Bahnstromtrasse

Pommelsbrunner Bürgerinitiative formiert sich

Pia Huber – Sprecherin der IG „Bahnstrom – so nicht“ – erläutert die geplanten Bahntrassen. | Foto: G. Bräutigam2020/08/Bahnstrom.jpg

HUBMERSBERG – Wer in einzigartig schöner Landschaft lebt, denkt schnell, das sei selbstverständlich. Doch die Heimat ist bedroht. Die Deutsche Bahn plant eine 100 Kilometer lange Stromtrasse quer durch die Natur zur Absicherung der Stromversorgung der Strecke Regensburg-Hof. Blankes Entsetzen über die geplante Naturzerstörung rief die Pommelsbrunner auf den Plan. Die Zeit drängt: Am 30. September endet die Frist für die Eingabe von Hinweisen und Alternativvorschlägen aus der Bevölkerung.

Der von der Bahn als Entwurf vorgestellte Trassenverlauf geht am PEZ bei Hohenstadt ab, führt über die östliche Hangseite des Pegnitztals quer durch das Waldgebiet nach Hubmersberg, teilt sich auf der Hochebene im 90 Grad-Winkel und führt zwischen Bürtel und Heuchling in die Oberpfalz Richtung Deinsdorf: Rund 30 Meter hoch und 60 Meter breit soll eine Schneise durch Wälder und Landschaftsschutzgebiete gehauen werden.

Bahnstrom – so nicht

Tangiert wäre die „Windburg“, Wallanlage einer keltischen Höhensiedlung und archäologischer Aussichtspunkt. Gleiches gilt für den Aussichtspunkt zwischen Bürtel und Heuchling und die „Märchenwiese“.  Diese „am Reißbrett zustande gekommene Naturzerstörung“ müsse auf jeden Fall verhindert werden. Daher nahm Rechtsanwältin Susanne Koller aus Hubmersberg Kontakt zur „IG Bahnstrom – so nicht“ in der Oberpfalz auf. Die Interessensgemeinschaft unter der Leitung von Pia Huber, Gemeinderätin in Illschwang, mit Elektroingenieur Gerhard Pirner als Technikexperte hat seit ihrer Gründung am 31. Juli bereits eine Vielzahl von Bürgerversammlungen abgehalten.

Mit der Hilfe vieler Hubmersberger organisierte sie die erste Pommelsbrunner Informationsveranstaltung zur Bahnstromtrasse – und wurde vom Andrang überwältigt: Es kamen über 80 Leute.

Pia Huber freute sich über die Einladung: „Damit reift die IG Bahnstrom zur Landkreisübergreifenden Bewegung!“ Sachlich und engagiert referierte sie den aktuellen Stand der Bahn-Planung: Die Strecke Nürnberg-Marktredwitz werde elektrifiziert, wenn die Rechnung für die Deutsche Bahn stimme. Allerdings habe diese sich durch den neuerlichen Denkmalschutz der Eisenbahnbrücken deutlich verteuert. Hundertprozentig elektrifiziert werde die Strecke Hof-Regensburg, das letzte noch nicht elektrifizierte Teilstück auf der großen Nord-Süd-Trasse von Skandinavien nach Sizilien.

Die IG Bahnstrom stehe voll hinter der Elektrifizierung Nordostbayerns. Für die geplante Bahnstromtrasse zur vorgeschriebenen Zweitabsicherung der Strecke gebe es allerdings deutlich bessere Alternativen. Und darum gehe es der Gemeinschaft: „Bahnstrom ja – Landschaftszerstörung nein.“

Technische Alternativen

Gerhard Pirner schlug technische Alternativen vor: Zur Versorgung der elektrifizierten Altstrecken betreibt die DB ein eigenes, relativ schwaches Hochspannungsnetz mit 110 kV und 16,7 Hertz. Dieses versorgt über sogenannte Unterwerke die eigentliche Fahrleitung mit 15 kV. Es wird zu 70 Prozent von DB-eigenen Kraftwerken versorgt, 30 Prozent kommen aus dem öffentlichen Netz. „Wenn man ein Gebiet neu ausbaut, hat man die Wahl, neue Hochspannungsleitungen in die Landschaft zu setzen oder dezentral über Umrichter direkt aus dem öffentlichen Netz in die Strecke einzuspeisen“, erklärte er.

Beispielsweise werde gerade im Allgäu die Strecke München-Lindau mit dieser Technik ausgestattet. Die Bahn feiere dies auf ihrer Website als Innovation und ihren ökologischen Auftrag (siehe https://gruen.deutschebahn.com/de/massnahmen/umrichterwerke). Die öffentlichen Netze vor Ort haben mehr als ausreichend Kapazität (Ostbayernring 2,8 Gigawatt) und in der Oberpfalz ist so viel Ökostrom vorhanden, dass er abtransportiert werden muss. Wäre es da nicht ökologisch und ökonomisch, ihn gleich vor Ort zu verbrauchen? Durch das Pegnitztal laufen von Ottensoos kommend bereits zwei 110 kV-Leitungen parallel, die Bahn will nun eine Dritte daneben bauen, die es nicht bräuchte.

Und er macht einen Vorschlag: Am geplanten Einspeisepunkt Hohenstadt statt eines Unterwerks moderne Umrichtertechnik einzurichten. Gleiches gelte für Irrenlohe, wo die geplante Sicherheitsleitung der DB von der Hersbrucker Alb kommend auf die Strecke Nürnberg-Hof trifft. Auch dort könnte ein Umrichterwerk direkt aus dem Ostbayernring gespeist werden und die neue Bahnstromtrasse damit überflüssig machen.

Kritische Bürgerfragen

Ein weiteres heikles Thema: Enteignung. Für die Masten werde eine Grunddienstbarkeit eingetragen, so Pia Huber. Die Entschädigung sei minimal. Der Grundstückseigentümer müsse weiter die Fläche versichern und es gäbe eine Reihe von Auflagen, die für den Eigentümer nicht erfreulich seien.

So habe die Bahn jederzeit Zutritt für Wartungsarbeiten oder Ähnliches; dabei auftretende Schäden trage der Eigentümer. Auch sei er verpflichtet, Bewuchs im Wald auf drei Meter Höhe zu halten. Erfülle er diese Auflage nicht, würde die Bahn den gewünschten Zustand her- und ihm in Rechnung stellen.


Bürgermeister Jörg Fritsch versprach, sich bis auf oberste Ebene für das Thema einzusetzen und sicherte volle Unterstützung aus dem Rathaus zu. „Wir sind alle sehr erschüttert, dass hier in unberührte Natur eingegriffen werden soll.“ Es sei ein Offenbarungseid, dass mit veralteter Technik geplant werde, im Zeitalter von Brennstoffzellen und Wasserstofftechnologie. Am 9. September werde eine Onlineveranstaltung der Bahn stattfinden: „Stellen Sie möglichst viele Fragen.“

Weiter geht’s

Vertreter der Dörfer Bürtel, Fischbrunn, Heuchling, Hegendorf, Hohenstadt, Hubmersberg und die Pommelsbrunner Gemeinderätin treffen sich zudem zur Lagebesprechung. Ein großzügiger Sponsor hat sich spontan bereit gefunden, die frisch gegründete Pommelsbrunner „IG Bahnstrom – so nicht“ mit 60 Plakaten zu unterstützen. In den nächsten Tagen wird das Rathaus die Sprecher der Dörfer zu einer Besprechung einladen.

Gabriele Leonie Bräutigam

An der Aktionsgruppe Interessierte können sich bei Susanne Koller unter [email protected] melden.

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