Karatesportler von Abschiebung bedroht

Das Land der netten Menschen will Ahmadzey nicht mehr

Es ist nur ein Symbol, aber wichtig: Die Mitglieder der Ochenbrucker Karateakademie wollen Ahmadzey Niazi (Mitte) beschützen, denn er ist einer von ihnen. | Foto: kk2017/03/ahmadzeyschutzkreis.jpg

SCHWARZENBRUCK – Etwas verlegen steht Ahmadzey auf dem kleinen Podest im Trainingsraum der Schwarzenbrucker Bürgerhalle. Angestrengt klammert er sich an seine Urkunde für die bestandene Gürtelprüfung, während die Karateka des TSV Ochenbruck sich um ihn herum zu einem Schutzkreis aufstellen. So viel Aufmerksamkeit ist ihm sichtlich unangenehm. Aber es muss sein. Heute steht nur er im Mittelpunkt. Denn es geht um seine Zukunft und die sieht düster aus. Ahmadzey soll abgeschoben werden. Nach Afghanistan. In ein Land, das der 19-Jährige nicht kennt und das vor allem immer noch sehr sehr gefährlich ist. Darauf wollen seine Freunde von der Karateakademie mit dieser Aktion hinweisen. Ihre Botschaft lautet: Ahmadzey ist einer von uns. Ahmadzey muss bleiben!

Bis er im März 2015 nach Deutschland kam, glich das Leben von Ahmadzey Niazi einem einzigen Martyrium.

Mit vier Jahren musste er aus seinem Heimatland fliehen. Bei einem Bombenangriff der Taliban waren seine Eltern ums Leben gekommen. Nachbarn hatten ihn aus den Trümmern seines Hauses geborgen und dann auf ihrer Flucht mit in den Iran genommen, wo er zunächst als Bediensteter eines älteren Ehepaares lebte und arbeitete, bis die Misshandlungen nicht mehr zu ertragen waren. Mit zwölf Jahren floh er von seinen Peinigern und arbeitete fortan als Illegaler auf Baustellen, wo er jedoch regelmäßig geschlagen und ausgeraubt wurde.

Von Gangstern gekidnappt

Zwei Jahre später verschlug es Ahmadzey dann in die benachbarte Türkei, wo er prompt gekidnappt wurde von Gangstern, die sich darauf spezialisiert haben, von den Familienangehörigen der alleinreisenden Flüchtlingskinder Geld zu erpressen. Obwohl er keine Familie mehr hat, wurde er erst nach über drei Monaten freigelassen.

Dort in der Türkei, wo sich der 14-Jährige inzwischen als Müllsammler mehr schlecht als recht durchbrachte, hörte er jedoch zum ersten Mal von Deutschland. „Geh nach Almanya, das ist ein Land mit netten Menschen.“

Das hätten sie im dort zu ihm gesagt, erzählt Evi Staab, die sich ehrenamtlich um Ahmadzey kümmert und heute für diesen Termin mit in die Schwarzenbrucker Bürgerhalle gekommen ist. Zusammen mit Mitarbeitern der Rummelsberger Anstalten versucht sie, Ahmadzey nach seiner monatelangen Odyssee über die Balkanroute nun ein Leben in Deutschland zu ermöglichen. Mit großem Erfolg.

Praktikum und Karate

Dank der Hilfe der zahlreichen Menschen, die es zum ersten Mal in seinem Leben gut mit ihm meinen, hat Ahmadzey im Nürnberger Land eine Zuflucht und ein neues Zuhause gefunden. Über seinen Schulbesuch und den Karatesport hat er Freundschaften geschlossen. Und nach einem Praktikum in einem Burgthanner Supermarkt wurde ihm dort sogar eine Lehrstelle angeboten. Mehr Integration geht eigentlich nicht.

Aber dann kam der Abschiebungsbescheid und damit das Ende aller Träume. Das Land mit den netten Menschen will Ahmadzey wieder wegschicken.

Reiner Hager, den Cheftrainer der Ochenbrucker Karate-Akademie, macht das wütend: „All die Anstrengungen dieses ruhigen, aber sehr sympathischen Menschen sowie all der Helfer um ihn herum sollen nun umsonst gewesen sein?“ Weil Ahmadzey schon bald weg sein könnte, haben die Ochenbrucker Karateka extra für ihn die Gürtelprüfung vorgezogen und sich diese symbolische Aktion überlegt. Denn Ahmadzey ist einer von ihnen.

„Unglaublich, auf welchen Leidensweg unser junger Sportfreund zurückblickt und nun soll er zurück in ein Land das er seit dem vierten Lebensjahr nicht mehr kennt, in dem er keine Familienangehörigen mehr hat und das von Krieg und Gewalt geschunden ist?“, fragt Hager bestürzt.

Evi Staab ist genauso fassungslos und erwartet für ihren Schützling im Fall der Abschiebung nur das Schlimmste: „Ich bin überzeugt, dass Ahmadzey in Afghanistan vor die Hunde gehen würde. Er ist doch in besonderer Weise schutzbedürftig, weil er nie ein normales soziales Umfeld gehabt hat.“

Die Hoffnung lebt

Ahmadzey selbst sagt während der ganzen Zeit nicht viel. Der schüchterne junge Mann mit der leisen Stimme lässt lieber andere für ihn reden.

Aber was würde eigentlich er den Menschen sagen, die ihn wegschicken wollen? Plötzlich sprudelt es aus ihm heraus: „Ich kann nicht zurück nach Afghanistan. Ich war klein als ich weg bin, aber ich habe den Krieg mit meinen eigenen Augen gesehen.“

Gegen den Abschiebungsbescheid hat er mit Hilfe seiner Betreuer und eines Rechtsanwalts nun Widerspruch eingelegt. Jetzt müssen die Gerichte entscheiden. Das kann Monate dauern und häufig ändert sich nichts an der Abschiebung.

Die Hoffnung aber, sie lebt weiter. Bei Ahmadzey wie auch bei den vielen Helfern und seinen Freunden von der Karateakademie. Denn an diesem Abend in der Schwarzenbrucker Bürgerhalle mag sich niemand ernsthaft vorstellen, dass das Land mit den netten Menschen einen jungen Mann, der so viel Schlimmes erlebt hat, zurück ins Unglück schicken wird. Krischan Kaufmann

Im Schwarzenbrucker Rathaus liegt derzeit eine Unterschriftenliste gegen die Abschiebung von Ahmadzey Niazi aus. Und die Ochenbrucker Karatesportler wollen ebenfalls eine Online-Petition für ihn starten.

N-Land Krischan Kaufmann
Krischan Kaufmann