Aktionstag in Lauf

Hamsterrad ade: Wege aus der Depression

„Gut, dass das Thema Depression aus einer Tabuzone geholt und breit diskutiert wird”, befand Landrat Armin Kroder in der Laufer Bertleinaula. | Foto: Kohl2016/03/Antidepritag-Lauf-TK-71631.jpg

LAUF — Depressionen nehmen zu, sie drohen zu einer heiklen Volkskrankheit zu werden. Statistiken zeigen Überforderung auf mehreren Seiten: Die Erkrankten werden mit ihren zunehmenden beruflichen und privaten Aufgaben nicht mehr fertig. Die Gesellschaft kriegt das Thema erst allmählich halbwegs auf die Reihe. Ähnlich geht es der Medizin. Der dritte „Anti-Depressionstag“ im Nürnberger Land zog am Samstag viele Menschen, die beruflich oder privat von dem Thema betroffen sind, in die Aula der Laufer Bertleinschule.

Es ging ganz schnell zur Sache. Bei einer Tagesveranstaltung, in der Experten landkreisweit Impulse geben wollen und Workshops Lösungsansätze erarbeiten, ist wenig Zeit für Worthülsen. Landrat Armin Kroder war von der Kürze und Präzision der Grußworte überrascht und versuchte mitzuhalten. Seine Kernaussage: Es ist gut, dass das Thema endlich aus einer Tabuzone geholt und breit diskutiert wird, was zum Image des Nürnberger Landes als sozialem Landkreis passe. Die kirchliche Kabarettgruppe „Schluss mit Lustig“ aus Nürnberg bot kurze, nachdenkenswerte Sketche zum Thema.

„Machen Sie das auch noch – und zwar schnell!” Überlastung? Die kirchliche Gruppe Schluss-mit-Lustig bot Sketche zum Nachdenken.
„Machen Sie das auch noch – und zwar schnell!” Überlastung? Die kirchliche Gruppe Schluss-mit-Lustig bot Sketche zum Nachdenken. | Foto: Kohl2016/03/Antidepritag-Lauf-TK-7196.jpg

„Ist es nicht die ganze Gesellschaft, die ausbrennt? Wir drehen hoch und überhitzen uns“, meinte Prof. Dr. Thomas Kraus, Chefarzt der Frankenalb-Klinik Engelthal, zum Thema Burn-Out. Immer mehr Arbeit in immer kürzerer Zeit erledigen sollen, dabei etliches unmöglich oder zumindest nicht in der erstrebten Qualität schaffen können – wie kommt man aus dem Hamsterrad raus? „Ganz wichtig ist das soziale Netz“, befand der Mediziner: Menschlichkeit in und neben der Arbeitswelt. „Letztendlich geht es darum, dass Sie wieder die Kontrolle über die Situation bekommen.“ Das erfordere oft ein Überdenken von Wertvorstellungen: „Was sind meine wirklichen Aufgaben?“

Einleuchtend, schön gesagt, aber praxistauglich? Ein Zuhörer befand, dass schnell Schuldgefühle entstehen, wenn man den Leistungserwartungen nicht entspricht. Ein großes Problem angesichts des Wertesystems, bestätigte der Experte. „Wie kann ich depressiven Menschen helfen, aus dem Kreislauf rauszukommen?“, war eine weitere Frage. Ebenfalls knifflig, weil ja die Helfer auch nur Menschen mit Gefühlen und eigenen Sorgen sind. „Sie müssen an das positive Zukunftsbild glauben, um es vermitteln zu können“, sagte Professor Kraus.

Drogen als „Schmiermittel“

Zum aktuellen Zeitgeist gehört nicht nur das Turbo-Hamsterrad, sondern auch ein prekärer Schmierstoff: Etliche Menschen halten den beruflichen und privaten Alltag nur noch mit Drogen aus. „Regulierende Wirkung“ wird Substanzen nachgesagt, die oft nur bei akuten schweren Krankheitsbildern angewendet werden dürfen, aber – bei einem gewissen Geschick – auch von anderen Menschen erworben werden können, ohne gleich mit dem Betäubungsmittelgesetz in Konflikt zu kommen.

Auch Medikamente und Drogen prägen Epochen mit, befand Dr. Alfred Schubert, Facharzt für Psychiatrie, in einem lebendigen, aber trotzdem ernsten Vortrag. Haschisch mutet nostalgisch an – angesichts der aktuellen Drogen, die leistungssteigernd wirken sollen. „Es geht hier ums Durchhalten, Nichts-verpassen-wollen!“ Probleme sieht er nicht nur im Hochpushen selbst kleiner Festanlässe zu großen Events, sondern auch im Verlangen vieler Menschen, Idealvorstellungen zu entsprechen. „Was nicht passt, lässt sich passend machen“ – zum Beispiel auch durch plastische Chirurgie.

Wo liegt die Grenze zwischen schlechter Laune und Depression? Da tun sich auch Fachleute mitunter schwer, räumte Ernst Höfler ein, Oberarzt an der Frankenalb-Klinik Engelthal und Vorsitzender von „Bündnis Depression Nürnberger Land“. Eine Fülle von bedrückenden Erlebnissen könne schließlich zu dem Krankheitsbild führen, das mittlerweile durch medizinischen Fortschritt zwar linderbar wird, aber nach wie vor viele Rätsel aufgibt. Wie Menschen aus dem Turbo-Leben heraus plötzlich (zwangsläufig) zu anderen Einstellungen finden, weiß Susanne Singer aus Fürth recht gut. Sie übergab als „Running Angel“ eine 500-Euro-Spende für das Bündnis.

Im letzten Impuls-Referat zeigte Barbara Windschall, Psychologische Psychotherapeutin an der Frankenalb-Klinik Engelthal, mehr als nur abstrakte Zukunftsszenarien, wie das Erleben von lebensbedrohender Gewalt Menschen prägen kann. Sie verband ihren wissenschaftlichen Vortrag mit traumatischen Erlebnissen von Flüchtlingen aus Kriegsgebieten. Was sich in ihnen eingebrannt hat, ist wohl unauslöschlich und bedarf einfühlsamer Fürsorge.

Ähnlich ist es mit vielen Menschen, die – mitunter recht nah bei uns – zu Unglücks- und Katastrophenhelfern geworden sind und nun die Eindrücke bewältigen sollen. Depressions- und Trauma-Bewältigung werden eine große Herausforderung für unsere Zukunft sein, auch das klang bei diesem Treffen in der Bertleinaula an.

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren