Respekt vor sozialem Engagement

Bezirksrat Klaus Hähnlein sammelte Erfahrungen mit Wachkoma-Patient Max Krapf.2007/10/20071015_rollentauschhaehnlein_big.jpg

NÜRNBERGER LAND — Sieben Politiker haben in den sozialen Einrichtungen des Caritasverbandes Nürnberger Land den oft rauen Berufsalltag eines Sozialarbeiters erlebt. Sie nahmen an Beratungsgesprächen mit psychisch Kranken teil, halfen in der Kleiderkammer, fuhren mit den Zivildienstleistenden des Don-Bosco-Hauses Essen aus oder trafen auf behinderte Menschen. Landrat Helmut Reich hatte sogar zwei Rollen.

Marina Schuster, Bundestagsabgeordnete (FDP), und Paul Brunner, Bezirksrat (Die Grünen), hospitierten bei einem Beratungsgespräch.

Schuster begleitete Christina Gietl, Leiterin der Beratungsstelle des Sozialpsychiatrischen Dienstes, bei einem Beratungsgespräch zu einer alleinerziehenden Mutter und gestaltete die Beratungssituation aktiv mit.

Nachdem die Kinder sehr laut waren und ständig störten, begann die Politikerin spontan damit, sich mit ihnen zu beschäftigen. Sie spielte mit ihnen Lego, ließ ihnen kleine Ritter auf Pferdchen durchs Zimmer jagen oder stimmte ein fröhliches „Alle meine Entchen“ mit den beiden Jungs an.

Endlich konnte Christina Gietl in Ruhe mit ihrer Klientin das Gespräch führen und war begeistert von dem engagierten Einsatz ihrer prominenten Begleiterin.

Schuster wird der Nachmittag unvergesslich bleiben: „Ich bin schwer beeindruckt von der Arbeit, die Christina Gietl und ihre Kollegen leisten. Im sozialpsychiatrischen Dienst ist es eben nicht wie in einer Autowerkstatt. Hier im ,Miteinander‘ für die Betroffenen etwas zu leisten, dort, wo Emotionen an der Tagesordnung stehen, ist eine ganz besondere Herausforderung.“

Unterschied zur Theorie

Über ganz ähnliche Erfahrungen berichtete Bezirksrat Paul Brunner. Besonders beeindruckend fand er die Vielschichtigkeit der Problemlage, die geschildert wurde. Zur Sprache kamen akute Alltagssorgen, etwa wie der nächste Einkauf gemeistert werden kann, aber auch Schilderungen von tiefsten Depressionen und Ängsten.

Obwohl Brunner selbst einmal Sozialarbeiter war, fühlte er sich hinterher mehr für den Unterschied zwischen Theorie und Praxis sensibilisiert. „Da ist es dann schon seltsam, wenn wir in den Ämtern über Beratungszeiten und Zuschüsse diskutieren. Keiner kann doch ernsthaft festlegen wollen, wie viel Beratungszeit einem suizidgefährdeten Menschen zusteht.“

Landrat Helmut Reich und SPD-Landtagsabgeordneter Thomas Beyer betreuten den Stationären Mittagstisch des Don-Bosco-Hauses.

Es gibt auch viele fröhliche Gesichter zu sehen bei der Aktion Rollentausch im Nürnberger Land. Die Abonnenten des Stationären Mittagstisches waren begeistert: Ihr Mittagessen brachte statt des Zivis die Politprominenz, Landrat Reich und MdL Beyer.

Da mussten die beiden natürlich öfter als einmal für ein Schwätzchen verweilen und so kam es zu kleinen Verspätungen bei der Lieferung von fast 100 Essen für die Kinder und die Senioren im Landkreis. Besonders dann, wenn sie zu spät dran waren, habe er gemerkt, berichtete der Landrat, wie wichtig die tägliche Mahlzeit, schon wegen der willkommenen Abwechslung, besonders für ältere, alleinstehende Menschen ist.

Obwohl Reich schon seit über 20 Jahren im Nürnberger Land für die Kommunen tätig ist, war ihm nicht bewusst, wie wichtig die mobile Küche des Don-Bosco-Hauses für die Versorgung bedürftiger Menschen im Landkreis ist.

Dass das Mittagessen jeden Tag pünktlich vom Hof rollt und auch die Gaststätte im Don-Bosco-Haus rechtzeitig ihre Türen öffnet, dafür sorgt seit vielen Jahren die Hauswirtschaftsleiterin Anneliese Rocks.

Liebevoll stellt sie den täglichen Speiseplan zusammen und kocht sogar nach Bedarf spezielle Essen für Allergiker oder auch muslimische Kunden. Die beiden Politiker durften nach ihrer Tour die Küche beim Mittagessen selbst testen.

Hermann Imhof, Nürnberger CSU-Landtagsabgeordneter, verhalf Besucherinnen der Kleiderkammer Lauf zu einem neuen Outfit.

Als Vater von drei Töchtern sei er in Sachen Damenmode durch eine harte Schule gegangen. Wenn seine Frau verreist war, fanden die morgendlichen Bekleidungsvorschläge des Vaters nicht immer die Zustimmung der Töchter, berichtete er schmunzelnd.

Besonders gefiel ihm in der Kleiderkammer der engagierte und verständnisvolle Einsatz der beiden ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen Maria Doloczki und Ursula Imolauer. Eine der Besucherinnen erzählte ihm, dass die beiden Damen ihr schon in sehr schwierigen Zeiten zur Seite gestanden hätten.

In der Kleiderkammer geht es nicht nur darum, eine passende Hose zu finden, sondern auch darum, auf Menschen zu treffen, die zuhören, wenn einem die Probleme über den Kopf wachsen. Hermann Imhof ist ein Politiker aus der Praxis. Er war viele Jahre stellvertretender Geschäftsführer des Nürnberger Caritasverbandes.

Er empfand es als Bereicherung, bei der Aktion Rollentausch wieder einmal zu erleben, was es für viele Menschen heißt, um das tägliche Überleben zu kämpfen. Oftmals kann das richtige Outfit ja auch entscheidend für die Zusage für eine neue Arbeitsstelle sein.

Norbert Dünkel, CSU, stellvertretender Landrat, lud eine junge behinderte Frau zum Expertengespräch ein und Bezirksrat Klaus Hähnlein besuchte ein Wachkoma-Kind.

Norbert Dünkel lud die spastisch gelähmte Sabrina Wölfel, Jutta Wickert von der Beratungsstelle für behinderte Menschen und Familienentlastungsdienst sowie die Kreisrätin Tanja Riedel zu einem Gedankenaustausch in ein gemütliches Altdorfer Café ein.

Sabrina Wölfel (26) ist von Geburt an spastisch gelähmt und erhält seit kurzem vom Bezirk ein persönliches Budget, das sie für ihre Freizeitaktivitäten verwenden darf. Möchte sie beispielsweise ins Kino gehen, kann sie sich von dem Betrag eine Begleitperson und ihre Eintrittskarte finanzieren.

Die Helfersätze sind von der Vergabestelle auf acht Euro pro Stunde festgelegt. Bei einem Gesamtbudget von 140 Euro im Monat kann sie keine großen Sprünge machen. Besonders ärgerlich findet sie es, dass in den großen Nürnberger Kinos auch die Begleitperson eine Eintrittskarte bezahlen muss und nicht wie etwa bei Konzert- oder Theaterbesuchen freien Eintritt hat.

Ein weiterer Wermutstropfen ist, dass sie jede einzelne Ausgabe mit Quittungen abrechnen muss. Die Abrechnungspraxis ist für viele Anspruchsberechtigte eine Hürde, überhaupt das Budget zu beantragen. Dünkel war sich mit allen Anwesenden einig, dass die Abrechnungspraxis eine große Hürde für das sonst sehr sinnvolle Hilfsangebot ist. Bei Kindergeld oder Hartz IV werde schließlich auch kein Nachweis über das verwendete Geld vom Empfänger verlangt.

Bezirksrat Klaus Hähnlein hat keine Berührungsängste mit behinderten Menschen, dafür ist er schon zu lange im Bezirk und bei der Lebenshilfe tätig. Allerdings war die Begegnung mit Max Krapf auch für ihn die erste mit einem Wachkoma-Patienten. Manchmal lächelt Max, wenn man ihn berührt oder freundlich anspricht.

Keiner weiß genau, was Wachkoma-Patienten empfinden. Familie Krapf kümmert sich Tag und Nacht um den Jungen, der vor zwölf Jahren durch einen Unfall ins Koma gefallen ist. Damit sie auch einmal ausspannen können, dafür sorgt der Familienentlastungsdienst der Caritas.

Landrat Reich in weiterer Rolle

Landrat Helmut Reich beteiligte sich außer bei der Caritas auch im Karl-Heller-Stift in Röthenbach aktiv an der Guten-Morgen-Runde im beschützenden Wohnbereich. Hier begegnete er 17 alten Menschen mit starker Demenz, die in dieser Runde täglich angeregt werden, miteinander in Kontakt zu kommen und ihren Bezug zur Gegenwart zu vertiefen.

Als erstes Haus in Mittelfranken war das Karl-Heller-Stift im Jahr 2005 mit dem Qualitätssiegel Demenz der Alzheimergesellschaft Mittelfranken ausgezeichnet worden. Besonders interessierte er sich für die Vorsorgemaßnahmen zur Vermeidung von Stürzen.

Dabei werden in Zusammenarbeit mit der AOK die Koordination und der Muskelaufbau alter Menschen verbessert. „Ich gehe mit Hochachtung über die hier geleistete soziale Arbeit in mein Amt zurück“, so Reichs Fazit

N-Land Pegnitz-Zeitung
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