Siegwart Roses „Don Carlos hinter Stacheldraht“ entstand im Gefangenenlager

Stimmungsbild von historischem Wert

Von seinem Sohn Rainer wurde Siegwart Roses Buch „Don Carlos hinter Stacheldraht“ herausgegeben. Das Werk des 2016 in Rummelsberg verstorbenen Autors erschien posthum. | Foto: Gisa Spandler2017/03/don-carlos.jpg

SCHWARZENBRUCK – Es ist keine Chronik, keine Abrechnung, nicht einmal ein persönliches Tagebuch und schon gar kein verzweifelter Beleg, der das Grauen der jahrelangen Kriegsgefangenschaft ohne Perspektive während und nach dem Zweiten Weltkrieg in den Fokus rückt. Doch was ist Siegwart Roses Buch „Don Carlos hinter Stacheldraht – Erinnerungen eines Kriegsgefangenen Ägypten 1943 – 1948“ dann? Ein Stimmungsbild, subjektiv, eindimensional und dennoch informativ, glaubwürdig und gleichzeitig eine wunderschön gemachte Publikation mit einzigartigen Collagen, Originalbelegen, Fotografien von besonderem historischen Wert und kunstvollen Aquarellen, die jedem Vergleich mit professionellen Künstlern standhalten.

Das Format des im Selbstverlag vom Sohn des Autors, Rainer Rose, im vergangenen Jahr herausgegebenen Werks ist ein sehr seltenes, bedingt durch die Ausnahmesituation des Verfassers: Aufgeschrieben mit 24 Jahren in britischer Kriegsgefangenschaft in einem riesigen Gefangenenlager in Ägypten, mit logischerweise eingeschränkten Mitteln und dennoch umfangreich, anschaulich und trotz der widrigen Umstände in keiner Weise larmoyant, präsentiert sich dieser bebilderte Band äußerst authentisch und lässt den Leser immer wieder staunen.

1859 Tage Gefangenschaft

Die Vorgeschichte: Im Mai 1943 kapitulierte das deutsche Afrikakorps vor den britischen und amerikanischen Truppen in Nordafrika, und der junge deutsche Soldat Siegwart wird auf der Flucht mit drei weiteren Kameraden in Tunesien verraten, von den Briten gefangen genommen und via Schiff und Eisenbahn in das Camp 306 im Landesinneren von Ägypten gebracht. Dieses primitive Zelt- und Hüttenlager wird für genau 1859 Tage seine neue „Heimat“ hinter Stacheldraht. Eine Situation zum Verweifeln für einen 21-Jährigen, sollte man meinen. Doch Rose stellt von Anfang an klar, was er mit seinen Aufzeichnungen in einem Buch mit leeren Seiten, das er wohl über das Rote Kreuz erhalten hat, bezweckt: „Die sehr ernsten Erlebnisse sind deshalb mit Absicht weggelassen … Deshalb will ich mit diesen Zeilen beweisen, dass selbst der P.O.W. (Prisoner of war, die Red.) schöne, heitere und unvergessbare Stunden im Kreise einer herzlichen Kameradschaft erleben kann und erlebt hat.“ Ähnlich äußert er sich auch am Ende des Textes, und man fragt sich, wie er es schafft, in dieser ausweglosen Situation stets das Positive zu erkennen und zu beschreiben. Ein optimistisches Gemüt hatte er wohl zweifellos, aber auch ein bisschen Berechnung dürfte dabei mitgespielt haben, denn der junge Autor schreibt zu Beginn auf Englisch, dass dieses Buch lediglich persönliche Erinnerungen enthält, die von ganz besonderem Wert für den Urheber sind, und keine politischen oder nationalen Tendenzen verbreite. Aus diesem Grund bitte er denjenigen, der es im Fall eines Verlusts finden solle, es nicht zu zerstören, sondern an seine Heimatadresse nach Deutschland zu schicken. Dieser Wunsch würde wohl umso eher erfüllt werden, kalkulierte Siegwart Rose, je freundlicher er mit jenen umginge, die die Gefangenen im Lager beaufsichtigten. So schildert der junge Mann das Lagerleben mit seinen Beschwernissen, aber auch die bescheidenen Highlights, und der Leser erfährt, wie man sich mit den Gegebenheiten arrangiert, ohne zu verzweifeln. Kameradschaft spielt dabei eine ganz große Rolle, Hoffnung, die Erinnerung an zu Hause und auch immer wieder Humor, wenn nicht Galgenhumor. So erfährt man, dass der Stacheldraht, der sie einschließt, zur „Gewohnheitssache“ und den Eingesperrten sogar als Symbol „lieb und teuer“ wird. Auch das eintönige Essen wird nicht wirklich kritisiert, sondern hier hebt der Autor den Aspekt hervor, dass es wohl eine Kunst war, aus der „Verpflegung, die der Tommy liefert, ein reichhaltiges und vielseitiges Essen zu brauen“. Natürlich liegt dieser positiven Einstellung nicht nur der reine Selbsterhaltungstrieb zu Grunde, sondern auch die wohl im Vergleich etwa zur russischen Kriegsgefangenschaft weit annehmbareren Verhältnisse.

Verschiedene Themen

Verschiedene Themen knöpft sich der junge Soldat vor: Charakteristika der Mitgefangenen, den Sport, der im Lager möglich ist, das Ritual der Heimatpostausgabe oder die Zuwendungen, die die Häftlinge vom Deutschen Roten Kreuz hin und wieder erreichten. Mehrere Seiten beschäftigen sich mit dem kulturellen Leben im Lager. Hier äußert sich Siegwart Rose ganz besonders ausführlich über die unterschiedlichen Aufführungen von Konzerten, eigenen Stücken und auch Klassikern der deutschen Literatur. Welch wichtige Rolle diese Art der Bekämpfung von Langeweile spielte, sieht man am Titel des Buches. Ganz offensichtlich genügten die Vorführungen wirklich hohen Ansprüchen, was sich auch an den Zeichnungen ersehen lässt, die Szenen dieser Freizeitbeschäftigung festhalten, oder an den vielen Details wie den gedruckten Eintrittskarten oder Programmflyern.

Mutmachendes Zeugnis

Inwiefern diese Erinnerungen von dokumentarischem Wert für die Nachwelt sind, muss vorsichtig bewertet werden. Ein interessantes und sicher auch mutmachendes Zeugnis eines jungen Menschen in einer jahrelang andauernden Ausnahmesituation ist das Büchlein allemal. Und angesichts der widrigen Umstände ist es erstaunlich abwechslungsreich und attraktiv gestaltet. Neben Szenenbeschreibungen finden sich romantisierende Gedichte, Originalbelege, Skizzen und sehr gelungene Aquarelle, die auf eine besondere malerische Begabung hindeuten. Die Texte sind handschriftlich in Druckschrift niedergeschrieben und enthalten wenige verzeihliche Fehler sowie Bezeichnungen, die man heute als politisch inkorrekt bezeichnen würde („Neger“, „Bimbo“). Dennoch spricht aus dem Inhalt eine lebensbejahende und menschenfreundliche Einstellung, die es umso mehr zu würdigen gilt, wenn man bedenkt, dass das Buch 1946 geschrieben wurde, als der junge Siegwart Rose noch nicht wissen konnte, ob und wann er jemals wieder nach Hause zurückkehren würde. Gisa Spandler

Siegwart Rose, Don Carlos hinter Stacheldraht – Erinnerungen eines Kriegsgefangenen Ägypten 1943 – 1948, Rose Verlag, Schwarzenbruck, 1916, ISBN 978-3-00-051890-4.

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Gisa Spandler
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