US-Fernsehteam zu Gast im Prüfinstitut

ZWL Lauf hilft bei Suche nach Nazi-Tunneln

Jürgen Göske vom ZWL verdeutlicht es: Nicht viel größer als ein Reiskorn ist der Glaskörper, in dem die Bilder versteckt sind. | Foto: Kirchmayer2017/12/Goske-Glasrohrchen-ZWL-Nazigold-History-Channel.jpg

LAUF — Hilft das Laufer ZWL bei der Suche nach Hitlers Tunnelsystemen? Ein US-amerikanisches Fernsehteam hat das Prüfinstitut mit einem unscheinbaren Fund besucht. Ein winziger Gegenstand aus Glas entpuppte sich unter dem Mikroskop als Mittel der geheimen Datenübermittlung, das tatsächlich von den Nationalsozialisten verwendet wurde.

Etwa vier Millimeter breit und acht Millimeter lang und aus Glas: Dieser unscheinbare, winzige Gegenstand war der Grund des Besuchs eines zwölfköpfigen Teams des „History Channel“ in Lauf. Ein Tourist habe das Glasröhrchen in einer silbernen Zigarettendose in einem Tunnel unterhalb von Adolf Hitlers ehemaliger Sommerresidenz in Berchtesgaden gefunden, sagen die Besucher aus den Vereinigten Staaten. Das Zentrum für Werkstoffanalytik (ZWL) soll helfen, die Geschichte des Gegenstands und seinen Nutzen aufzuklären.

Der Glaskörper: Rechts die Linse, links ein Sicherheitsglas, das das Foto schützen soll. Die gelbe Farbe kommt von einer Chemikalie, die sich vom Foto in das Glas gefressen hat. | Foto: Privat2017/12/ZWL-Glasrohrchen-Foto-1-Nazis-History-Channel.jpg

 

Jürgen Göske und seine Kollegen sind sofort Feuer und Flamme für den ungewöhnlichen Auftrag und lassen alle Arbeiten liegen. Eine andere Chance haben sie auch nicht, denn plötzlich stehen überall Stative. Kameras werden aufgebaut und Mikrofone in Stellung gebracht. Das Fernsehteam übernahm das Kommando, so Göske.

Für ihn und sein Team ist es eine Ausnahmesituation. Das ZWL beschäftigt sich zwar mit den unterschiedlichsten Stoffen und hilft auch schon einmal mit Expertise bei Gerichtsprozessen. Aber ein Filmteam auf der Suche nach einer Sensation aus Kriegstagen ist den Laufern bisher noch nicht untergekommen.

Ein zwölfköpfiges Team des „History Channel“ hat für einen Tag das ZWL, rechts Mitarbeiterin Susanne Winter und Praktikantin Emma Krames, in Beschlag genommen. | Foto: Privat2017/12/ZWL-Dreharbeiten-History-Channel-Nazi-Tunnel-Susanne-Winter-Emma-Krames.jpg

 

Als erstes finden die Laufer heraus, dass das Zigarettendöschen, in dem der Glaszylinder in Berchtesgaden gefunden wurde, aus Silber ist. Anhand einer Gravur schätzt Göske den Wert der Antiquität auf bis zu 1000 Euro. Im Vordergrund aber steht natürlich das Glas. Die Gäste aus den USA haben keine Ahnung, worum es sich bei dem Objekt handelt. Eine Analyse des Materials zeigt: Das Glas ist über einhundert Jahre alt.

Eine Seite des länglichen Objekts ist zu einer Linse geschliffen. Auf der anderen Seite haben sich Chemikalien ins Glas gefressen und eine gelbe Verfärbung hinterlassen. Unter dem Mikroskop wird deutlich, worum es sich handelt: Bilder. „Da hat das Herz höher geschlagen. In dem Moment sind wir alle zu Schatzsuchern geworden“, erzählt Göske. Ist das Laufer Institut einer wissenschaftlichen Sensation auf der Spur?

Das Glasröhrchen ist nichts anderes als ein viele Jahrzehnte altes Speichermedium. Durch Internetrecherche finden Göskes Mitarbeiter heraus: Es handelt sich um die sogenannte Mikropunkt-Technik, die vor allem im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten eingesetzt wurde. Dadurch lassen sich Texte oder Bilder von der Größe einer Schreibmaschinenseite auf eine winzige Glasplatte von wenigen Millimetern Durchmesser abbilden.

Die Bilder, das zeigt sich unter den hochauflösenden Mikroskopen des ZWL, sind sieben nebeneinander angeordnete Postkarten. Eine Internetrecherche zeigt: Es handelt sich um Motive aus dem Heuscheuergebirge, einer beliebten Ausflugs­region im heutigen Polen nahe der tschechischen Grenze. Das Gebiet gehörte zu Niederschlesien und somit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zum Deutschen Reich. Unter den Bildern stehen deutsche Ortsangaben wie „Jungfrau“, „Gasthof Grüner Wald“ oder „Negerkopf“.

Das ist unter dem Mikroskop spiegelverkehrt zu sehen: Sieben Postkarten aus dem damaligen Schlesien mit Landschaftsmotiven wie dem „Negerkopf“. | Foto: Privat2017/12/ZWL-Postkarten-unter-dem-Mikroskop-History-Channel.jpg

 

Die Fotos sehen unscheinbar aus, ein schwer zu entziffernder Spruch oberhalb klingt wie ein Urlaubsgruß: „Zum Zeichen dass ich Dein gedacht/ Hab ich Dir dieses mitgebracht“, ist zu lesen. Zudem ist die Zahl „37“ abgebildet.

Das Ergebnis war nicht nur für das Team des ZWL eine Überraschung. Das Fernsehteam sei regelrecht „ausgerastet“, berichtet Göske. Eigentlich hatten die Amerikaner geplant, am kommenden Tag nach Dresden weiterzufliegen. Doch der Fund der Postkartenmotive sei ein „Sensationsergebnis“ gewesen. Sofort hätten die Gäste aus den USA im Internet noch für den gleichen Abend zwölf Flugtickets via München nach Breslau gekauft – für über 900 Euro pro Stück, wie Göske erstaunt feststellte. „Da hat Geld überhaupt keine Rolle gespielt.“ Die Gäste hätten jubiliert, laut Göske sei vom seit 1945 verschollenen Bernsteinzimmer die Rede gewesen.

Die polnische Stadt Breslau liegt in der Nähe des Heuscheuergebirges. Aber was bedeuten die Postkarten, die durch eine komplizierte und aufwändige Technik ins Glas geätzt wurden? Wer wollte hier wem durch Spezialtechnologie eine Nachricht zukommen lassen? Findet das Filmteam durch die Hilfe des ZWL gar einen Nazischatz in Schlesien? Etwa einen legendären Goldzug, der zuletzt in der Region in einem alten Tunnel vermutet wurde?

Zweistündige Dokumentation

Sebastian Wilhelmi, Sprecher des History Channel, hält das für unwahrscheinlich. Es gehe weder um Nazigold noch um das Bernsteinzimmer, sagt er auf Nachfrage der PZ. Mit Hitler soll der Fund dennoch zu tun haben. Für eine zweistündige Dokumentation werden Tunnelbauten im Zusammenhang mit den Nationalsozialisten gesucht.

Wie groß die Erkenntnisse letztlich seien, stehe aber noch in den Sternen. „Es wird noch recherchiert“, so Wilhelmi. Es steht auch noch nicht fest, wann die Doku auf dem Bezahlfernsehsender ausgestrahlt wird.

Bis die Sendung im Fernsehen läuft, müssen sich Jürgen Göske, Werner Kachler und Susanne Winter vom ZWL und die Praktikantin Emma Krames in Geduld üben, um zu wissen, was sie tatsächlich entdeckt haben. „Wir wissen das bis heute nicht einzuordnen“, sagt Göske. Doch für die Erfahrung ist er dankbar. „Es ist das spannendste, was ich je erlebt habe.“

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer