Interkulturelle Wochen

„Der Wind muss von unten kommen“

Tauschen sich auf dem Podium im Wichernhaus aus (von links): Armin Kroder, Michael Buschheuer, Gülseren Demirel, Dr. Stephan Dünnwald und Alexander Jungkunz, Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten und Moderator der Veranstaltung. | Foto: Christian Geist2019/10/Altdorf-Interkulturelle-Wochen-Diskussion-2.jpg

ALTDORF – Eine lebhafte Diskussion haben sich wohl nur die wenigsten Besucher versprochen. Dafür war das Podium schlicht zu einmütig besetzt. Was allerdings nicht am Veranstalter, der Altdorfer Seebrücke, lag. Deren Sprecherin, Anke Trautmann, bedauerte, dass ihre Bemühungen, einen CSU-Politiker oder einen Vertreter des bayerischen Innenministeriums zu gewinnen, erfolglos geblieben waren. So glich der Abend einem weitgehend harmonischen Gedankenaustausch zur Frage: „Das Sterben an Europas Außengrenzen – ein kommunales Thema!?“

Kroder: Nächstenliebe und Grundgesetz

„Ich bin Jurist. Und ich bin Christ“, sagt Kroder nach der Vorstellungsrunde und erläutert die Grundhaltung, auf der sein politisches Handeln beruht. Er nennt zum einen die Nächstenliebe, zum anderen das Grundgesetz. Damit nicht zu vereinbaren, sei das Sterben an Europas Außengrenzen. „Die Verhältnisse am Mittelmeer sind nichts anderes als eine Schande“, sagt Kroder, gibt aber zu bedenken, dass Kommunen dazu keine echten Entscheidungen treffen könnten.

Sehr wohl aber könne man ausdrücken, wofür man steht: für ein Miteinander der Religion und Nationen und gegen jede Form von Rassismus und Extremismus. Er sei auch gerne bereit, zu lernen, was eine Kommune per Beschluss erreichen kann. Keinesfalls aber solle sich der Landkreis „in Schaufensterreden ergehen“.

Verantwortung übernehmen

Ob er handlungsfähig oder gar verantwortlich sei, hatte sich auch der Regensburger Maler und Lackierer Michael Buschheuer gefragt, ehe er Sea-Eye gegründet hat. Zunächst einmal sei er nicht verantwortlich. Doch wenn die Anrainer des Mittelmeers nicht helfen, wenn Deutschland nicht hilft, dann komme die Verantwortung auch zu ihm nach Regensburg. „Und so ist es auch bei den Kommunen: Wenn keiner was tut, sind sie genauso verantwortlich wie der Maler in Regensburg“, sagt Buschheuer.

 

 

Gemeinsam Humanität leisten

„Wenn eine Stadt wie Altdorf sagt, wir versperren die Augen nicht, wir übernehmen Verantwortung, dann hat das Wirkung und Aussagekraft“, sagt Gülseren Demirel, Sprecherin für Flucht, Asyl und Migration der Grünen im bayerischen Landtag. Denn es seien jene Kommunen, die 2015 Menschen aufgenommen und integriert hätten. Ferner plädiert Demirel für eine überparteiliche Zusammenarbeit. Keinesfalls dürfe die Debatte zu einer Einteilung in Gut und Böse führen. Schließlich gehe es darum, gemeinsam Humanität zu leisten.

Europa hilft nicht

Ähnlich sieht das Dr. Stephan Dünnwald, Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrats.  „Man muss Salvini nicht verstehen, aber er hat mit großer Brutalität klar gemacht, dass Italien alleine dasteht und Europa nicht hilft, nicht solidarisch ist und keine Flüchtlinge aufnehmen will“, sagt Dünnwald und macht deutlich, dass die Diskussion vor Ort anfangen müsse – in den Kommunen. „Der Wind muss von unten kommen“, sagt Dünnwald, „der kommt nicht von der Landesregierung, da können Sie sicher sein“.

Thema im Kreisrat

Ob das Sterben an Europas Außengrenzen nun ein kommunales Thema ist, wird heute auch der Kreistag besprechen. Die Bunte Liste versucht mit einem Antrag, den Landkreis zu einem sogenannten Sicheren Hafen zu erklären. Ein ähnlicher Antrag war im Altdorfer Stadtrat im Februar knapp gescheitert (wir berichteten). Die Fragerunde zum Ende der Podiumsdiskussion gerät deshalb zu einer kommunalpolitischen Vorschau.

Kreisrat Hans-Joachim Dobbert (Bunte Liste) etwa will von Kroder wissen, was er seinen Freien Wählern für die Sitzung empfehlen werde. Der entgegnet, dass der Antrag nicht mit der Organisation Seebrücke abgestimmt sei und deshalb allein der Bunten Liste diene. Er als Landrat werde nun versuchen, eine Spaltung des Kreistags in Gut und Besser zu verhindern. Ferner gelte es, den Beschluss der Stadt Altdorf zu respektieren. Möglich sei nun, die Entscheidung aufzuschieben und den direkten Kontakt zur Seebrücke zu suchen.

Beispiel München

David Filgertshofer, Vorsitzender der Bunten Liste, entgegnet, dass der Antrag bereits mit der Altdorfer Seebrücke und mit einzelnen Fraktionen abgestimmt sei. Vor allem letzteres verwundert Kroder, der erneut beteuert, nicht gegen ein politisches Signal zu sein. „Aber wie geht’s dann weiter? Ich freue mich immer, wenn am Ende etwas konkret wird.“ Daraufhin berichtet Dünnwald aus München. Dort habe sich die Stadt zu einem Sicheren Hafen erklärt und sei dadurch mit zahlreichen Organisationen in Kontakt gekommen.

Fragen aus dem Publikum

Aus dem Publikum hakt nun Volker David nach. Er nimmt Bezug auf leerstehende Unterkünfte, spricht von einer funktionierenden Infrastruktur, die aktuell nicht ausgelastet sei, und will wissen: „Was hält Sie davon ab, 100 Flüchtlinge im Landkreis aufzunehmen?“ Kroder reagiert nach lautem Applaus im gut gefüllten Betsaal. „Ich könnte es mir leicht machen und sagen: Genau so machen wir’s. Aber das wäre respektlos.“

Denn der Landkreis selbst besitze überhaupt keine Unterkünfte. Im Moment werde jede Einrichtung von Freistaat und Regierung geschlossen, sobald der Vertrag ausläuft. Dabei befürworte er ganz klar eine Vorhaltekapazität. „Bayernweit bauen wir die Kapazitäten ab. Wenn nun die Flüchtlingszahlen steigen“, meint Kroder nachdenklich, „haben wir die gleichen Aufgaben wie 2015.“

 

N-Land Christian Geist
Christian Geist