Corona-Pandemie

Die Krankenhäuser und das Besuchsrecht

Patienten in Krankenhäusern dürfen derzeit nur eingeschränkt Besuch von Angehörigen bekommen. | Foto: ronnarong/stock.adobe.com2021/09/AdobeStock-304282554.jpeg

HERSBRUCK – Noch immer sind aufgrund der Corona-Pandemie die Besuchszeiten in den Krankenhäusern stark eingeschränkt. Das macht vor allem Angehörigen von Schwerkranken zu schaffen. Eine Betroffene erzählt.

Der Vater von Maria (Name geändert) ist ein betagter Herr. Über 80 Jahre ist er. Als Anfang des Jahres die Diagnose Krebs kam, traf das die Familie wie aus heiterem Himmel. Seitdem folgt ein Klinikaufenthalt dem nächsten, eine OP der anderen. Zeitweise stand es nicht gut um ihn. Doch Maria, ihre Schwester und die Mutter halten zusammen. Gerade jetzt wollen sie dem Vater und Mann beistehen.

Doch so einfach ist das nicht in Pandemiezeiten. Denn ein Patient darf am Tag nur Besuch von einer Person erhalten, und das auch nur für eine Stunde in einem gewissen Zeitfenster – so die gängige Regel in den meisten Krankenhäusern der Region. Und von denen hat Marias Vater in den vergangenen Monaten schon so einige von innen gesehen. Auch derzeit befindet er sich wieder in stationärer Behandlung in einer Klinik. In welcher will Maria nicht sagen. Sie will den Ärzten und Pflegekräften nichts schlechtes, die sich allesamt rührend bemühten. „Die haben ja auch nur ihre Vorschriften“, sagt Maria. „Aber was Corona mit den Menschen macht …“

Nicht 100-prozentig sicher

Täglich bringt Maria ihre Mutter zum Krankenhaus, mit hinein aber darf sie nicht. Trotz vollständiger Impfung. „Weder die Impfung noch der Genesenenstatus wie auch die Testungen bieten eine 100-prozentige Sicherheit, dass nicht doch das Sars-CoV-2 durch Besucher in die Klinik hineingetragen werden kann. Um dieses „Restrisiko“ so klein wie möglich zu halten, „ist eine Begrenzung der Kontaktpersonenanzahl und der Kontaktzeiten aus infektiologischer Sicht erforderlich“, erklärt Carina Croner von den Bezirkskliniken Mittelfranken den Hintergrund dieser strikten Besuchsregelung.

Am St. Anna Krankenhaus in Sulzbach-Rosenberg sowie am Klinikum Nürnberg, zu dem auch die Krankenhäuser in Lauf und Altdorf gehören, fällt die Antwort ähnlich aus. „Die Besuchsdauer ist auf eine Stunde und eine Person am Tag beschränkt, um Kontakte so gering wie möglich zu halten. Jede Person, die das Klinikumsgelände betritt, kann das Virus in sich tragen und andere Patienten und Patientinnen sowie die Mitarbeitenden gefährden. Ein negativer Corona-Test ist immer nur eine Momentaufnahme“, sagt Julia Peter vom Klinikum Nürnberg.

Familie für die Gesundheit

Dennoch: Maria bricht es das Herz. Sie hat ihren schwerkranken Vater mittlerweile Wochen nicht sehen, geschweige denn in den Arm nehmen dürfen. Ab und an winkt sie ihm zu seinem Fenster hinauf. Und verdrückt dann ihre Tränen. Sie will stark sein für ihren Vater, mit dem sie nur über das Telefon sprechen kann. Der Über-80-Jährige leidet unter den strikten Besuchsregeln. Hätte er seine Familie mehr um sich, ginge es ihm besser, davon ist Maria überzeugt.

Den Kliniken ist dies durchaus bewusst. „Für kranke Menschen in stationärer Behandlung bedeuten die eingeschränkten Besuchsmöglichkeiten bei längerem Aufenthalt einen großen Einschnitt ins Leben, der zur Niedergeschlagenheit beiträgt und sich wiederum negativ auf Heilung und Wohlbefinden auswirkt“, heißt es etwa von Seiten der PsoriSol Hautklinik. „Unser Ziel ist es deshalb, sobald wie möglich die Besucherregelungen wieder zu lockern und somit die direkten Beziehungen aufrechtzuerhalten, welche die Selbstheilung fördern. Aktuell sind jedoch die Hygieneregeln schwer verhandelbar und zum Wohle der Patienten und Mitarbeiter notwendig.“

Diskussionen am Eingang

Gleiches lässt das Klinikum Nürnberg verlauten: Es sei ihnen „bewusst, dass die Einschränkungen für Patienten und Patientinnen und deren Angehörige schmerzlich sein können. Wir befinden uns aber immer noch in einer Pandemie. Für ein Krankenhaus muss der Patientenschutz die oberste Prämisse sein. Je weniger Personen Kontakt zu den Menschen auf den Stationen haben, umso geringer ist das Infektionsrisiko“, erklärt Peter vom Klinikum Nürnberg.

Ja, es gebe Beschwerden von Angehörigen, gibt Peter auf Nachfrage zu. „Wir verstehen, dass die Situation schwierig ist. Allerdings können wir aufgrund der aktuellen Pandemielage mit wieder steigenden Covid-19-Infektionszahlen und zunehmender Belegung auf den Stationen von dieser Regelung zum Schutz aller derzeit nicht abweichen“, macht sie deutlich. Auch am St. Anna Krankenhaus in Sulzbach-Rosenberg kommt es laut Auskunft der Klinik im Durchschnitt ein- bis zweimal am Tag im Empfangsbereich des Krankenhauses zu Diskussionen. Die beträfen häufig auch sogenannte „Querdenker“-Themen.

Weitere Einschränkungen?

Eine Lockerung der Besuchsregeln hält keine Klinik aus der Region derzeit für realistisch. „Mit Beginn der vierten Welle der Pandemie in Deutschland und bei nach wie vor unzureichendem Durchimpfungsgrad der Bevölkerung ist mit einer Lockerung von Besuchsregeln auf absehbare Zeit nicht zu rechnen“, sagt Thomas Rauner, Pandemiebeauftragter und Hygienebeauftragter Arzt am St. Anna Krankenhaus in Sulzbach-Rosenberg. Im Gegenteil: „Sollte es zu einem regionalen Ausbruchsgeschehen kommen, wäre sogar über eine weitere Einschränkung zu diskutieren.“

Maria mag sich das gar nicht vorstellen. „Ich versuche positiv zu bleiben“, sagt sie. Aber es tue weh.„Überall dürfen sich jetzt wieder Menschen treffen, aber meinen kranken Papa darf ich nicht zusammen mit meiner Mutter sehen“, sagt sie. Verzweiflung klingt in ihrer Stimme mit: „Ich seh‘ meine Mama leiden, ich seh‘ meinen Papa leiden und stehe daneben und kann nichts tun.“

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