Woher stammen Zeichen in der Rascher Schäferkapelle?

Landesamt weist Runen-These zurück

RASCH – Doch keine Runen? Während Pfarrer Ulrich Kleinhempel die Zeichen über den Fenstern der Rascher Schäferkapelle als germanisch identifizierte, winken die Fachleute beim Landesamt für Denkmalpflege ab: Es gebe da keinerlei Bezüge zu Germanen und Wodanskult. Vielmehr seien die von Kleinhempel als Runen bezeichneten Malereien wohl spätgotischen Ursprungs.

Thomas Aumüller, Oberkonservator des Landesamts für Denkmalpflege hat sich die Rascher Schäferkapelle genauer angesehen, nachdem Kleinhempel seine These veröffentlicht hatte, dass im Kirchlein über Jahrhunderte alte germanische Kulte bis ins Mittelalter weiterlebten.

Dabei hatte der Pfarrer unter anderem auf Votivgaben verwiesen, die in der Kirche gefunden wurden, auf die seiner Meinung nach dem Runenalphabet entstammende Zeichen über den Fenstern an der Außenmauer der Kapelle und auf die Ausrichtung der Kapelle: Sie sei nicht, so Kleinhempels Analyse, in Ost-West-Richtung, sondern, wie bei den Germanen üblich, in Nord-Süd-Richtung gebaut. Dazu der Oberkonservater lakonisch: „Die Richtung Ost-West entspricht dem üblichen christlichen Bauschema.“ Die im Untergrund der Schäferkapele gefundenen Figuren seien Grabbeigaben aus dem späten Mittelalter.

Und die Runen? Das seien lediglich Zierformen, die auch über gotischen Steinportalen häufiger vorkommen, hält die Expertise des Landesamts zur Schäferkapelle fest. Was Kleinhempel als Runen bezeichne, seien: eine Art X, eine Raute und eine Kreuzblume. In Dinkelsbühl gebe es ähnliche Arbeiten, die man auf das späte 15. Jahrhundert datiert habe.

Pfarrer Kleinhempels Darlegungen, dass die Schäferkapelle zu germanischer Zeit möglicherweise ein Wodans-Heiligtum war und später hier noch germanische Bräuche weiterlebten, möglicherweise bis ins Hochmittelalter, sorgten in der Rascher Kirchengemeinde für erhebliche Unruhe.

Dekan Jörg Breu dürfte deshalb froh sein über die Ergebnisse aus München: „Weder der Wodansrabe über dem Fenster, noch die germanischen Wurzeln der Schäfertänze sind identifizierbar“, sagte er gegenüber dem Sonntagsblatt und bringt einen Vergleich: „Wenn du im Wald Hufgetrappel hörst, dann denke an ein Pferd und nicht an ein Zebra.“

Pfarrer Kleinhempel ist irritiert angesichts der vorliegenden Expertise des Landesamts. Dort gehe man überhaupt nicht auf die Einzelheiten seiner Analyse ein, stellt er fest. Dass die gefundenen Figuren als Grabbeigaben bezeichnet werden, zeugt für den Theologen „von blanker Unkenntnis“. Selbstverständich seien das Votivgaben.

„Es ist unsere Kultur, es sind unsere Zeitgenossen, die den vorchristlichen Überlieferungen und Vorstellungen neu mit Achtsamkeit und Wertschätzung begegnet – unabhängig davon, ob man sie teilt oder nicht“, stellt Kleinhempel fest. Und er ist sich sicher, dass alle Versuche, diese Vergangenheit zu „Phantasiegebilden“ zu erklären, auf Dauer keinen Erfolg haben werden.

Kleinhempels Thesen fanden zwischenzeitlich große Beachtung weit über die bayerichen Grenzen hinaus. Veröffentlicht wurden sie in katholischen wie in evangelischen Kirchenzeitungen und wurden breit diskutiert.

Dass germanische Kulte selbstverständlich nach der Christianisierung weiter existierten, gilt heute als gesichert. Kultkontinuität nennt man das. Im Protestantismus wurzele allerdings eine heftige Abwehr gegen eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema, sagt Kleinhempel.

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren