Leiter des Gesundheitsamts im Interview

Warum gehen die Fallzahlen wieder nach oben?

Hanspeter Kubin leitet das Gesundheitsamt des Landkreises Nürnberger Land. Er ist Lungenfacharzt. | Foto: PZ-Archiv/Landratsamt/Bekavac2021/02/nn-Dr.-Kubin_lachelnd.jpg

NÜRNBERGER LAND — Den ganzen Januar über sanken die Fallzahlen im Nürnberger Land, das Landratsamt vermeldete immer weniger Corona-Neuinfektionen. In den vergangenen Tagen ging es plötzlich in die andere Richtung – und dann tauchte auch noch die britische Form des Virus im Landkreis auf. Dr. Hanspeter Kubin, der Leiter des Gesundheitsamts, ordnet die Entwicklung im Interview ein.

Herr Dr. Kubin, das Robert-Koch-Institut (RKI) gibt die Sieben-Tage-Inzidenz für den Landkreis – Stand Freitag – mit 80,2 an. Am Donnerstag war dieser wichtige Messwert stark gesunken, von 69,1 auf 55,6. Wie kommt es zu solchen Sprüngen?
Der Anstieg ist auf jeden Fall kein Effekt eines einzigen Tages. Wir stellen schon die ganze Woche fest, dass die Zahl der Neuinfektionen zunimmt.

Das RKI hat in der Nacht auf Freitag über 60 Fälle auf einmal in die Statistik aufgenommen …
Die Übermittlung von Daten ist immer wieder störanfällig, es gibt technische Probleme, auch weil viele Programme umgestellt werden. Wir melden ans Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, das meldet ans RKI. Dabei wird manches von der Software nicht korrekt weitergeleitet.

Ist im Nürnberger Land eigentlich schon Sormas im Einsatz, das bundesweit einheitliche System zur Nachverfolgung?
Im Einsatz kann es noch nicht sein, weil die dafür nötigen Schnittstellen zu anderen Programmen noch nicht hergestellt wurden.

Aber Bayerns Gesundheitsminister sagt, dass zum Stichtag 1. Februar 54 der 76 Gesundheitsämter im Freistaat schon an Sormas angeschlossen seien.
Angeschlossen sind wir auch. Nur dass wir mit Sormas neue Fälle erfassen können, an diesem Punkt sind wir noch nicht.

Dass das Robert-Koch-Institut 147 Todesfälle für das Nürnberger Land angibt, das Landratsamt aber von 158 Toten seit Pandemiebeginn spricht, ist auch auf ein Übermittlungsproblem zurückzuführen?
Solche Differenzen entstehen unter anderem dadurch, dass Verstorbene nicht durchgängig an ihrem Wohnort gezählt werden, sondern möglicherweise dort, wo sie gestorben sind. Wenn jemand, der im Nürnberger Land ansässig ist, in einem Krankenhaus in Nürnberg stirbt, dann taucht er bei uns in den Zahlen auf, nicht in Nürnberg. Aber da gibt es Abweichungen, das handhabt – auch je nach Bundesland – nicht jeder konsequent so.

Heime und Gemeinschaftsunterkünfte betroffen

Warum steigen die Fallzahlen überhaupt wieder an? Wo passieren die Ansteckungen?
Nach wie vor gibt es Erkrankungen vor allem dort, wo Menschen zusammenwohnen: in Seniorenheimen, Wohneinrichtungen für Behinderte oder Gemeinschaftsunterkünften für Arbeiter.

Aber es gibt keinen einzelnen großen Ausbruch?
Nein, das geschieht aktuell in mehreren Orten.

Es hat Sie wahrscheinlich nicht überrascht, dass inzwischen die ersten mutierten Virusformen im Nürnberger Land nachgewiesen wurden. Am Dienstag waren es drei, inzwischen sind es sechs Fälle.
Damit war zu rechnen. Ich denke auch, dass wir da eine gewisse Dunkelziffer haben, so wie generell beim Coronavirus.

Welcher Anteil der positiven Tests wird überhaupt auf Mutationen untersucht?
In der Coronavirus-Surveillance-Verordnung ist vorgesehen, dass fünf bis zehn Prozent der positiv getesteten Proben sequenziert werden. Aber es gibt inzwischen Labore, die alle diese Proben auf Mutationen überprüfen. In diesem Schritt findet dann allerdings keine komplette Sequenzierung des Virusgenoms statt. Die schließt sich erst an, wenn es nötig ist.

Das bedeutet, dass die Suche nach den Corona-Mutanten in erster Linie Aufgabe der Labore ist und nicht des Gesundheits­amts?
Ja, wir können eine solche Surveillance allerdings anregen, zum Beispiel wenn jemand gerade von einer Reise zurückkommt oder das mutierte Virus bereits im näheren Umfeld nachgewiesen wurde. Das hat dann zum Beispiel Auswirkungen auf die Quarantänezeit. Sie kann beim „normalen“ Virus auf zehn Tage verkürzt werden, bei den mutierten Formen machen wir das aber nicht.


Aktuell klappt die Kontaktnachverfolgung

Wie sieht es aktuell überhaupt aus: Kommen Sie mit der Kontaktverfolgung hinterher?
Das ist im neuen Jahr deutlich besser geworden. Die Zahl der Indexfälle, also der positiv Getesteten, geht zurück, die Kontakte gehen auch zurück. Wir hatten zwischenzeitlich rund 4000 Kontaktpersonen, die kann man natürlich nicht mehr jeden Tag anrufen. Jetzt sind wir bei etwa 300. Zum Vergleich: Im Sommer waren es mal 50. Was uns auch sehr hilft, ist, dass wir Unterstützung von der Polizei und von der Bundeswehr bekommen. Außerdem haben wir neues Personal eingestellt.

Die Bundeswehr ist noch im Einsatz bei der Kontaktverfolgung im Landkreis?
Ja. Das ist auch wichtig, denn wenn wir neue Fälle haben, geht es darum, alle Kontaktpersonen möglichst schnell zu informieren.

Haben Sie sich eigentlich darüber gewundert, wie stark die Kurve der Neuansteckungen nach den Weihnachtstagen nach unten ging? Das war ja drastisch.
Ich habe mich mehr gefreut als gewundert. Ich kann es mir nur so erklären, dass die Leute nach den ja doch emotionalen Feiertagen wirklich zu Hause geblieben sind und sich nicht mehr mit anderen getroffen haben.

Wie wird der Sommer 2021 aussehen?
Fest steht, dass der Sommer aus Sicht eines Virus unangenehm ist. Wärmere Temperaturen, Trockenheit, UV-Strahlung – all das ist schlecht für seine Ausbreitung. Aber bis wir da einen ersten Effekt merken, wird es noch Wochen dauern. Und es wird auch noch länger dauern, bis wir die Auswirkungen des Impfens auf die Zahlen sehen.

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