich eine schöne Jugenderinnerung. Chris Beier hat mich damals mit seiner Musik aus einer ganz trüben Stimmung befreit.

Im neuen Programm „Vom Ding her“ sitzen Sie selbst am Piano. Und es geht eher ruhig zu, was eingefleischte Fans vielleicht beunruhigt. Andere Programme hingegen – wie das Stück „Carmen“ – sind so radikal, ordinär und lautstark, dass sich Zuschauer „für Franken schämen“. In der ZDF-Anstalt zuckte das Publikum sichtbar zusammen, als Sie losbrüllten. Wie kommen Sie mit den unterschiedlichen Erwartungen zurecht? Wird „Egers“ irgendwann ruhig, spricht Hochdeutsch?
Egersdörfer: Man muss schon auch nerven und den Leuten auf den Sack gehen. Wenn sich andere für mich schämen, empfinde ich das inzwischen fast als Auszeichnung. Für mich ist Brüllen auf der Bühne sehr lustig. Wenn etwa der Polt sich richtig in Rage redet, zerreißt es mich immer fast vor Lachen. Eine Geschichtenerzählerin hat mir übrigens einst empfohlen, beim Fränkischen zu bleiben, denn damit stelle ich schon eine komplette Figur dar, die nicht lange erklärt werden muss. Und das wird offensichtlich auch in Wien oder Erfurt verstanden.

Lacht der Osten anders als der Westen?
Egersdörfer: Die Ossis haben oft weniger Probleme mit Direktheit, da ist es auf Bühnen im Fürther Land manchmal zäher als in Sachsen. Mein Eindruck ist, dass das Publikum im Osten noch mehr mit Bildung und Literatur am Hut hat, was angenehm ist.

Ein erboster Zuschauer schrieb Ihnen ins Gästebuch: „Hildebrandt würde sich im Grab umdrehen.“ Würde er?
Egersdörfer: Ich habe Dieter Hildebrandt noch kennengelernt, er war sehr freundlich zu mir. Mein Thema ist halt nicht das politische Tagesgeschäft. Meine Bühnengeschichten speisen sich aus eigenen Erlebnissen, daraus entwickle ich Gleichnisse, Botschaften, Haltung.

Eines Ihrer Markenzeichen ist auch der sehr offene Umgang mit dem Thema Sex. Sie preisen gern mal vor dem Publikum die Größe Ihres Gemächts oder befragen einen schwulen Bühnenpartner kindlich-naiv detailliert nach seinen Sexpraktiken. Warum das? Und warum verunsichert das im Zeitalter von Youporn das Publikum noch so, dass es mitunter den Atem anhält?
Egersdörfer: Ich forsche bei meinen Auftritten auch nach dem Grundsätzlichen. Da ist Sexualität natürlich ein zeitloses Thema. Zudem passen solche Geschichten gut zu einer Bühnenfigur, die nicht darauf ausgelegt  ist, ein charmanter Sympathieträger zu sein. Meine Beobachtung, insbesondere in Franken, hat ergeben, dass an vielen Wirtshaustischen, in Vereinen und im öffentlichen Nahverkehr Sex ein immer wiederkehrendes Thema ist. Dieselben Menschen, die mittags in der Kneipe Zipfelwitze reißen, haben dann aber Probleme damit, wenn am Abend auf der Bühne in ähnlichem Tonfall gesprochen wird. Meine Freude über diesen Sachverhalt ist nicht gering.

Sie laden monatlich viele andere Künstler zu „Egersdörfer und Artverwandte“ ins Nürnberger K4 (darunter immer Philipp Moll aus Lauf und Bird Berlin aus Hersbruck), holen öfter die komplette Laufer Marchingband als Einlage, spielen immer noch in der Boygroup „Fast zu Fürth“, haben ein Duo mit dem Österreicher Martin Puntigam, interviewen Musiker im E-Werk, treten im Theater „Zwangsvorstellung“ auf: Sind Sie letztlich ein Teamplayer?
Egersdörfer: Ich blieb ja früher in Theater- und Musikgruppen oft als Letzter übrig, der weitermachen wollte. Das ganze Jahr alleine auf der Bühne wäre auch zu langweilig. Die Begegnung mit anderen Kabarettisten in einer Comedy-Lounge begann in anderen fränkischen Städten und ist auch in Nürnberg sehr erfolgreich. Das hält einen auch an, jeden Monat etwas Neues auszuprobieren. Hier in der Region halten wir schon ganz gut zusammen. Meine Regisseurin Claudia Schulz, die auf der Bühne grandios die Carmen spielt, kommt vom Theater „Zwangsvorstellung“.  Puntigam ist ein Solitär, ich durfte ihn nach Anwanden einladen und daraus entstand unsere Zusammenarbeit.

Jetzt malt „Egers“ auch noch, nicht ganz jugendfreie Tuschezeichnungen zum Thema Bambi in der Fürther A.theke (Nürnberger Str. 38). Warum das?
Egersdörfer: Ich habe mich sehr über die Einladung zu dieser Gruppenausstellung gefreut und Tusche und Feder hervorgeholt. Malerei habe ich studiert – bei Peter Angermann. Ich habe von ihm viel gelernt, zum Beispiel die schnelle, effektive Herangehensweise. Der Vorteil dieser Zeichnungen ist, dass sie nicht brüllen. Sie hängen ganz stumm an der Wand.

Interview: Walter Grzesiek

N-Land Clemens Fischer
Clemens Fischer