Sexueller Missbrauch im Zirkus

Artist vor Gericht

Im Küchenwagen und im Stallzelt des Zirkus' sollen sich die beiden Taten in Altdorf und Hallstadt zugetragen haben. | Foto: Redzen/stock.adobe.com2020/11/Altdorf-Zirkus-Vergewaltigung-Adobe-Stock-scaled.jpeg

ALTDORF/BAMBERG. Eine Vergewaltigung im Wohnwagen, eine im Stall-Zelt. Das Opfer ein Mädchen von 15 und von 16 Jahren. Der Täter ihr 44-jähriger Schwippschwager, so heißt es in der Anklageschrift. Der Angeklagte selbst streitet zum Prozessauftakt vor dem Bamberger Landgericht alle Vorwürfe ab.

Lange Zeit hat Clara (Name geändert) geschwiegen. Aus Scham davor, dass ein angeheirateter Verwandter, noch dazu ein deutlich älterer Mann sie zweimal vergewaltigt hat. Nun aber öffnet sich die 16-Jährige gegenüber ihrer Schwester. Die auffälligen Veränderungen ihres Verhaltens lassen sich nicht länger verbergen. Die Erzählung von den Vergewaltigungen macht die Runde. Als der Vater von den beiden Sexualdelikten erfährt, nimmt er das Gesetz in die eigenen Hände – und die seiner Söhne. Mit denen besucht er den mutmaßlichen Täter, um ihn zur Rede zu stellen. Was dann folgt, ist eine Sache für die Ermittlungsbehörden in Dillingen an der Donau: Hausfriedensbruch und gefährliche Körperverletzung mit Fäusten und Messern.

Zwei sexuelle Übergriffe

Wenn man dem Opfer glaubt, dann hat es zwei dramatische Übergriffe gegeben. Einmal gastiert der kleine Familienzirkus Ende 2018 in Hallstadt bei Bamberg. Das andere Mal ein halbes Jahr später in Altdorf. Im ersten Fall soll der Angeklagte seine entfernte Verwandte im Küchenwagen überwältigt haben, als diese sich gerade einen Mitternachtssnack aus dem Kühlschrank holen will. Von hinten habe er sie gepackt, ihr den Mund zugehalten, sie sodann auf ein Schlafsofa geworfen. Danach habe er sich an dem Mädchen vergangen, das sich heftig gewehrt, aber keine Chance gegen den kräftigen Mann gehabt habe. Schließlich habe sie sich vor Angst nicht mehr bewegen können.

Im zweiten Fall soll der Angeklagte der inzwischen 16-Jährigen auf dem Zirkusgelände aufgelauert haben. Auf dem Rückweg von der Toilette soll er sie hinterrücks an den Haaren gepackt und in ein Stall-Zelt gezerrt haben. Dort wiederholt sich der Schrecken. „Ich sagte, ich will das nicht, aber er hat nicht aufgehört.“ Sogar einen dritten Vorfall in einem Wohnwagen soll es gegeben haben. Im Juni 2019 ist man gerade in der Oberpfalz unterwegs. Da soll nur der Besuch ihrer Schwester das Mädchen vor zudringlichen Küssen und mehr gerettet haben.

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Zum eigentlichen Tatgeschehen musste das Mädchen nicht noch einmal aussagen. Das mehr als einstündige Video ihrer Vernehmung durch den Ermittlungsrichter Marco Dippold konnten alle Zuhörer im Saal verfolgen. Damit wollte der Vorsitzende Richter Markus Reznik verhindern, dass sie noch einmal traumatisiert wird. Unter Tränen schilderte sie im September 2019 vor der Kamera die Vorfälle und die seither auftretenden psychischen Probleme. Schlafstörungen, die sie medikamentös zu beheben sucht, Angstzustände, die sie immer wieder ins Zittern und Weinen abgleiten lassen, und Selbstekel, der einen Waschzwang hervorgerufen hat. Zudem hatte sie die Befürchtung, dass sie schwanger geworden sei und habe deshalb einen Frauenarzt aufgesucht.

„Das kann doch nicht gutgehen“

Vor Richter Reznik und seiner Kammer stritt der angeklagte Artist alle Vorwürfe ab. Nicht er habe etwas von dem Mädchen gewollt, sondern sie von ihm. „Sie sagte, sie liebt mich und will unbedingt abgeholt werden.“ Dabei hätte er immer wieder gesagt „Du könntest meine Tochter sein. Das kann doch nicht gutgehen.“ Dass das Mädchen zur Polizei gegangen sei, habe an ihrem Bruder gelegen, der sie geschlagen habe. Auch der Mutter können man nicht glauben, die habe etwas an der Psyche.

Wie im Laufe des ersten Prozesstages erkennbar wird, gibt es außer der belastenden Aussage des Mädchens wohl keine weiteren Beweise. Weder konnten körperliche Spuren der Vergewaltigungen durch Rechtsmediziner gefunden werden. Noch konnte man belastende Chat-Verläufe sichern. Schon gar nicht einige Fotos, die das Mädchen spärlich bekleidet gezeigt haben sollen. Die Bilder habe der Angeklagte von ihr erpresst. Er habe gedroht, ihren Eltern etwas anzutun. Später habe er auch noch ein eindeutiges Video haben wollen. Sehen kann man weder das eine, noch das andere. Denn beide an der Kommunikation beteiligten Smartphones sind nicht überprüfbar. Das des Angeklagten landete gar in einem Wasserkocher. Angesichts der schwierigen Beweislage sind drei weitere Prozesstage bis Anfang Dezember angesetzt.

Von Udo Güldner

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