Experten kritisieren Förderprogramm des Freistaats

Warum das Breitbandnetz in öffentliche Hand gehört

So sehen die Glasfaserkabel aus, die Reichenschwand in Eigenregie verlegt hat. Foto: Privat2014/11/DSC00305.jpg

RÖTHENBACH — Beim schnellen Internet versagt der Markt. Beispiel Röthenbach: In der Stadt selbst kann man zwar einigermaßen schnell surfen, aber in den Ortsteilen ist mitunter schon das Laden von größeren Webseiten ein Problem. Für die Provider lohnt es sich nicht, das Netz zu erweitern. Der Bau von Glasfaserleitungen muss zur kommunalen Daseinvorsorge gehören, fordern hingegen Fachleute, genauso wie der von Straßen. Soll Röthenbach also selbst Kabel verlegen? Reichenschwand hat es vorgemacht – das hat viele Vorteile und kostet unterm Strich weniger als Laien befürchten.

Eine Downloadgeschwindigkeit von 50 Mbit/s für alle deutschen Haushalte: Das ist das Ziel der „Digitalen Agenda“, Anfang September stolz von der Bundesregierung verkündet. Den Ingenieur Martin Leybold aus Leuzenberg überzeugt diese Ankündigung nicht. Die Regierung setze lediglich auf eine Brückentechnologie, sagt Leybold, und schwärmt von Japan, wo Datenraten von bis zu einem Gigabit in der Sekunde möglich sind – zwanzigmal so schnell. Möglich macht das Fibre To The Building (FTTB), also ein Glasfasernetz bis in jedes Einfamilienhaus. Die derzeit noch übliche DSL-Technik, egal ob ADSL oder das schnellere VDSL, verbindet hingegen Glasfaser- mit Kupferkabeln.

„Der Ausbau wird wieder nicht reichen“, sagt auch Johannes Bisping vom Laufer Kommunikationsdienstleister Bisping & Bisping (die Pegnitz-Zeitung berichtete). Die Experten sind sich einig, die Kupferkabel müssen immer kürzer werden und schließlich ganz verschwinden. Schließlich wachsen die Datenmengen kontinuierlich. Streaming, also Fernsehen übers Internet, ist erst der Anfang, Cloud Computing, das Auslagern von Rechenleistung und Speicherplatz, setzt sich inzwischen schon bei mittelständischen Unternehmen durch.

Doch FTTB ist teuer, pro Haus kostet der Ausbau etwa 3000 Euro. Für die Provider lohnt sich das nicht, schon jetzt sind sie nicht dazu bereit, kleinere Orte mit VDSL zu versorgen. Das Breitbandförderprogramm des Freistaats setzt hier an. Die Kommunen erstatten Konzernen wie der Deutschen Telekom die Deckungslücke, dafür bringt diese Datenraten von 50 Mbit/s in die Dörfer. 60 bis 90 Prozent ihrer Ausgaben können sich die Kommunen vom Land zurückholen, höchstens jedoch 950 000 Euro.

Sind Lobbyisten schuld?

Leybold, der mit seiner Firma CoTecSer unter anderem Röthenbach, Schnaittach und Reichenschwand berät, sieht das kritisch. „Die Kommunen zahlen dem Netzbetreiber das Netz“, sagt er. Stattdessen sollte die öffentliche Hand selbst investieren, Glasfaserkabel verlegen und diese vermieten. „Dadurch schafft man Anlagevermögen“, so Leybold. Allerdings sieht das Breitbandförderprogramm diese Variante nicht vor. Wer selbst baut, verzichtet auf Geld aus München. Der Ingenieur sagt, das liege am Lobbyismus der großen Konzerne, „wäre man beim Stromnetz auch so vorgegangen, hätten viele Dörfer heute noch keinen Strom“.

Röthenbach steht derzeit am Scheideweg. Es muss sich für die eine oder andere Variante entscheiden. Wer selbst baut, hat mehrere Vorteile. Zum einen bindet er sich nicht fest an einen einzelnen Provider. Reichenschwand hat für etwa 600 000 Euro drei getrennte Systeme geschaffen. Derzeit nutzt zwar nur Bisping & Bisping die Infrastruktur, aber weitere Anbieter können folgen. Zudem generiert die Kommune Einnahmen. Die Miete für die sogenannte Teilnehmeranschlussleitung ist von der Bundesnetzagentur festgelegt: 10,19 pro Haushalt und Monat vom Hauptverteiler bis zum Endkunden, 6,79 Euro für die „letzte Meile“ ab den Kabelverzweigern, den grauen Kästen, die in vielen Straßen stehen. Leybold sagt: „Man kommt damit zwar nicht auf die Null, aber man hat immerhin Einnahmen.“ Und schließlich, vielleicht entscheidend: Auf diese Weise gelingt die flächendeckende Versorgung mit Glasfaserkabeln, wird FTTB erst möglich.

Materialkosten sind nicht das Problem

Die Materialkosten sind dabei nicht entscheidend, sie liegen bei vielleicht 5 Euro pro Meter. Der Tiefbau, also das Vergraben der Leitungen, kostet hingegen rund 80 Euro pro Meter. Leybold: „Der Glasfaserausbau ist dann finanzierbar, wenn man das bei anderen Maßnahmen mitmacht.“ Sein Kollege Bisping spricht von „Synergien“. Wird eine Straße ohnehin saniert, kommen zumindest Leerrohre in den Boden. Das ist – so erstaunlich das klingt – längst nicht Standard.
Auch die Bahn sträubt sich noch dagegen, ihre Trassen zur Verfügung zu stellen.

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Selbst Hausbesitzer oder Bauherren betrifft FTTB. Wer neu baut oder modernisiert, sollte ein Leerrohr einplanen, damit er nicht das Nachsehen hat, wenn der 50 Mbit/s-VDSL-Standard von höheren Geschwindigkeiten abgelöst wird.

Simmelsdorf indes hat erlebt, was im Förderpogramm passieren kann: Das mit dem Ausbau der Telekommunikation beauftragte Unternehmen machte nämlich Konkurs, nahm aber die Leerrohre, in die Breitbandleitungen gelegt werden können, aus der Konkursmasse heraus. Bürgermeister Perry Gumann plädiert darum für Netze im kommunalen Besitz: „Sonst ist das alles ein ganz großer Murks.“

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