PFOS: Stadt will Behörden-Ergebnisse überprüfen

Sorge um das Trinkwasser in Röthenbach

Vierteljährlich wird das Röthenbacher Trinkwasser – hier das Wasserwerk im Schnackenhof – auf perfluorierte Chemikalien getestet. | Foto: PZ-Archiv/Sichelstiel2018/10/Bildschirmfoto-2018-10-23-um-17.52.15.png

RÖTHENBACH — Ist das Trinkwasser der 12 000-Einwohner-Stadt Röthenbach in Gefahr? Giftige perfluorierte Chemikalien, wie sie bereits im Birkensee und im Finstergraben bei Diepersdorf aufgetaucht sind, wurden im Frühjahr in hoher Konzentration an einer stadtnahen Messstelle registriert. Die Röthenbacher wollen sich jetzt nicht mehr nur auf die zuständigen Behörden verlassen. Ein eigener Gutachter soll das Risiko abschätzen.

Lange wiegten sich die Röthenbacher in Sicherheit. Als vor über drei Jahren die Belastung des Birkensees mit dem giftigen Perfluor­octansulfonat (PFOS) öffentlich wurde und bald darauf feststand, dass sich die Chemikalie auch im benachbarten Finstergraben findet, konnte das Landrats­amt beruhigen: Proben bewiesen, dass das Röthenbacher Trinkwasser frei von dem Stoff war, der im Tierversuch Krebs auslöst und das Erbgut schädigt.

Schon 2012 hatte es Kontrollen gegeben. So lange war der Fall den Behörden mindestens bekannt, wie das Bayerische Umweltministerium auf Anfrage aus der SPD-Landtagsfraktion hin eingeräumt hat. Doch obwohl sich an den Testergebnissen bis heute nichts geändert hat, die Brunnen der Stadtwerke inzwischen vierteljährlich überprüft werden und nach wie vor sauber sind, herrscht nun Verunsicherung: Ist es nur eine Frage der Zeit, bis Gift durch Röthenbacher Leitungen fließt?

Diese Zweifel haben viel mit einer Nachricht zu tun, die Landratsamt und Wasserwirtschaftsamt Ende Juli verkündet haben, und sie hängen mit der Art und Weise zusammen, in der das geschehen ist. Die Grünen hatten das Thema mit einem Antrag auf die Tagesordnung des Kreistags gebracht. In der Sitzung hieß es dann, perfluorierte Chemikalien – zu dieser Stoffgruppe gehört PFOS – habe man nun auch in einer „Betriebswasserversorgung im Bereich der Stadt Röthenbach“ entdeckt, die Konzen­tration sei „deutlich höher als im Bereich Birkensee“.

Auf Nachfrage räumte Stefan Bertelmann, Abteilungsleiter beim Wasserwirtschaftsamt, ein, dass er nicht ausschließen könne, dass das Röthenbacher Trinkwasser einmal belastet sein werde. Der Hydrogeologe und Nürnberger Bund-Naturschutz-Vorsitzende Otto Heimbucher warnt seit 2015 unter anderem in der Pegnitz-Zeitung vor dieser Gefahr und wirft den Verantwortlichen Zögern vor. Diese reagierten zunächst mit Skepsis gegenüber seinen Mess­ergebnissen.

Nach Auskunft von Waldemar Munkert, dem Geschäftsführer der Stadtwerke, gibt es bisher lediglich ein Modell, dass die Grundwasserströme an dieser Stelle des Reichswalds beschreibt. Die Röthenbacher Brunnen werden ihm zufolge mit Wasser gespeist, dass von Süden her – also aus Richtung Finstergraben und Birkensee – auf die Stadt zuströmt. Theoretisch kann das PFOS also nach Röthenbach gelangen. Zwar liegen die Brunnen tief im Sandstein, doch es gibt Verbindungen zwischen den Gesteinsschichten.

Näher an der Stadt als bisher

Der erneute Schadstoff-Fund ist vor allem deshalb bedeutsam, weil er näher an den Brunnen liegt als alle bisherigen Messstellen, nämlich „im Gewerbegebiet südlich der Stadt Röthenbach“, wie das Wasserwirtschaftsamt mitteilt. Hinzu kommt, dass laut Umweltministerium das sogenannte zweite Grundwasserstockwerk betroffen ist, das Gift also in jener Tiefe aufgetaucht ist, aus der auch das Trinkwasser stammt.

Bei der Bewertung ist allerdings Vorsicht angebracht. Noch ist unklar, ob der Fall überhaupt mit der Verschmutzung von Finstergraben und Birkensee zusammenhängt, oder ob es eine weitere, zusätzliche Quelle gibt. In der Tat erklärt das Wasserwirtschaftsamt, man gehe „nach derzeitigem Kenntnisstand“ davon aus, dass es sich „um einen weiteren, bisher nicht bekannten, mit anderen nicht in Verbindungen stehenden“ Fund handle. Die Verifizierung sei aber noch nicht abgeschlossen.

Perfluorierte Chemikalien wurden und werden in vielen Indus­triebereichen eingesetzt. Von einem Teil des im Finstergraben gemessenen PFOS weiß man, dass es vom Diepersdorfer Galvanikunternehmen Bolta stammt, welches den Stoff nach eigenen Angaben bis 2012 in Verwendung hatte. Aber schon am Röthenbach, in den der Finstergraben mündet, scheint es mindestens einen zweiten Verursacher erhöhter Konzentrationen zu geben: 2,5 Kilometer vor der Mündung enthält das Gewässer bereits PFOS. Die Ursache der Birkensee-Belastung gilt nach wie vor als ungeklärt, ein Zusammenhang konnte nicht hergestellt werden (siehe unten „Zum Thema“).

Trotz drängender Fragen gibt es nur spärliche Informationen: Glaubt man Klaus Hacker, dem Röthenbacher Bürgermeister, so weiß die Stadt bis heute nicht, in welchem Betrieb die perfluorierten Chemikalien im Frühjahr 2018 neu festgestellt wurden. Auch genaue Messergebnisse kenne er nicht, sagt Hacker im Gespräch mit der Pegnitz-Zeitung. Sinngemäß sei ihm gesagt worden, dass der „Schutz des Betriebs“ derzeit sein Informationsinteresse überwiege. Stadtwerke-Geschäftsführer Munkert sprach gegenüber dem Röthenbacher Stadtrat in der vergangenen Woche sogar von einem „gewissen Widerstand“ bei Landratsamt und Wasserwirtschaftsamt, wenn es darum gehe, Daten zur Verfügung zu stellen.

Vor allem die CSU im Stadtrat mag diese Geheimniskrämerei nicht länger hinnehmen. Er traue inzwischen weder Landrats­amt noch Wasserwirtschaftsamt, stellte Stadtrat Karl-Heinz Pröbster in der jüngsten Sitzung fest, „ich habe das Gefühl, dass gemauert wird“. Sein Fraktionskollege Wolfgang Gottschalk konstatierte: „Die Leute wissen gar nicht, was für eine Gefahr auf uns zurollt.“ Auch wenn andere Fraktionen nach wie vor „gutes Vertrauen“ haben, „dass uns die Behörden informieren“ (Lutz-Werner Hamann, SPD), einigte sich der Stadtrat einstimmig darauf, einen eigenen Gutachter zu beauftragen, wie von der CSU beantragt. Dieser soll die bisherigen Messwerte in Augenschein nehmen. CSU-Mann Gottschalk: „Mir geht es darum, festzustellen, ob etwas vernachlässigt wurde.“ Parallel dazu hat die Kommunalverwaltung das Wasserwirtschaftsamt um
einen Sachstandsbericht gebeten.

Die Stadtwerke bereiten sich indes vorsorglich auf das Worst-Case-Szenario vor: Sie loten Möglichkeiten aus, PFOS aus dem Trinkwasser zu filtern. Eine praktikable Lösung, meint Geschäftsführer Munkert, habe man aber noch nicht gefunden, „wir sind das letzte und schwächste Glied in der Kette“.

Zum Thema: Birkensee: Sanierung ist nicht in Sicht

Im November 2016 berichtete die Pegnitz-Zeitung unter Berufung auf das Nürnberger Wasserwirtschaftsamt, dass der Birkensee ein Sanierungsfall sei. Zu hoch ist die Konzentration des Schadstoffs PFOS in dem Badegewässer. Zwei Jahre später ist noch nicht einmal absehbar, wann eine Sanierung durchgeführt wird – oder ob es überhaupt dazu kommt.

„Trotz umfangreicher behördlicher Untersuchungen“, so das Bayerische Umweltministerium, konnte kein Verursacher ermittelt werden, der dafür zahlen müsste. Die Behörden gehen, anders als beim Finstergraben, von „Altablagerungen“ als Schadstoffquelle aus, wissen aber nicht, wie sie in den See gekommen sind.

Das Landratsamt will die Staatsforsten als Eigentümer des Grundstücks in die Pflicht nehmen. Per Bescheid sollen diese zunächst zu einer kostspieligen Detailuntersuchung verpflichtet werden. Je nach Ergebnis soll dann über das „Ob und Wie der Sanierung“ entschieden werden. Der Bescheid sei fertig, so ein Sprecher des Landratsamts, aber noch nicht erlassen.

Selbst wenn das Schriftstücks das Amt verlässt, herrscht damit nicht Klarheit: Den Staatsforsten bleibt der Klageweg. Dann würde statt der Sanierung erst einmal ein Rechtsstreit folgen.

N-Land Andreas Sichelstiel
Andreas Sichelstiel

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